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Máxima Acuña ist eine einfache Landwirtin aus Peru. Doch sie bietet seit Jahren einem mächtigen Weltkonzern die Stirn. bild: hrffb/maxima

Peruanische Bäuerin kämpft gegen grössten Goldproduzenten der Welt

Franziska Türk / watson.de



Inmitten von dunkelgrünen mit Gras bewachsenen Hügeln und tiefblauen Bergseen öffnet sich ein 800 Meter tiefer Krater. Hier, inmitten des nordperuanischen Hochlands, gräbt sich die zweitgrösste Goldmine der Welt wie eine umgedrehte Pyramide in die ansonsten beinahe unberührte Landschaft. Seit 1993 wird hier Gold geschürft.

Jetzt, wo der Yanacocha-Mine langsam das kostbare Metall ausgeht, soll sie einige Kilometer weiter erweitert werden. Sollen noch mehr dunkelgrüne Hügel in hellbeige Krater verwandelt werden.

Doch es gibt eine Gegnerin. Diese Gegnerin trägt bunte Strickjacken und Röcke, das lange schwarze Haar baumelt zu einem Zopf geflochten den Rücken hinab.

Sie hat besonnene Gesichtszüge und vom Arbeiten unter freiem Himmel gegerbte Haut, besuchte nie eine Schule und nimmt es doch mit einem der grössten Bergbaukonzerne der Welt auf: Máxima. Die 50-Jährige lebt mit ihrer Familie in einer kleinen Hütte in dem hügeligen Gelände, das in eines der grössten Bergbauprojekte der Welt verwandelt werden soll.

Sie hält auf 3249 Metern Höhe Schafe und Hühner, baut Kartoffeln und Gemüse an, webt Kleidungsstücke und verkauft sie auf dem Markt. Sie hat das Land gekauft, bevor das Bergbauunternehmen kam. Und sie ist entschlossen, zu bleiben.

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Die Yanacocha-Mine im peruanischen Departement Cajamarca ist eine der grössten und profitabelsten Goldminen der Welt. bild: hrffb/maxima

«Wenn ich aufgebe, wird das Land zur Wüste», sagt Máxima Acuña in der nach ihr benannten Dokumentation, die diese Woche auf dem Human Rights Film Festival in Berlin gezeigt wird. Der Film zeigt den jahrelangen Kampf der Bäuerin gegen einen Weltkonzern, zeigt Einschüchterungsversuche, Gerichtsprozesse und Preisverleihungen. Zeigt, wie eine Frau, die eigentlich nur in Ruhe ihr Gemüse anbauen möchte, zur Galionsfigur eines Kampfes wird, bei dem es um viel mehr geht als um 27 Hektar Land.

Sie steht symbolhaft für die unzähligen Umweltschützer, die auf der ganzen Welt für den Erhalt ihrer Heimat und gegen grosse Konzerne kämpfen. «Máxima repräsentiert das Recht, dass fundamentale Menschenrechte über den ökonomischen Interessen von riesigen Firmen stehen, die den Markt dominieren wollen», sagt ihre Anwältin Mirta Vásquez.

Human Rights Film Festival Berlin

Vom 30. September bis zum 10. Oktober findet das Human Rights Film Festival unter dem Thema «The Future is Now» statt – offline in Berlin, aber auch online im Stream. Gezeigt werden 40 internationale Dokumentarfilme mit inspirierenden Geschichten von Alltagsheldinnen und -helden, die sich für eine nachhaltige, solidarische, demokratische und korruptionsfreie Welt einsetzen. Initiiert wird das Festival von der entwicklungspolitischen Organisation «Aktion gegen den Hunger». Weitere Infos unter www.humanrightsfilmfestivalberlin.de.

Seit 1993 schürfen sie in Máximas Heimat nach Gold. Sie, das ist das US-amerikanische Bergbauunternehmen Newmont Mining, seines Zeichens der grösste Goldproduzent der Welt. Aber auch das peruanische Buenaventura und der World Bank gehört ein Teil der Mine. Das Problem für die Minenbetreiber: Máximas Land liegt genau in dem Gebiet, das das Unternehmen für die Erweiterung der Mine vorgesehen hat, für das sogenannte Conga-Projekt.

«Sie sagen, die Bergseen seien gefüllt mit Gold», sagt Máxima, während sie Wasser aus einem der kristallklaren Seen schöpft. Lago Azul heisst er, der blaue See. Wenn alles Gold aus ihm gepresst wurde, sollen dort Giftabfälle gelagert werden. Dabei stellen die Bergseen das Trinkwasser für die umliegenden Gemeinden bereit. Schon jetzt muss das Wasser in der nahegelegenen Stadt Cajamarca rationiert werden. Die Region, die eigentlich vom Bergbau profitieren sollte, ist mittlerweile die ärmste Region Perus.

Gift im Bergsee, Schwermetalle im Blut

Und eine der kränksten: Die Sterblichkeit unter den Minenarbeitern ist gross, viele Bewohner der Region haben Schwermetalle im Blut und gesundheitliche Beschwerden. Es gibt kaum Umweltauflagen, die beachtet werden müssen. Metalle, die beim Goldschürfen als Beiprodukt freigesetzt werden, landen im Abwasser. Es ist der Preis dafür, dass nirgendwo auf der Welt so billig Gold abgebaut werden kann wie hier.

Und weil es so billig ist, soll Máxima weichen. «Als die Mining Company das erste Mal kam, sagten sie, sie würden mich ins Gefängnis bringen. Andernfalls würde ich mein Land tot verlassen.»

