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Die Taliban bomben weiter – und warten ab

Bild: EPA/EPA

Noch im Herbst schien ein Frieden in Afghanistan in greifbarer Nähe, doch dann brach Präsident Trump die Verhandlungen erst einmal ab. Wie stehen die Chancen für 2020?

Hasan Gökkaya / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Es ist der wohl längste Krieg, in den die USA je verwickelt waren. Mehr als 18 Jahre sind vergangen, seit das Talibanregime in Afghanistan durch Militärschläge der US-Armee gestürzt wurde. Doch die Gewalt der radikalen Islamisten prägt das Land bis heute.

Allein in den vergangenen zwei Wochen starben bei Anschlägen mindestens 94 regierungsnahe Einsatzkräfte und 36 Zivilisten, berichtet die New York Times in ihrem War Casualty Report. Die meisten Menschen tötete ein Talibankämpfer, der sich in der Provinz Ghasni erst in die afghanische Armee einschleuste und dann auf seine Kameraden schoss.

Hat die US-Armee noch eine funktionierende Strategie für Afghanistan?

In den Anfang Dezember veröffentlichten Afghanistan Papers der Washington Post wird das zumindest infrage gestellt. Dem Bericht zufolge hat die US-Regierung die Öffentlichkeit über Jahre mit beschönigenden Aussagen über den Kriegsverlauf in Afghanistan getäuscht. Die Zeitung beruft sich dafür auf 2'000 Seiten bislang unveröffentlichter Dokumente.

Taliban betrachten die Regierung als Marionette

Trotz der extremen Gewalt gibt es derzeit aber noch Hoffnungen, dass der Krieg in Afghanistan doch ein Ende finden könnte. Seit Sommer 2018 versuchen die USA mit den Taliban einen Friedensvertrag auszuhandeln. Eigentlich deutete im Herbst zunächst alles auf eine Einigung hin, doch dann brach US-Präsident Donald Trump vor drei Monaten die Verhandlungen überraschend ab. Vor zwei Wochen aber traf der US-Sondergesandte Zalmay Khalilzad dann doch erneut Vertreter der Taliban, um einen Deal voranzubringen.

Die Verhandlungen fallen in Afghanistan in eine politisch brisante Zeit. Ende September fanden in dem Land Präsidentschaftswahlen statt – an deren Ende sich beide Kandidaten, Amtsinhaber Ashraf Ghani und Regierungschef Abdullah Abdullah, zum Sieger erklärten. Fast drei Monate später hat die Wahlkommission nun angegeben, dass Ghani mit 50.6 Prozent der Stimmen vorn liegt. Das endgültige Wahlergebnis ist allerdings noch immer nicht veröffentlicht.

FILE - In this June 17, 2019 file photo, Afghanistan's President Ashraf Ghani speaks with British Prime Minister Theresa May at the start of their meeting inside 10 Downing Street in London. Afghanistan's election commission said the president has won a second term, earning 50.64% of a preliminary vote count announced Sunday, Dec. 22, 2019, but his opponents can still challenge the result.(AP Photo/Matt Dunham, Pool, File)

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani. Bild: AP

Wer auch immer letzten Endes das Rennen macht: Grossen Einfluss auf die Verhandlungen hätte vermutlich ohnehin keiner der Kandidaten. Denn die afghanische Zentralregierung in Kabul darf an den Gesprächen, die die Zukunft des Landes bestimmen, gar nicht teilnehmen. Das liegt daran, dass die Taliban die Regierung als «Marionette» des Westens ansehen und grossen Druck ausgeübt haben, dass sie nicht mit am Verhandlungstisch mit den Amerikanern sitzt.

Dass Präsident Trump dieser Forderung nachgegeben hat, dürfte mit dem Bedeutungszuwachs der Extremisten zu tun haben. So steht das in 34 Provinzen und fast 400 Distrikte unterteilte Land Schätzungen zufolge heute wieder zur Hälfte unter der Kontrolle der Taliban. Aus einer Studie der BBC (2018) geht sogar hervor, dass sie auf 70 Prozent des Landes erheblichen Einfluss hätten.

Trump verfolgt ein grosses Ziel: die Soldaten heimholen

Die USA haben sich auch deshalb dem Wunsch der Taliban gebeugt, weil für Präsident Trump ein Ziel hohe Priorität hat: den teuren Krieg zu beenden und die US-Soldaten nach Hause zu holen. Gelingt ihm das noch vor der Präsidentschaftswahl 2020, könnte er dies als grossen Erfolg verkaufen.

Einfach dürften die Amerikaner es mit den Taliban am Verhandlungstisch aber nicht haben. Denn eine Erkenntnis nach fast 7'000 Tagen Krieg gegen die Extremisten und der Beteiligung Dutzender Nationen in Afghanistan: Auch wenn seit 2001 Tausende Taliban getötet wurden, die Dschihadisten sind militärisch nicht zu besiegen.

Die USA sind heute mit noch rund 14'000 Militärangehörigen die am stärksten vertretene Nation im Land. Allein die Kosten für das US-Militär belaufen sich seit Beginn des Kriegs auf 975 Milliarden Dollar. In dem Bericht der Washington Post wird die Zahl der Toten auf insgesamt 157'000 Menschen geschätzt.

