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Möchtegern-Superman Donald Trump will jetzt die Herdenimmunität

Im Kampf gegen das Coronavirus setzt der US-Präsident nun auf zweifelhafte Wissenschaftler – und Drogen.



Es mag wie ein schlechter Witz tönen, doch es ist mehrfach bestätigt worden: Beim Verlassen des Walter-Reed-Spitals wollte Donald Trump unter seinem Hemd ein Superman-T-Shirt tragen, welches er dann mit einer dramatischen Geste enthüllen wollte. Offenbar konnten ihn seine Mitarbeiter im letzten Moment daran hindern.

Auch ohne blau-rotes T-Shirt fühlt sich Trump wie Superman. Er fühle sich fitter als vor 20 Jahren, behauptete er jüngst an einer Wahlkampfveranstaltung und bot an, sämtliche Frauen und Männer mit einem «dicken, fetten Kuss» zu beglücken. Er könne dies gefahrlos tun, so Trump, denn er sei nun nicht nur gesund, sondern auch immun gegen das Virus.

Dr. Sean Conley, physician to President Donald Trump, and other doctors, arrive to brief reporters at Walter Reed National Military Medical Center in Bethesda, Md., Sunday, Oct. 4, 2020. Trump was admitted to the hospital after contracting the coronavirus. (AP Photo/Jacquelyn Martin)
Sean Conley

Diese Ärzte haben den Präsidenten wieder auf die Beine gebracht. Bild: keystone

Die Sache mit der Immunität ist jedoch alles andere als sicher. Trumps erstaunliche Auferstehung von den Toten ist nämlich weder ein Wunder und schon gar kein natürliches Ereignis. Mindestens ein Dutzend hoch spezialisierte Ärzte und die Pharmaindustrie haben für die rasche Genesung gesorgt.

Es ist unklar, wie lange diese Genesung auch anhalten wird. Mit einem Mix aus einem bisher noch nicht getesteten Medikament der Firma Regeneron und einer Steroid-Behandlung wurde Trump richtiggehend aufgeputscht.

Der Präsident befindet sich deshalb in einer Art künstlichem High. Deshalb hat Trump die Krankheit möglicherweise gar nicht bezwungen. Nicht sein Immunsystem hat die Anti-Körper gegen das Virus entwickelt, sondern der Medikamenten-Mix. Der Körper eines 74-jährigen übergewichtigen Mannes hätte dies gar nicht leisten können.

Die «New York Times» zitiert daher verschiedene Spezialisten, die Zweifel an Trumps Genesung hegen. So erklärt Akiko Iwasaki, Immunologin an der Yale University: «Gegen eine zweite Infektion ist Trump möglicherweise nicht geschützt, zumal er keine eigenen Anti-Körper hat.»

Dan Barouche, Virologe am Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston, hegt die gleiche Befürchtung. «Die Anti-Körper, die in seinem Blut gefunden wurden, sind nicht die eigenen. Sie wurden ihm von aussen zugeführt. Ihre Wirkung wird über die Zeit abnehmen.» Dr. Barouche gehört zu einem Team, welches die Wirkung des Regeneron-Medikaments wissenschaftlich untersucht.

President Donald Trump waves to supporters during a campaign rally at Des Moines International Airport, Wednesday, Oct. 14, 2020, in Des Moines, Iowa. (AP Photo/Alex Brandon)
Donald Trump

Dicht gedrängt stehen die Menschen an einer Trump-Rally, die meisten ohne Maske. Bild: keystone

Trump fühlt sich nicht nur wie Superman, er benimmt sich auch so. Täglich tritt er an Rallys auf, zu denen Tausende von Fans grösstenteils ohne Masken strömen und stundenlang auf engstem Raum ihrem Idol zujubeln. Sie folgen ihrem Führer blind und erklären blauäugig, wenn Trump die Krankheit besiegt habe, dann könne diese ja nicht so schlimm sein. Zudem seien sie jederzeit bereit zu sterben.

Die Trump Rallys widersprechen den Richtlinien seiner eigenen Regierung und den Regeln, welche das Centers for Disease Control and Prevention (CDC) aufgestellt hat. Am CDC arbeiten die weltweit besten Epidemie-Spezialisten.

