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Amerika ist «fuchsteufelswild» – ein Augenschein in Washington

Auch am Samstag gingen in Amerika erneut Zehntausende von Menschen auf die Strasse. Ein Augenschein in Washington, wo sich die friedlichen Demonstranten auf der «Black Lives Matter Plaza» versammelten.

Renzo Ruf aus Washington / ch media



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Edythe Ford reiste aus Detroit an, um am Samstag in der amerikanischen Hauptstadt zu demonstrieren. bild: az

Edythe Ford ist nicht zu übersehen. Die Afroamerikanerin hat sich ein überdimensioniertes Plakat umgebunden, auf dem zu lesen ist: «Ich bin 61 Jahre alt und die sechste Generation, die immer noch gegen Rassismus protestiert.»

Und trotz dieses Slogans zeigt sich Ford, die zusammen mit einer Gruppe von Aktivisten extra aus Detroit (Michigan) angereist ist, um an diesem schwül-heissen Sommertag an der Grossdemonstration in Washington teilzunehmen, optimistisch. Sie verweist darauf, dass nicht nur Afroamerikaner «fuchsteufelswild» über den Tod des 46 Jahre George Floyd seien, der vor fast zwei Wochen in Minneapolis (Minnesota) in Polizeigewahrsam starb. Deshalb seien nun die meisten Teilnehmer der Demonstration weisser Hautfarbe – ganz im Gegensatz zu den Sechzigerjahren, als sie erstmals an einer Demonstration gegen Rassismus teilgenommen habe, und schwarze Amerikaner fast keine weissen Verbündeten gehabt hätten.

In der Tat. Auf den Strassen Washingtons, rund um das immer noch abgeriegelte Weisse Haus, das von uniformierten Kräften beschützt wird, marschieren am Samstag auffallend viele junge weisse Aktivisten. Sie tragen Plakate, auf denen «Black Lives Matter» steht (was sich auf Deutsch mit «Das Leben von Schwarzen ist von Bedeutung» übersetzen lässt), die Devise der losen Bürgerrechtsbewegung, die vor fast sieben Jahren im Zuge des brutalen Übergriffs auf den Teenager Trayvon Martin in Sanford (Florida) begann. Sie schreien Slogans. Und sie fordern auf ihren Plakaten eine Reform oder gar die Abschaffung der Polizei.

«Wir schreiben Geschichte.»

Eine dieser Demonstrantinnen ist die 23-jährige Emily Probus. Sie sagt, sie sehe es als ihre Pflicht an, sich mit Afroamerikanern solidarisch zu zeigen und gegen Rassismus zu protestieren. Als Weisse sei sie privilegiert, sagt sie, weil sie keine Angst haben müsse, von Ordnungshütern willkürlich angehalten oder schikaniert zu werden. Gefragt danach, welchen Eindruck sie von der Kundgebung habe, sagt Probus: «Wir schreiben Geschichte.» Und: Es sei «traumhaft», dass ganz unterschiedliche Menschen zusammengekommen seien, um für ein besseres Land zu demonstrieren.

Erst die kommende Präsidentenwahl werde allerdings zeigen, wie ernst die Demonstranten es mit ihren Forderungen meinten; die junge Frau aus der Agglomeration von Washington, die übrigens wie die meisten Demonstranten eine Gesichtsmaske trägt, zeigt sich überzeugt davon, dass Fortschritt nur möglich sei, wenn der Amtsinhaber abgewählt werde.

Ähnliche Worte wählt auch Muriel Bowser. Die Stadtpräsidentin von Washington, im Amt seit 2015, gefällt sich in der Rolle der Antagonistin von Präsident Donald Trump. Also sagt die Afroamerikanerin, während einer kurzen Rede zu den Demonstranten: «Heute sagen wir Nein. Im November sagen wir: Der nächste.»

Einen ähnlich starken Eindruck wie ihre kämpferische Rede machte eine Guerilla-Aktion der 47 Jahre alten Demokratin. In der Nacht auf Freitag liess Bowser einen Strassenzug, der direkt zum Weissen Haus führt, in «Black Lives Matter Plaza» umbenennen – und den symbolkräftigen Namen mit gelben Buchstaben auf den Strassenbelag schreiben.

Für diese Aktion wird Bowser auch noch einen Tag später bejubelt, selbst wenn nicht alle Demonstranten mit ihrer Regierungsarbeit zufrieden sind. (Die Stadtpolizei von Washington, für die sie letztlich verantwortlich ist, schlägt sich mit ähnlichen Problemen herum wie die Polizeikorps anderer amerikanischer Grossstädte.)

Kein Programm, keine Marschroute

Auffallend ist auch: Die Stadtpräsidentin ist an diesem Nachmittag die einzige Politikerin, die zu den protestierenden Menschen spricht. Die Kundgebung ist erfrischend desorganisiert, ohne zentrale Bühne und festes Programms. Also treffen immer wieder Demonstranten auf der «Black Lives Matter Plaza» ein, auf der getanzt, gesungen und diskutiert wird.

Dann werfen die Menschen einen Blick auf das Weisse Haus, in dem sich Trump verschanzt hat, und sie machen sich wieder auf den Weg – in Richtung Lincoln-Memorial oder zum Parlamentsgebäude. Er habe so etwas noch nie gesehen, sagt ein Mann, der von sich sagt, er habe seit der Wahl 2016 keinen Protest in Washington ausgelassen.

Bis in die späten Abendstunden bleibt die Lage in der Hauptstadt friedlich. Das massive Sicherheitsaufgebot – neben Nationalgardisten aus dem ganzen Land blockieren zum Beispiel auch Agenten der Drogenpolizei DEA einige Strassenzüge – lässt die Demonstrationen zu, ohne einzugreifen. Auch in Städten wie New York City und Philadelphia blieben die Kundgebungen, an denen sich Zehntausende von Menschen beteiligten, friedlich.