Am heftigsten hat es afghanische Sicherheitskräfte und Zivilisten getroffen, von mehr als 100'000 Toten ist die Rede. Hinzu kommen laut des Berichts rund 42'000 getötete Taliban sowie mehr als 3'400 tote US-Militärangehörige und Nato-Verbündete.

«Die Taliban können noch lange so weitermachen.»

Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network

«Die Taliban sehen die Verhandlungen mit den USA als den kürzeren Weg zur Macht – zumindest kürzer als ein womöglich jahrelanger Krieg, deshalb sind sie an einem Deal mit den USA interessiert», sagt Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network.

«Natürlich gibt es auch Kämpfer, die nach so vielen Jahren lieber aufhören und nach Hause möchten. Aber das heisst nicht, dass die Taliban als Organisation kriegsmüde sind. Im Gegenteil: Sie können noch lange weitermachen.»

Ruttig glaubt, dass die Taliban in den Friedensverhandlungen einen geringeren Druck verspüren als die USA – schlicht weil sie wissen, dass Donald Trump diesen Deal auf jeden Fall durchsetzen möchte. Er hat den Krieg in Afghanistan schon mehrfach als «endlosen Krieg» bezeichnet und versprochen, die in Afghanistan stationierten US-Soldaten nach Hause zu bringen. Die Taliban sind vielleicht nicht kriegsmüde, die USA scheinen es aber zu sein. 

«Das Gefühl von Ungerechtigkeit hat Sympathien für die Taliban geweckt.»

Fausia Kufi, Autorin und Politikerin

Extremisten haben Rückhalt

Wie aber erklärt man sich das Erstarken der Taliban? Wie kann es sein, dass die Extremisten in gewissen Teilen der Bevölkerung noch immer so viel Rückhalt geniessen? Die Autorin und Politikerin Fausia Kufi sagte kürzlich in einem Interview mit ZEIT ONLINE, dass die Regierung es gerade in den ländlichen Regionen nicht schaffe, die Einwohner zu erreichen.

Bei Streitigkeiten etwa würden sich die Taliban schneller um die Belange der Dorfbewohner kümmern. «Die Bevölkerung dort hat ein viel schwierigeres Leben als die Bevölkerung in einer Stadt wie Kabul», so Kufi. Sie erhalte kaum Unterstützung, den Menschen werde nicht ausreichend geholfen, wenn sie Probleme haben. «Hinzu kommt die Armut. Das Gefühl von Ungerechtigkeit hat Sympathien für die Taliban geweckt.»

In den wieder aufgenommenen Verhandlungen plane der US-Sondergesandte Khalilzad daher in einem ersten Schritt, die Taliban zu einer Reduzierung der Gewalt im Land zu bewegen. Langfristig sieht der angestrebte Friedensvertrag einen Abzug der US-Truppen vor.

Die Taliban sollen im Gegenzug versprechen, keine Terrorgruppen zu schützen, die die internationale Gemeinschaft bedrohen – wie einst Al-Kaida, die für die Terroranschläge vom 11. September verantwortlich sind und daher für die USA der Anlass waren, gemeinsam mit Verbündeten in den Krieg gegen Afghanistan zu ziehen.

Der Deal sieht ausserdem vor, und hier wird es besonders heikel, dass die Taliban und die Zentralregierung in Kabul sich in Zukunft die Macht über das Land teilen. Angesichts der gegenwärtigen Gemengelage ist allerdings kaum vorstellbar, wie das in der Praxis funktionieren könnte.

«Das wären dann die wahren Friedensverhandlungen»

Schon bevor Trump die Verhandlungen im September abbrach, sah der Fahrplan vor, dass nach Unterzeichnung des Friedensvertrags im zweiten Schritt innerafghanische Verhandlungen zwischen Afghanistans Regierung und den Taliban stattfinden sollten. Dafür sollten sich beide Parteien offiziell in Norwegen treffen. Damals wie heute ist kaum absehbar, wie eine solche Einigung aussehen könnte. «Das wären dann erst die wahren Friedensverhandlungen», sagt Afghanistanexperte Ruttig.

In den vergangenen Monaten, so seine Beobachtung, hätten die Taliban zumindest auf grössere Anschläge in Stadtzentren mit vielen Zivilisten verzichtet. «Es ist ein nicht erklärtes, aber offensichtliches Signal an die USA, über eine Senkung der Gewalt zu reden. Natürlich ist das Gewaltniveau aber nach wie vor hoch.»

Derzeit befinden sich 17'000 Militärangehörige im Rahmen der Nato-Mission Resolute Support in Afghanistan, die sich vor allem auf die Beratung und Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte konzentriert. Die USA stellen für die Mission mehr als 8'000 Soldaten. Ein davon unabhängiger Teil der US-Armee soll auch an Antiterroroperationen gegen Al-Kaida und den «Islamischen Staat» teilnehmen.

Sollten die USA sich zu einem überhasteten Abzug verleiten lassen, würde die Unterstützungskraft für die afghanischen Sicherheitskräfte (300'000 Personen) erheblich zurückfallen und die Gefahr, dass das Land weiter destabilisiert wird, vermutlich steigen. Vor wenigen Tagen hat der US-Sender CNN gemeldet, dass Washington plane, in Kürze 4000 Soldaten aus Afghanistan abzuziehen – offenbar noch vor der Unterzeichnung eines Deals.

Dieser Artikel wurde zuerst auf «Zeit Online» veröffentlicht. watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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