Auch das medizinische Gesicht und Gewissen der Coronakrise, Dr. Anthony Fauci, warnt eindringlich vor den Rallys. Doch sein Wort hat im Weissen Haus kein Gewicht mehr. Trump hört neuerdings auf einen gewissen Scott Atlas. Dieser stammt zwar von der renommierten Universität Stanford. Er ist jedoch Radiologe und hat keine Fachkenntnisse auf dem Gebiet der Epidemie.

Mangelnde wissenschaftliche Kenntnisse macht Atlas mit politischer Überzeugung wett. Er ist ein Libertärer und hat schon Rudy Giuliani und Mitt Romney in deren Wahlkämpfen beraten. Trump ist auf ihn aufmerksam geworden, weil er als regelmässiger Kommentator bei Fox News aufgetreten ist und dabei gegen den Lockdown gewettert hat.

epa08692356 White House adviser on coronavirus Scott Atlas speaks after US President Donald J. Trump's news conference in the Brady Press Briefing Room of the White House in Washington, DC, USA, on 23 September 2020.  EPA/Yuri Gripas / POOL

Hat das Ohr des Präsidenten: Scott Atlas. Bild: keystone

Der Radiologe Atlas teilt die Überzeugung des Präsidenten, dass sich das Virus nicht mit Masken und Lockdowns aus der Welt schaffen lässt. Er setzt auf das Konzept der Herdenimmunität. Das bedeutet im Klartext, dass man ältere Menschen abschirmen soll.

Die restliche Bevölkerung jedoch soll sich möglichst rasch mit dem Virus anstecken, die Krankheit ohne schlimmere Folgen durchstehen und danach gegen weitere Ansteckungen immun sein. Wie eine Viehherde soll die Bevölkerung durchgeseucht werden.

Unterstützung erhält Atlas von einer Gruppe von Wissenschaftlern, welche die «Great Barrington Declaration» unterschrieben haben. Diese ebenfalls meist dem rechten politischen Spektrum angehörenden Wissenschaftler berufen sich auf Studien, welche angeblich besagen, dass eine solche Herdenimmunität relativ rasch – nämlich schon dann, wenn 15 bis 20 Prozent die Krankheit überstanden haben – erreicht werden kann.

Diese Aussage wird jedoch von den meisten Epidemiespezialisten in Frage gestellt. Bisher sind die Fachleute davon ausgegangen, dass eine Herdenimmunität erst erreicht wird, wenn gegen 70 Prozent der Bevölkerung die Krankheit überwunden haben. Auf die USA übertragen würde dies bedeuten, dass Covid-19 deutlich über zwei Millionen Todesopfer fordern würde.

Schweden und kurzzeitig auch Grossbritannien haben auf die Herdenimmunität gesetzt. Beide Länder sind gescheitert. Schweden muss bis zu zehnmal mehr Tote beklagen als die skandinavischen Nachbarn. Weil die Zahlen der Infizierten förmlich explodierten, musste die Regierung von Boris Johnson das Experiment im Frühling abbrechen.

Auch an der Stanford University wird das Seuchen-Konzept mehrheitlich verworfen. 78 Professoren warnen ausdrücklich vor Atlas und seinen Thesen. «Viele seiner Ansichten und Aussagen widersprechen den Theorien der anerkannten Wissenschaften und untergraben die Arbeit der Gesundheitsbehörde», schreiben sie in einem offenen Brief.

Wie bei uns ist in den USA eine zweite Epidemie-Welle im Anrollen. In fast allen Bundesstaaten nehmen die Infektionen sprunghaft zu. Derzeit werden täglich gegen 60’000 Menschen mit dem Virus angesteckt, mehr als 1000 davon sterben. Neueste Studien gehen davon aus, dass bis Ende Jahr die Anzahl der Covd-19-Opfer die Marke von 300’000 deutlich übersteigen wird.

So gesehen ist Trumps Superman-Pose mehr als lächerlich. Sie ist tödlich.

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Watson-Mitarbeiter Johann Aeschlimann am Trump-Rally in Florida

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