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Halle: Rechtsextremist wollte Massaker in Synagoge anrichten

Kommentar

Ein Einzeltäter? Nein, der Mörder von Halle ist nicht allein

Es heisst, der Täter von Halle sei Einzeltäter. Das darf nicht verschleiern, dass er Narrative benutzte, die auch von Rechtspopulisten in Talkshows vorgetragen werden.

Christian Bangel / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Es gehört zur Boshaftigkeit des Terrorismus, dass nicht alle Aufmerksamkeit seinen Opfern gewidmet sein kann. Dass es nicht nur um die geht, die gestorben sind, weil sie im falschen Moment erbärmlichen Menschen voller Hass begegneten. Oder um die Überlebenden, deren psychische Wunden vielleicht nie vernarben werden. Sondern, dass sich ein Teil des öffentlichen Interesses auch auf die Täter richtet, jemanden also wie Stephan B., der vermutlich genau das bezweckte, als er gestern in Halle zwei Menschen tötete und wohl aus Zufall nicht mehr Menschen umbrachte. Obwohl der Täter es verdient hätte, in seiner Zelle bis ans Ende der Zeit vergessen zu werden, müssen wir uns auch mit ihm befassen. Oder besser: Mit dem, was ihn trieb.

Kurz bevor der Mörder sich gestern aufmachte, seine widerwärtigen Fantasien in die Tat umzusetzen, wandte er sich in einem Video an eine globale Blase von Neonazis, Rechtsextremisten und Antisemiten und sagte etwas, das so dumm und hasserfüllt wie bedeutend ist. Er sprach in dem kurzen Video vom Feminismus, der der Grund für niedrige Geburtenraten im Westen sei, was wiederum zu Massenimmigration führte. Und erklärte, dass «der Jude» der Grund für all diese Probleme sei.

Zu wem genau sprach er da? Das Video zeigt, dass B., der zum Teil auf englisch spricht, offenbar einerseits einer weltweiten, in Foren organisierten Community von Rechtsextremen imponieren wollte. Leuten, die sich in einem Kampf gegen den Islam und die Juden sehen und deren Helden rassistische Mörder Breivik und die Täter von Charlottesville und Christchurch sind. Beunruhigend genug.

Der Judenhass des Täters, in einen Zusammenhang gebracht mit den Narrativen von Genderwahn und Bevölkerungsaustausch: Doch, das geht.

Doch da ist noch mehr. B. versuchte in dem Video nicht nur, Neonazis zu gefallen. Es ist das direkte Nebeneinander seines Antisemitismus mit Thesen, die heute auch innerhalb der AfD-Anhängerschaft weit verbreitet sind. Thesen, die in abgeschwächter Form auch manche, die sich konservativ nennen, in Talkshows vortragen. Der Judenhass des Täters, in einen Zusammenhang gebracht mit den Narrativen von Genderwahn und Bevölkerungsaustausch: Doch, das geht.

31.08.2019, Sachsen, Görlitz: Ein Mann trägt am Rande einer Wahlkampfveranstaltung der AfD Sachsen auf dem Marienplatz einen Fischerhut in Deutschlandfarben. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Mann mit Deutschland-Hut bei einer AfD-Veranstaltung in Sachsen. Bild: dpa-Zentralbild

Auch wenn jeder Rechte bei Verstand sich nun so weit möglich distanziert von dem Täter, so meinte dieser doch offenbar, auch im Sinne jener zu handeln, die daran glauben, dass Angela Merkel und die linken Eliten einen grossangelegten und perfiden Plan verfolgen, die deutsche Bevölkerung auszutauschen. Natürlich kann man als Rechtspopulist behaupten, man habe damit nichts zu tun. Aber der Mörder von Halle benutzt ihre Argumente, er benutzt ihre Worte und ihre Erzählungen.

Nun sind die neuen Rechten nicht mehr die Neonazis von früher. Sie haben in Deutschland den Durchbruch geschafft, als sie sich konzeptionell vom Nationalsozialismus trennten. Isolierten sich Rechtsradikale früher durch ihre Hitlerei regelmässig selbst, so lassen sie heute kaum eine Gelegenheit verstreichen, sich von NS und Antisemitismus zu distanzieren. Wenngleich sie hin und wieder mit Ein- oder Zweideutigkeiten dem faschistischen Teil ihrer Wähler zuzwinkern, versuchen sie mit wachsendem Erfolg, sich sogar als die wahren Verteidiger der Juden aufzuspielen. Die Figur, die es dafür brauchte, war der pathologisch antisemitische Muslim. Mit ihm liess sich die Verächtlichmachung des Islam prächtig hinter dem «Nie wieder!» der Bundesrepublik verstecken. Wie stark diese Reinwaschung wirkt, kann man daran erkennen, dass die Behauptung, der wahre Antisemitismus sei inzwischen ein zugewanderter, auch in bürgerlichen Milieus wirkt.