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28Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Max Monti Calvary 08.06.2020 15:23
    Highlight Highlight Ich glaube man sollte die friedlichen Demonstranten getrennt von der niederbrennenden Antifa betrachten, welche die allseits verständlichen, friedlichen Proteste, mit ihren bekannten desktrutiven Aktionen unterwandert.
    Die rassistische Polizei ist ein langjähriges Problem auf bundestaatlicher Ebene, welches unter Bush, Clinton und Obama auch schon bekannt war. Die USA ist immer noch ein föderalistischer Staat, daher sollten die Schuldzuweisungen auch daher gehen.
  • Wurstbrot 08.06.2020 04:45
    Highlight Highlight USA ist nicht gleich "Amerika"
  • Unicron 07.06.2020 23:15
    Highlight Highlight Er war ja so traurig weil so wenig Leute an seine Amtseinführung gekommen sind, jetzt hat er es endlich geschafft die Massen anzuziehen welche er sich gewünscht hat.
    • Juliet Bravo 08.06.2020 01:07
      Highlight Highlight Die, die sich versammeln, sind aber eben die, die er sich gerade weggewünscht hätte aus seinem Amerika. Dumm gelaufen, Mr President.
  • Gawayn 07.06.2020 14:16
    Highlight Highlight Na und?
    Trumpel wird es in seinem Bunker aussitzen

    In 1 bis 2 Monaten ist Gras darüber gewachsen.
    Sollte es mit der Wirtschaft dann aufwärts gehen, wird er wieder zu Unrecht behaupten das sei sein Verdienst.

    Dann ist noch die Frage, ob die Demonstranten heute, im November auch wählen gehen.

    Aber selbst wenn Millionen mehr für Biden sind.
    Sind die wertlos, gegen ein paar mehr Wahlmänner gegen ihn.

    Deshalb kann in den USA mit allem gerechnet werden...
  • DaAlex 07.06.2020 13:31
    Highlight Highlight “Brutaler Übergriff” bei Trayvon Martin ist wohl etwas untertrieben. Er wurde ermordet, erschossen...
    • Eskimo 07.06.2020 21:18
      Highlight Highlight In den USA werden jährlich um die 50 Polizisten erschossen. Die Täter sind überdurchschnittlich häufig Schwarze. Vielleicht der Grund dass es deswegen nie einen Aufstand gibt..Niemand will als Rassist bezeichnet werden. Aber es erklärt halt auch, warum Polizisten im umgang mit Schwarzen etwas unzimperlicher und nervöser sind...
    • Binnennomade 08.06.2020 11:57
      Highlight Highlight In den USA werden jährlich über 1000 Zivilisten von Polizisten erschossen. Die Opfer sind überdurchschnittlich häufig Schwarze. Erklärt halt auch, warum Schwarze im Umgang mit Polizisten etwas unzimperlicher und nervöser sind..

      Bisschen ein Huhn und Ei Problem, findest du nicht? Jetzt wie löst man das? Sollen Schwarze einfach keine Angst mehr vor Polizisten haben? Oder wäre es an der Polizei, im Umgang mit Schwarzen zwar vorsichtig, aber deeskalierend zu agieren?
  • Jawolaufensiedenn 07.06.2020 11:25
    Highlight Highlight Die beste Lösung:

    Play Icon
    • ikbcse 07.06.2020 16:36
      Highlight Highlight Spannend, dass im ganzen Video ausschließlich Weiße auftreten.
    • Juliet Bravo 07.06.2020 21:41
      Highlight Highlight Das ist in der Tat sehr spannend. Das gab es so in den Protesten gegen Rassendiskriminierung nicht. Bei Martin Luther King war das eine rein Schwarze Angelegenheit.
      Es sind zurzeit offenbar auch die überwiegende Mehrheit der Weissen für die Proteste und gegen den Rassismus und solidarisieren sich.
    • Gawayn 07.06.2020 23:28
      Highlight Highlight Ja Juliet scheint so.
      Doch was bedeutet es?
      Ist es gut, weil die Weißen sich solidarisieren,
      Oder schlecht weil weniger Schwarze es für wichtig genug halten mit zu machen?

      Wie auch immer. Demonstranten demonstrieren. Das bedeutet nicht das sie auch wählen gehen.

      Ich faße es noch immer nicht.
      Über 320 Mio Amis.
      2 Greise stehen zur Wahl. Der Amtierende ist eine Katastrophe
      Der Zweite eine Schlafmütze...
    Weitere Antworten anzeigen
  • Chrisbe 07.06.2020 10:38
    Highlight Highlight Sollte Donnie erneut / weiterhin mit Gewalt auf friedliche Demonstranten reagieren, wird das Pulverfass USA zur Bombe.
  • Doppelpass 07.06.2020 10:36
    Highlight Highlight Kein einziger Präsident der USA hat es jemals zuvor geschafft, mehr Menschen um das Weisse Haus zu scharen, als Donald Trump!
    Er liebt Rekorde.
    Great!
    • Peter R. 07.06.2020 11:15
      Highlight Highlight Und was hat Obama - als Nichtweisser - geschafft. Obama, welcher immer von allen verehrt und gelobt wurde.
    • Smeyers 07.06.2020 11:58
      Highlight Highlight @peter; Obama ist Teil des establishments und vermarktet sich und seine Frau Perfekt. Was er getan einiges, aber auch nichts weltbewegendes. Hauptsache es war medienwirksam.
    • P.Rediger 07.06.2020 12:10
      Highlight Highlight @Peter R. Obama hatte eine republikanisch dominierten Kongress gegen sich. Noch Fragen?
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