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Kommentar

Lieber Geld als Held – warum John Boltons Enthüllungen für die Tonne sind

John Bolton packt aus, aber zu spät. Sein Buch beschreibt einen US-Präsidenten, dessen Wahnsinn niemanden mehr überraschen kann. Und ein System, das keine Helden kennt.

Carsten Luther / Zeit Online



epa08493529 (FILE) - National Security Advisor John Bolton looks on in the Oval Office of the White House in Washington, DC, USA, 19 July 2019 (reissued 18 June 2020). According to media reports, the US government wants to prevent publication of a book by former National Security advisor Bolton, arguing that national security was at risk.  EPA/JIM LO SCALZO *** Local Caption *** 55348792

Der Falke Bolton packt aus - aber schockiert ist niemand. Bild: keystone

Ein Artikel von

Zeit Online

Es ist verführerisch, allein auf John Bolton zu schauen. Und jemanden zu sehen, der sich weigerte, zur rechten Zeit ein Held zu sein. Jetzt kommt der frühere Nationale Sicherheitsberater im Weissen Haus mit seinem Buch daher, für ein schönes Millionenhonorar darf er vor allem auf sich selbst blicken und sein Scheitern beleuchten – er hätte früher auspacken müssen über Donald Trump, sagen nun viele. Die Wut gipfelt in Überschriften wie der des US-Magazins Mother Jones: «Sag es unter Eid, Arschloch».

Ja, Bolton wäre der beste Zeuge gegen diesen Präsidenten gewesen, hätte er sein Wissen schon vor Monaten preisgegeben, als es im Kongress um eine mögliche Amtsenthebung ging. Er, der im Raum, wo es geschah (The Room Where it Happened heisst das Werk), so gewissenhaft Trumps Wahnsinn auf seinem gelben Block protokollierte, drückte sich damals vor einer Aussage. Wofür also braucht jetzt es dieses Buch?

Jedenfalls nicht, damit die Welt endlich erfährt, wer Donald Trump ist. Bolton ist nicht der Erste und er wird nicht der Letzte sein, der das Chaos im Weissen Haus aus eigenem Ansehen beschreibt. Ein Präsident, der von nichts eine Ahnung hat, sich für nichts interessiert ausser sich selbst und dem jedes Mittel recht erscheint – dieses Urteil kann niemanden mehr überraschen. Einer, der feindliche Mächte um Wahlkampfhilfe bittet – wissen wir schon. Einer, der Diktatoren, die er mag, persönliche Gefallen tut und ebendies für sich erwartet – natürlich. Einer, der selbst gern Journalisten einsperren und ohne Beschränkungen durchregieren würde, sich aber von jedem starken Mann schwachmachen lässt – geschenkt.

Den früheren Stabschef des Weissen Hauses, John Kelly, zitiert Bolton mit den Worten: «So wie er (Trump) die Entscheidungen trifft, was wäre, wenn wir eine echte Krise wie 9/11 hätten?» Selbst solche Befürchtungen sind längst überholt: Die Corona-Pandemie ist eine echte Krise, und die Folgen dessen, was Trump im Weissen Haus bedeutet, sind auf den Friedhöfen zu besichtigen. Sie haben sich symbolisch verdichtet in seiner Reaktion auf den friedlichen Protest gegen Polizeigewalt und Rassismus, dem er nur mit Eskalation und Härte begegnen kann. Die Katastrophe ist seit Jahren für jeden sichtbar: ein egomaner Präsident, der jede demokratische Kontrolle verachtet, ein totalitärer Blender und betrügerischer Dilettant – seit der Wahl 2016 ist es nur schlimmer geworden.

«Der labert nur Scheisse»

Die Hoffnung auf einen Helden, der dem ein Ende bereitet, ist verständlich. Aber sie ist vergeblich. Und das nicht nur, weil Bolton diese Rolle nicht spielen will. Der frühere Sicherheitsberater festigt mit seinen Schilderungen einmal mehr das Bild eines Systems, das eben nicht von Trump allein zusammengehalten wird. Da sind einfach zu viele, die mitmachen, zuschauen oder wegschauen. Aussenminister Mike Pompeo, der Bolton während eines Treffens zwischen Trump und Kim Jong-un einen Zettel zuschiebt: «Der labert nur Scheisse» – und damit nicht den nordkoreanischen Diktator meint. Justizminister William Barr, der von Bolton über diverse fragwürdige Vorgänge informiert wird – und ebenfalls «besorgt» ist, aber alle Auswüchse in Kauf nimmt und Trumps williger Helfer bleibt. Ex-Stabschef Kelly sagte schon früh zu Bolton: «Sie können sich nicht vorstellen, wie sehnlich ich mir wünsche, hier rauszukommen. Dies ist ein schrecklicher Arbeitsplatz, das werden auch Sie erfahren.»

Trump und Bolton - eine Feindschaft in Bildern

Die Mär von den Erwachsenen im Raum, die Trump im Zaum halten, ist schon lange kein Bestseller mehr. An dem Versuch sind zu viele gescheitert. Für manche war dieser Präsident ohnehin schon immer nur das Vehikel der eigenen Interessen, der eigenen Macht. Steuergeschenke, Regulierungen schreddern, die Gerichte mit konservativen Leuten besetzen – dafür haben sich die Republikaner ihm ausgeliefert, alles andere war ihnen egal. Das Impeachment war ihre letzte Chance, Verantwortung für das Land zu übernehmen und nicht nur die eigene Partei zu sehen – aber selbst mit Boltons Aussage hätten sie ihren Präsidenten wohl nicht fallen gelassen. Helden kann es jetzt nur noch im November geben: Alle, die dann nicht für Trump stimmen, werden welche sein.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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