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Dave Grossman: Er macht Polizisten zu Kriegern

Dave Grossman gewöhnt Menschen die Skrupel ab, zu töten. Amerikas Polizisten sind auch deshalb so gewalttätig, weil Leute wie Grossman sie seit Jahrzehnten trainieren.

Lenz Jacobsen / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

US-Präsident Donald Trump hatte sich gerade den Weg zu einer Kirche vor dem Weissen Haus mit Gewalt freiräumen lassen, als sich auch Dave Grossman an die amerikanische Polizei wandte.

«An unsere Schäferhunde, in dieser dunklen Stunde», beginnt sein Posting bei Facebook. Dazu stellte er das Gemälde eines amerikanischen Unabhängigkeitskämpfers in Heldenpose, das Hemd offen, die Flagge weht im Wind, das Gewehr erhoben. Darüber steht: «Gott liebt uns, und er will unbedingt etwas tun, um auf diese schlimmen Zeiten zu reagieren. Er hat dich geschickt.»

Gott hat die Polizisten zum Kämpfen auf die amerikanischen Strassen gesandt, so sieht Grossman das. Das Töten aber, das hat er, Grossman, ihnen beigebracht.

David Grossmann

Dave Grossmann reist durch die Vereinigten Staaten und tritt vor Soldaten auf, vor Zivilisten – und vor Polizisten. Bild: Youtube/raig Atkinson Verité

Jedes Jahr werden in den USA, je nach Schätzung, 1000 bis 1600 Menschen von Polizisten erschossen, unverhältnismässig oft Schwarze. Die Militarisierung der Polizei, ihr chronischer Hang zu exzessiver Gewalt, ist eine der Hauptursachen für die aktuellen Proteste in den USA. Und der 63-jährige ehemalige Elitesoldat Dave Grossman hat zu dieser Enthemmung beigetragen, seit 20 Jahren schon.

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Killology nennt Grossman sein Konzept, die Wissenschaft vom Töten. Wobei es eher darum geht, das Töten zu erleichtern. Wer richtig vorbereitet sei, so Grossman, für den sei Töten «keine grosse Sache», sondern sogar «befriedigend». Man solle sich deshalb nicht schlecht fühlen, sondern gut.

Er beschwört einen dauernden Kriegszustand

Mit diesen Botschaften und seinen Kursen, die Titel tragen wie Bulletproof Mind, der kugelsichere Verstand, reist Grossman durch die Vereinigten Staaten, tritt vor Soldaten auf, vor Zivilisten – und vor Polizisten. Manchmal vor kompletten Revieren. Laut eigener Auskunft hat Grossman in allen Staaten der USA, in allen Bereichen der US-Armee sowie in allen Polizeiabteilungen Trainings durchgeführt.

Darauf läuft sein Training hinaus: das Töten zu erleichtern, indem er es als richtig darstellt.

Was tut er da? Was bringt er ihnen bei? Man kann seine Seminare anschauen, zum Teil in voller Länge, beispielsweise eines von 2015. Grossman – ein drahtiger Mann mit kurzem Militärhaarschnitt, auf der Brusttasche seines dunklen Funktionshemds ist «Grossman Academy» gestickt, das «o» als Fadenkreuz – beschreibt darin ausführlich das Bild einer Welt tödlicher Bedrohungen.

So lehrt Grossmann:

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Es sei «nur eine Frage der Zeit» bis Terroristen Ebolaviren in den USA einsetzten oder nicht näher definierte böse Menschen kämen, «um unsere Kinder zu töten». Über die Polizisten sagt Grossman: «Es ist ihr Job, da reinzugehen wie der Donner.» Dabei sieht er seine Zuhörer eindringlich an: «Seid besser bereit!»

Darauf läuft sein Training hinaus: das Töten zu erleichtern, indem er es als richtig darstellt. Als harte, aber notwendige Aufgabe, der nur die Besten gewachsen sind. Als Heldentat. «Nur ein Killer kann einen Killer jagen», sagt Grossman.

Er beschwört einen dauernden Kriegszustand, gegen Drogen, Kriminalität, was auch immer. «Versteht ihr, dass wir im Krieg sind?» ruft er den Zuhörern zu, «Und versteht ihr, dass die Polizisten die Frontkämpfer in diesem Krieg sind?» In einem Interview mit dem Sender PBS sagte Grossman 2005: «Töten ist nicht das Ziel, aber uns allen ist klar, dass es das wahrscheinliche Ergebnis ist.»

Um die Alternativen, um Deeskalation, um Kommunikation, selbst um die Möglichkeit, Gegner kampfunfähig zu machen, statt sie zu töten, kümmert sich Grossman nicht. Die Abwägung, ob Töten die richtige Antwort auf die Situation ist, spielt bei ihm keine Rolle. Das Ziel seiner Seminare ist der «mature warrior», der reife, selbstbewusste Krieger.