Antisemitismus hat keine Hautfarbe und keine Religion, es gibt ihn unter Linken und unter Rechten, unter Arbeitslosen und unter Superreichen.

Nein, man kann an diesem Tag nicht verschweigen, dass in Berlin erst vor fünf Tagen ein 23-jähriger Syrer mit einem Messer in der Hand auf die Wachmänner vor einer Synagoge zulief. Der Judenhass aber wirkt längst wieder in allen Teilen der Gesellschaft. Der Versuch, ihn zu ethnisieren und ihn damit weit weg von der weissen deutschen Bevölkerung zu halten, hilft niemandem ausser der AfD selbst. Antisemitismus hat keine Hautfarbe und keine Religion, es gibt ihn unter Linken und unter Rechten, unter Arbeitslosen und unter Superreichen. Er ist die Geissel der menschlichen Zivilisation, seit Jahrtausenden.

Doch es hat schon seinen Grund, warum der Zentralrat der Juden immer wieder besonders vor der AfD warnt, vor einem neu aufkeimenden Rassismus, der sich insbesondere gegen Muslime, aber auch gegen Juden richtet. Es ist derselbe Grund, warum auch die sicher nicht linke israelische Regierung jeden Kontakt zu den deutschen Rechtspopulisten verweigert.

Ein Wesenszug des klassischen Antisemitismus liegt in der Bereitschaft, die Juden als eine kollektiv nach einem düsteren Plan handelnde Gruppe zu markieren. Sie als Fremdkörper zu betrachten, der innerhalb einer Gesellschaft seine eigenen Ziele verfolgt, der irgendwann unweigerlich den Niedergang seiner «Wirtsgesellschaft» auslöse. Ein anderer ist die Beschreibung von Juden als wurzellose, wohlhabende Kosmopoliten, denen die Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft fremd seien.

Beide antisemitischen Erzählfiguren kommen zusammen, wenn die AfD und ihre Anhänger von der demographischen Katastrophe sprechen, die der linke Feminismus ausgelöst habe und die nun handstreichartig durch arabische Massenzuwanderung gelöst werde, unterstützt von linken Bildungsbürgern, die nichts von den Normen und Werten des Normalbürgers wüssten. Nicht viel anderes sagte ja auch der Täter von Halle, bevor er den Juden daran die Schuld gab. So unelegant gehen heutige Rechtspopulisten natürlich nicht vor. Sie überlassen es meist den Zuhörern, ihre Schlüsse zu ziehen. Der Antisemitismus der AfD braucht keine Juden mehr. Er braucht nur noch die antisemitischen Stereotype.

All das sind Zeichen dafür, dass viele Deutsche aufgehört haben, sich aktiv mit dem antisemitischen Erbe zu befassen.

In Halle hat der Judenhass gestern ein neues Fanal gesetzt. Doch es ist nicht nur diese Tat, es sind auch kleinere Zeichen, die einen sorgen müssen. Die wachsende Zahl von Leuten zum Beispiel, die meinen, Deutschland müsse einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit ziehen. Die von einem Drittel der Deutschen geteilte Behauptung, die Juden würden den Holocaust zu ihrem Vorteil nutzen. Die völlig unproportionale Anzahl von Deutschen, die behaupten, ihre Vorfahren seien im Widerstand gewesen. All das sind Zeichen dafür, dass viele Deutsche aufgehört haben, sich aktiv mit dem antisemitischen Erbe zu befassen, das in die Katastrophe des Völkermordes an den Juden führte. Wenn sie es je getan haben. Stattdessen wird ein lächerlicher Begriff wie «Aufarbeitungsweltmeister» zum Symbol dieser versteinernden Erinnerungskultur. Als sei die Bewältigung unserer Vergangenheit längst mit Bestnote abgeschlossen und jetzt etwas zum Angeben wie der Tiguan im Carport.

Was wird von diesem schrecklichen Tag bleiben, in einer Woche, in einem Monat? Im besten Fall könnte ein paar Leuten einfallen, dass der Kampf gegen Antisemitismus mehr ist, als eine KZ-Gedenkstätte besucht zu haben. Dass die AfD längst wieder dabei ist, mit antisemitischen Denkfiguren Zustimmung zu gewinnen, und zwar nicht nur unter Rechtsextremen. Sondern bis ganz weit in das, was man die Mitte nennt.

Der Antisemitismus steckt, wie auch der Rassismus, in vielen. Es geht nicht darum, das zu verschweigen, sondern sich zu fragen, wo sein Gift in uns selbst wirkt. Wo wir still verstehen, wenn vom Einfluss der «israelischen Lobby» die Rede ist. Wie oft wir ganz allgemein bereit sind, Menschengruppen kollektive, schädliche Interessen zu unterstellen, wenn es nur genügend andere Leute sagen.

Aber vielleicht läuft es auch schlecht, und bald wird wieder ein beliebtes Wort seine sedierende Wirkung entfalten. Es lautet: Einzeltäter. Soviel aber ist sicher: Stephan B. ist nicht allein.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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