International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
«Swiss Army Man» Daniel Radcliffe, Paul Dano

Finden sich ein Toter (Daniel Radcliffe) und ein Selbstmörder (Paul Dano). Bild: Ascot Elite

Interview

«Swiss Army Man» Daniel Radcliffe: «Die Russen merken nicht, wie schwul unser Film ist!»

«Swiss Army Man» ist ein Wahnsinn von einem Film und Daniel Radcliffe ein Traum von einem Interviewpartner. Wir hatten 15 Minuten mit dem «Harry Potter»-Star.



Er will nur eines: regelmässige Rauchpausen im Zürcher Hotelgarten. Leider wollen die andern Gäste im Garten auch nur eines: sein Autogramm. Aber Daniel Radcliffe schafft alles, rauchen, Autogramme, Interviews, und ist dabei so unfassbar sympathisch, dass ihn alle heiraten, adoptieren, anfassen oder auffressen wollen. Heute ist er 27, mit 10 spielte er zum ersten Mal «Harry Potter», seither kennen wir ihn.

Der wahrscheinlich netteste Mensch von England hat gerade den ziemlich sicher besten Film des Jahres gemacht. Das findet zum Beispiel auch Zukkihund-Besitzer Rafi Hazera. Der Film heisst «Swiss Army Man» und Radcliffe spielt eine furzende Leiche, die von einem jungen Mann (Paul Dano) gefunden wird, der gerade versucht, sich zu erhängen. Bald merkt der Lebendige, dass der Tote einigermassen pervers gesteuerte Superkräfte besitzt, diese jedoch alleine nicht bedienen kann.

Trailer zu «Swiss Army Man»

abspielen

Video: YouTube/A24

Radcliffe ist quasi ein menschliches Swiss Army Knife. Sein neuer Freund versucht, ihm das Leben beizubringen. Gemeinsam hausen die beiden im Wald, der Lebende bastelt Busfahrten und Kinobesuche für den Toten, dafür kann er die Erektion des Toten als Kompass, seine Fürze als Antrieb und das Gebiss als Rasierer benutzen. Es ist eine seltsame Märchenwelt, die auf polymorph perversen Gesetzen beruht. Und mehrfach kommt alles anders, als wir denken. Ganz besonders am Schluss.

Die beiden Regisseure – sie heissen beide auch Daniel und nennen sich deshalb Daniels – sind übrigens mit folgendem Musikvideo weltberühmt geworden.

«Turn Down for What»

abspielen

Video: YouTube/DJSnakeVEVO

Daniel Radcliffe, wenn Sie über Ihren eigenen Tod nachdenken, was stört Sie daran?
Die Idee, wie ich aufgebahrt in einem offenen Sarg liege und alle Leute starren mich an! Gut, ich werde es nicht mitkriegen, aber der Gedanke macht mich fertig.

Und die Verwesung?
Die ist natürlich hässlich, aber auch tröstlich. Ich verwandle mich langsam in Erde und aus der entsteht was Neues. Da fühl ich mich direkt nützlich.

Wie haben Sie sich eigentlich darauf vorbereitet, in «Swiss Army Man» einen Film lang eine Leiche zu spielen. Haben Sie eine Leichenhalle besucht oder mit Ärzten geredet?
Ich spiele ja einen recht lebendigen Toten. Deshalb hatte ich kein Bedürfnis, technisch allzu exakt zu werden. Die Totenstarre spielte natürlich eine grosse Rolle, gerade wenn es darum ging, zu sprechen, aber sonst habe ich alles mit meiner Fantasie gemacht. Meine Hauptsorge war, glaubhaft tot zu spielen, ohne wie ein Zombie zu wirken. Aber dann hab ich mich im Spiegel gesehen mit Perücke und Make-up, ich hab die Augen verdreht und wusste: Okay, ich seh sehr, sehr tot aus, ich muss da nicht mehr viel spielen.

«Swiss Army Man» Daniel Radcliffe, Paul Dano

So lernen sie sich kennen. Bild: Ascot Elite

Sie konnten ja sicher auch von früheren Filmerfahrungen profitieren. In «A Young Doctor’s Notebook» und «Victor Frankenstein» hatte Sie viel mit menschlicher Anatomie zu tun.
Definitiv! Und mit tierischer! Ich werde nie vergessen, wie mir beim «Frankenstein»-Dreh ein riesiges Ochsenherz zum Rumspielen gegeben wurde. Ich sagte: Oh, okay, grossartig! Aber was mich am besten auf «Swiss Army Man» vorbereitet hat, ist «Harry Potter». Die ganzen Stunts, die ich für «Potter» machen musste, liessen sich sauber auf «Swiss Army Man» übersetzen. Ich mach irrsinnig gerne Stunts und alles Körperliche, aber wenn ich einen Film drehe wie «Kill Your Darlings» über die Beatpoeten der 60er-Jahre gibt es da nicht viel Action. Dabei liebe ich den totalen Körpereinsatz.

Gut, es gab in «Kill Your Darlings» eine schwule Liebesszene für Sie.
Und ich musste soooo viele Fragen dazu beantworten! Ich sagte immer: Leute, wir sind Schauspieler! Das ist unser Job und wir fühlen uns wohl dabei, daran ist überhaupt nichts Seltsames oder Besonderes!  

Bild

Aus den beiden wird bald mehr: Dane DeHaan als Lucien Carr und Daniel Radcliffe als Allen Ginsberg in «Kill Your Darlings». bild: killer films

Auch «Swiss Army Man» ist schon mehr als eine «Bromance», oder?
Obwohl: Ich bin im Film weder hetero- noch homosexuell. Ich bin einfach tot. Aber es gibt diesen Kuss ... Ich freu mich riesig: Unser Film soll wohl auch bald in Russland laufen. Die Russen haben offenbar gar nicht gemerkt, wie schwul man ihn deuten könnte. Ich fühl mich gerade sehr subversiv.