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Die Seen sind ein wichtiger Trinkwasserspeicher für die Region. Wenn die Goldmine kommt, könnten sie kontaminiert werden. bild: hrffb/maxima

Máxima ist weder tot noch im Gefängnis, doch seit Jahren Einschüchterungsversuchen ausgesetzt. Verwackelte Videoaufnahmen zeigen in der Dokumentation der peruanischen Regisseurin Claudia Sparrow, wie Mitarbeiter des Bergbauunternehmens immer wieder auf Máximas Grundstück auftauchen, im Gepäck Bagger und die Polizei. Bewaffnete Männer zerstören die Hütten der Bauernfamilie, schlagen die Tochter bewusstlos, stehlen Schafe, töten den Schäferhund, zerstören die überlebenswichtige Ernte.

Immer und immer wieder nimmt die Polizei die Übergriffe auf, die Justizministerin besucht die Bäuerin sogar in ihrem bescheidenen Zuhause. Viel ändert sich dadurch nicht. Nichtregierungsorganisationen beklagen in der Dokumentation die korrupte Zusammenarbeit zwischen dem Weltkonzern und der Regierung.

212 ermordete Umweltaktivisten

Peru ist eines der gefährlichsten Länder für Menschenrechtler und Umweltaktivisten in Lateinamerika. Hier sind sie dem Druck von Regierung und multinationalen Konzernen ausgesetzt. Und nicht nur dort: Im vergangenen Jahr wurden laut der Nichtregierungsorganisation Global Witness weltweit 212 Umweltschützer ermordet, zwei Drittel davon in Lateinamerika. Einer der prominentesten Fälle: der mexikanische Schmetterlingsschützer Homero Gómez González, der Ende Januar erschlagen in einem Brunnen gefunden wurde.

Hinzu kommen Bedrohungen und Einschüchterungsversuche wie bei Máxima. «Es ist nicht nur ein Streit um Land, es ist ein Streit um Macht», sagt Anwältin Mirta Vásquez, die Máxima seit Jahren in ihrem Kampf unterstützt und längst selbst zur Zielscheibe geworden ist. Auch andere Menschenrechtsaktivisten, Umweltschützer und Experten kommen in dem Film zu Wort. «Yanacocha macht klar, wer im Land das Sagen hat. Sie wollen nicht zulassen, dass eine Bäuerin sie zu Fall bringen kann», sagt Vásquez.

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Máxima Acuña und ihr Mann Jaime Chaupe halten auf ihrem Land Schafe. Aus der Wolle strickt Máxima Kleider, die sie auf dem Markt verkauft. bild: hrffb/maxima

So begleitet die Dokumentation Máxima von Gerichtssaal zu Gerichtssaal, wo sie sich wegen Hausfriedensbruchs gegen Newmont verantworten muss – weil sie noch immer auf dem Gebiet wohnt, das die Mine ihr Eigentum nennt. Die zurückhaltende, zierliche Frau mit dem grossen Hut, die es nie in den Vordergrund drängt, wird im Trubel der Prozesse plötzlich zur Ikone.

Graffitis zeigen sie mit erhobener Faust. «Todos somos Máxima», skandieren die Menschen auf der Strasse vor den Gerichtsgebäuden, «wir alle sind Máxima», «Wasser ja, Gold nein». Der Kampf gegen den US-Konzern ist längst nicht mehr nur Máximas Kampf. Vielmehr zeigt er, wie das Schicksal einer einzelnen Familie eine ganze Bewegung lostreten kann.

Protest zeigt Wirkung – vorübergehend

Denn die Konflikte um Máximas Land sind nicht die ersten, die dafür sorgen, dass die Menschen in der Region um Cajamarca der Minengesellschaft nicht mehr trauen. Neben dem Korruptionsskandal und dem verseuchten Wasser ist da ein Lastwagenunfall im Jahr 2000, bei dem Quecksilber ausgelaufen ist. Die Mine beteuert damals, das Schwermetall sei nicht gefährlich, und kauft es zurück, nachdem Kinder es eingesammelt haben.

Kleiner Exkurs: Quecksilber

Quecksilber ist giftig. Es verdampft bereits bei Zimmertemperatur. Eingeatmet gelangen die Dämpfe in die Lunge, die Quecksilber-Atome darauf ins Blut und dies kann unter anderem zu Schlafstörungen oder auch Lähmungen führen.

Mittlerweile leiden fast alle Bewohner des Betroffenen Orts Choropampa an neurologischen Problemen.

2013 protestieren zusammen mit Máxima Tausende Bauern gegen das Conga-Projekt. Es kommt zu Zusammenstössen mit Sicherheitskräften mit mehreren Toten. Nach monatelangen Protesten wird in der Region der Notstand ausgerufen. Newmont stoppt das Projekt vorerst, Máxima wird vor Gericht freigesprochen, mit Umweltpreisen ausgezeichnet. Die zarte Frau mit den bunten Strickjacken scheint gegen den weltweit agierenden Bergbauriesen gewonnen zu haben – zumindest vorerst.

Denn inzwischen hat Yanacocha eine Zivilklage gegen die Familie eingereicht. Der Prozess um die Frage, wem das Land wirklich gehört, könnte zehn Jahre dauern. Und die Schikanen gehen weiter. Anwältin Vásquez musste nach Todesdrohungen die Stadt verlassen, Máximas Ernte wird noch immer zerstört, um zu überleben, muss die Familie Lebensmittel in der Stadt kaufen. «Ich fühle mich wie im Gefängnis, ich fühle mich nicht sicher», sagt sie.

Aber sie kämpft weiter. Im vergangenen März gewinnt sie vor einem US-Gericht, ihre eigene Klage gegen Newmont in den USA ist damit wiederbelebt. Wie für viele Umweltaktivisten, die auf der ganzen Welt seit Jahren gegen Minenprojekte, Waldrodungen oder Wilderei kämpfen, ist auch für Máxima klar: Aufgeben ist keine Option.

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