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In der Quantität liegt die Qualität: Etwas eintönige Trophäenwand eines Jägers. Bild: outside the box

Interview

«Sie fahren in den Urlaub, um Tiere zu töten.» Ulrich Seidl filmt Jagdtouristen 

Der österreichische Filmemacher stösst uns in «Safari» mal wieder in menschliche Abgründe. Er selbst ist ein total netter, sehr zufriedener Mann.



Er dokumentiert Österreichs Perversionen. Die Kellerspiele nostalgischer Nazis («Im Keller»), eine sexhungrige Afrikareisende («Paradies: Liebe»), Menschen, die ihr Haustier begehren («Tierische Liebe»). Jetzt ist er erneut nach Afrika gereist, mit reichen Landsleuten, die in ihren Ferien gerne Tiere töten und sich dafür die abwegigsten Theorien zurecht legen. «Safari» ist ein grausamer, immer wieder verblüffender Dokfilm mit verwirrend erhabenen Momenten. Am Zurich Film Festival nahm sich Ulrich Seidl Zeit für uns.

Herr Seidl, was für ein grossartiger Film! Mein Reflex danach war: So ein schönes Steak vom Eland-Rind hätte ich jetzt auch gern!
So hungrig waren Sie?

Nein, aber ich ess gerne Fleisch, und die Beschreibung war äusserst Appetit anregend.
Naja, es ist nicht immer gut.

Das heisst, Sie sind während der Dreharbeiten schon zum einen oder andern Stück Wildbret gekommen?
Sicher, sicher, ich hab ja auch dort gelebt, auf den Farmen. Da ist man abhängig von der jeweiligen Verpflegung und kriegt halt jeden Tag Fleisch. Auch die ganzen Jagdhelfer, die dort wohnen und arbeiten, ernähren sich davon.

ABD0011_20160901 - WIEN - ÖSTERREICH: Regisseur Ulrich Seidl am Samstag, 27. August 2016, während eines Interviews mit der Austria Presse Agentur (APA) in Wien. Seidls neuer Dokumentarfilm

Ulrich Seidl, ein Gentleman aus Österreich. Bild: APA

Aber kann man so eine Giraffe essen?
Ich hab keine gegessen, aber man kann sie schon essen. Man kann eigentlich alle Tiere essen. In der Mehrzahl war’s allerdings nicht so gut, weil es hart oder zäh war, aber es ist halt nicht gut gemacht, nicht lange genug abgehangen. Man ist dort nicht so zimperlich.

Wird da nicht viel mehr Fleisch geschossen, als eigentlich gebraucht wird?
Natürlich. Da schiessen ja verschiedene Leute den ganzen Tag. In der Regel wird am Vormittag und am Nachmittag was erlegt.  

«Die Tiere an der Wand sind das Fotoalbum des Jägers.»

Ulrich Seidl

Man schiesst also am Vormittag was für 1000 Euro und am Nachmittag nochmals?
Das kommt drauf an, das ist ja sehr individuell. Die meisten Leute, die zur Jagd nach Afrika fahren, machen sich eine Wunschliste. Es geht ja auch um die Trophäen. Da hat man zuhause schon die und die und die Trophäe, und dann braucht man noch...  

... ein Zebra. Und eine Giraffe.
Genau. Das ist wie bei Bergsteigern, die sich sagen: Diesen Gipfel haben wir noch nicht, besteigen wir ihn!

Trailer zu «Safari»

abspielen

Video: YouTube/Stadtkino Filmverleih

In ihrem Film zeigen sie eine vierköpfige Familie, alle sind leidenschaftliche Jäger. Haben die zuhause einen Saal voll mit ausgestopften Trophäen?
Ja. Sie sind wohlhabend, sie besitzen zuhause in Österreich ein Gut und Wälder und gehen dort auch ganz normal Hirsche und Rehe schiessen.