Laut einer Reportage des New Yorkers war Grossman zeitweise mit seinen Kursen für 200 Tage im Jahr ausgebucht. Nach eigener Auskunft ist sein Buch On Killing – Über das Töten – Pflichtlektüre in der FBI-Ausbildung und an zahlreichen Polizeischulen.

In this Sunday, May 31, 2020 photo, Athens-Clark County police officers in riot gear and backed up by a military vehicle move in on the protesters to remove them from Broad Street in downtown Athens, Ga. The protest was organized to demonstrate the death of George Floyd, who died in police custody in Minneapolis on May 25, sparking demonstrations and riots around the country. (Joshua L. Jones/Athens Banner-Herald via AP)

Sieht aus wie Militär, ist aber die Athens-Clark County Police. Bild: keystone

Es ist unmöglich, genau zu wissen, wie viele Polizisten in den vergangenen 20 Jahren von Grossman trainiert wurden, seine Lehren aufgenommen haben. Aber es dürften Tausende, wenn nicht Zehntausende sein. Die Grossman Academy bietet ihre Kurse auch für «bewaffnete Bürger» an und neben den Liveseminaren gibt es für 79 Dollar einen Onlinezugang zu den Lehrvideos.

Grossman hat, neben der Lehre vom Töten, noch eine zweite Botschaft, die er unters amerikanische Volk bringt: Er ist der Meinung, dass moderne Filme und Videospiele viel zu brutal sind und amerikanische Kinder verrohen. Auch dazu hat er ein Buch geschrieben, das er als wissenschaftlichen Durchbruch feiert, von der Fachwelt aber nicht ernst genommen wird.

Es reichte aber, um 2018 von Donald Trump eingeladen zu werden. Der Killology-Autor Grossman, der Menschen die Skrupel zu töten abtrainiert, war Mitglied eines runden Tisches zur Waffengewalt, den der US-Präsident nach einem Massaker an einer Schule in Florida einberief.

Als 2016 ein Polizist in Minneapolis bei einer Verkehrskontrolle den schwarzen Philando Castile erschoss, seine Freundin und die vierjährige Tochter sassen mit ihm im Auto, geriet auch Grossman in die Kritik. Es stellte sich heraus, dass der Polizist zwei Jahre zuvor eines der Bulletproof-Trainings absolviert hatte, das Grossman zusammen mit der Firma eines anderen berüchtigten Trainers gegeben hatte, der des Ex-Polizisten Jim Glennon.

Krieger töten, sie knien nicht

Spätestens seitdem wächst der Widerstand gegen Grossmans Ansatz. Glennon bemühte sich zu versichern, es gehe im Seminar nicht um das Antrainieren einer Kriegermentalität und einige Polizeireviere buchten Grossman danach nicht mehr.

Der Wissenschaftler, Uni-Dozent und Ex-Polizist Seth Stoughton sagte dem Magazin Inside über Grossmans Arbeit, im engeren Sinne könne die Kriegermentalität Polizisten in lebensbedrohlichen Situationen helfen, die Zähigkeit zu haben, die sie zum Überleben brauchen.

Aber «es ist eine viel breitere Metapher geworden für alle Aspekte der Polizeiarbeit und sie hat zu einem sehr kontroversen Ansatz beigetragen, bei dem den Polizisten gesagt wird, dass sie Superhelden sind, im Kampf gegen die Mächte des Bösen, dass sie die Frontsoldaten sind im Krieg gegen die Anarchie». Wer im Gegenüber eher feindliche Kämpfer als Mitglieder der Gemeinschaft sehe, der neige auch eher zu Gewalt, so Stoughton.

Mittlerweile gibt es Gegenbewegungen gegen diese Militarisierung der Polizei. 2015 gaben zwei Harvard-Forscher im Namen das National Institute of Justice, immerhin die Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Justizministeriums, eine neue Linie aus: «Von Kriegern zu Beschützern: amerikanische Polizeikultur wieder auf demokratische Ideale gründen».

Kämpfen oder beschützen? Auch um diese unterschiedlichen Grundhaltungen geht es jetzt, wenn täglich neue Bilder und Videos davon auftauchen, wie Polizisten in den USA auf die Proteste reagieren. Manche prügeln, andere reden. Manche ziehen sofort die Waffe, wenn sie schwarze Protestierende sehen, andere knien sich aus Solidarität mit ihnen hin. Wer von ihnen den Lehren Dave Grossmans folgt, dürfte klar sein. Denn Krieger töten, aber sie knien nicht.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit Online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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Tödliche Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA

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