Ich mein gar nicht den Kuss, es gibt viel krassere Szenen zwischen Ihnen und Paul Dano. War das nie unangenehm?
Wir haben uns sehr schnell daran gewöhnt, dass wir sehr intim werden müssen. Schon am ersten Tag musste mich Paul am Kiefer packen und so tun, als würde er sich mit meinen Zähnen rasieren. Da wussten wir: Okay, wir werden uns sehr, sehr nahe sein.

Es ist ein Film über eine Art Jenseits. Sie sind ein Atheist. Wie geht das zusammen?
Eins meiner Lieblingsbücher ist Bulgakows «Der Meister und Margarita», ein Buch über die Unendlichkeit des Glaubens. Ich bin kein militanter Atheist. Ich bin sicherer, dass es keinen Gott gibt, als ein Agnostiker dies ist – aber was ist schon sicher? Das Jenseits in «Swiss Army Man» betrachte ich auch nicht als Jenseits im religiösen Sinn sondern als Phänomen des magischen Realismus. Wir behaupten einfach, dass etwas wahr ist, was es gar nicht gibt.  

«Swiss Army Man» Daniel Radcliffe, Paul Dano

Paul Dano bringt Radcliffe im Busch das Busfahren bei. Bild: Ascot Elite

Sie lieben das eh, Filme zu drehen über Figuren und Geschichten, die es so in unserer Welt nicht gibt, oder?
Total. Und es nervt mich, dass wir für Filme wie «Harry Potter» oder «Horns», wo mir halt Hörner wachsen, oder «Swiss Army Man» nicht den schönen Begriff des magischen Realismus verwenden wie in der Literatur. Bei Bulgakow. Bei Márquez. Ich lese nichts lieber als ihre Bücher. Im Film reden wir immer von Fantasy. Dabei trifft es magischer Realismus viel besser.

Sie lieben das Erfinden, Behaupten und Überraschen.
Ja! Ich liebe Filme, die Welten schaffen und dich hineinziehen und sie erforschen lassen. Im Windschatten einer so kreativen Idee kann man ja auch grosse, ernste Fragen an die Zuschauer heranschmuggeln: Über die furzende Leiche in «Swiss Army Man» etwa liesse sich eine grosse Debatte über Scham, Schamgefühl und Einsamkeit anzetteln. Das ist doch die Schönheit des Filmemachens: Träume müssen nicht Träume bleiben. Wir machen sie zu einer Realität.

«Swiss Army Man» ist das Beste, was ich in diesem Jahr gesehen habe, ein Film, der von der ersten bis zur letzten Sekunde überrascht.
Oh, danke, danke, danke! Ich bin so stolz darauf! Der Film ist so schön, abscheulich, dumm, klug, lustig ...  

Die Filme von Daniel Radcliffe

... und zart, berührend, komisch und tragisch.
Oh gut, gut, gut, ich danke Ihnen so sehr!

Was dachten Sie, als Sie das Drehbuch lasen?
Ich dachte bloss: Mann, ist das gut! Viele Leute glauben ja, dass man mich dazu überreden musste, weil die Geschichte so komplett durchgeknallt ist. Das stimmt nicht. Ich lese ja viele Drehbücher, auch viele durchgeknallte Drehbücher. Aber bei diesem hier war jede Seite wie eine Explosion! Es war unfassbar originell und gut geschrieben. Restlos alles, was man im Film sieht, steht so im Drehbuch.

Sie sagten neulich, Ihr Lieblings-Filmtod wäre ein gewaltsamer in «Game of Thrones». Ehrlich?
Das wurde irgendwo geschrieben, aber was ich eigentlich meinte, war dies: Ich würde sehr gern in einer amerikanischen TV-Serie mitspielen, aber dann müsste ich mich wieder für sieben Jahre oder so am Stück verpflichten. Und nach den «Potter»-Jahren habe ich dazu keine Lust. Noch nicht. Deshalb sagte ich: Eine Figur in «Game of Thrones», die schon bei ihrem ersten Auftritt getötet wird, wäre genau richtig für mich.

«Swiss Army Man» läuft ab 27. Oktober im Kino.

Das würde Daniel Radcliffe gefallen: 100 Mal Hollywood in Schwarz-Weiss (und mit vielen Zigis)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

Epidemiologin Low: «Wenn das in der Schweiz passiert, ist das katastrophal»

Nicola Low, Epidemiologin in der Task Force des Bundesrates, erklärt, warum jetzt alles getan werden muss, um die Coronavirus-Mutante B.1.1.7 einzudämmen. Setzt sie sich in der Schweiz durch, habe dies schwerwiegende Konsequenzen. Unter anderem für die Impfstrategie.

Die Corona-Fälle sind nach den Festtagen nicht explodiert. Sind Sie beruhigt?Nicola Low: Nein. Gar nicht. Über die Festtage wurde weniger getestet. Es ist jetzt noch nicht möglich, zu sagen, wie sich das Virus über Weihnachten und Neujahr verbreitet hat. Wir müssen da sehr vorsichtig sein. Die aktuellen Zahlen dürfen wir nicht überinterpretieren. Und zudem ist jetzt eine neue Virus-Variante aufgetaucht.

Sie sprechen die Coronavirus-Mutante B.1.1.7 an.Ja, wie es aussieht, hat sich diese in Wengen …

Artikel lesen
Link zum Artikel