Wann haben denn die Kinder mit Schiessen angefangen?
Als ich gedreht habe, waren sie 17. Ich würde meinen, mit 12 haben sie angefangen. Aber ich habe noch ganz was Anderes erlebt: Ich hab in Namibia eine Familie aus der Steiermark kennen gelernt, die hatten zwei Buben. Der eine Bub war 4 Jahre alt, der andere 6, und der 6-Jährige hat geschossen. Hat mit der Schrotflinte auf Perlhühner geschossen. Leider wollten sie beim Film nicht mitmachen.

«Man muss ein Tier schiessen, damit man Nähe findet. Das ist doch absurd.»

Ulrich Seidl

Schade! Sehr interessant ist ja auch die Sache mit der Erziehung zum Töten. Die Mutter verlangt von der Tochter, dass sie jetzt endlich mal lernt, so ein Gnu richtig zu schiessen, sonst ist die Tochter im Familienverbund nichts wert.
Ja, das Töten der Tiere schafft eine Verbindung zwischen den Familienmitgliedern. Das habe ich selbst auch erst bei den Dreharbeiten gelernt. Plötzlich entsteht zwischen Vater und Sohn und zwischen Mutter und Tochter eine ganz neue Beziehung, eine Nähe und Intimität aufgrund des Schiessens des Tieres.

Die beiden haben es richtig schön miteinander. Bild: outside the box

Für die Mutter ist es ja auch immer ein erotisches Erlebnis. Wenn der Schuss abgeht, stöhnt sie nur noch.
Das ist für sie wie beim Orgasmus.

Size matters. So scheint es jedenfalls. Je grösser das Tier, desto grösser der Lustgewinn.
Je grösser die Ehrfurcht, je grösser die Anspannung und die Herausforderung, desto grösser auch der Stolz. Je höher der Gipfel ...

Was war für Sie als Filmemacher der Reiz? Etwa die Fotos, die wir alle kennen, wo Menschen wie die Trump-Söhne neben erlegten Tieren posieren?
Jagd war für mich immer schon ein Thema, obwohl ich selbst kein Jäger bin. Ich bin auch nicht in einem Jagdmilieu aufgewachsen. Aber mich beschäftigt die Frage: Was treibt Menschen an, dies zu tun? Und dann auch noch in Kombination mit Urlaub. Sie fahren alle in den Urlaub und verbringen ihn damit, Tiere totzuschiessen. Das ist nochmal was anderes, als wenn der Jäger frühmorgens in den heimischen Wald geht.

Wo es ja eh zu viele Rehe gibt.
Wenn man sich die Frage nach der Nützlichkeit und der Ethik stellt, gibt’s nicht so viele Unterschiede. Die Behauptung, es gebe zu viele Hasen, Füchse, Rehe und Wildschweine kommt ja immer von den Jägern selbst. Sie müssen sich dauernd rechtfertigen.

In ihrem Film behaupten sie auch, sie würden in Afrika Naturschutz betreiben. Ist das so oder ist das bloss eine wundersame Ausrede?
Teils, teils. Es gibt die sogenannten «Fleischabschüsse», mit denen gewisse Populationen bewusst dezimiert werden. Sind keine Gäste da, erledigen das irgendwelche Leute im Auftrag des Farmbesitzers. Als Jagdurlauber identifiziert man sich natürlich sehr gern damit und sagt sich: Dieser alte Bulle da, der stört nur in der Herde.

Ist ein alter Bulle überhaupt attraktiv?
Schon. Sie reden ja immer von «kapital». Bei uns hat ein «kapitaler» Hirsch ja auch ein gewisses Alter und ein irrsinnig grosses Geweih. Natürlich gibt’s in Afrika noch was Anderes, aber das ist nicht Thema meines Films: Die afrikanische Elefantenpopulation etwa nimmt rapide ab, weil auf dem asiatischen Markt ein riesiger Bedarf nach Elfenbein besteht. Es gilt dort ja immer noch als Potenzmittel und so weiter, das ist ein Milliardengeschäft. Und da geschehen fürchterliche Dinge.

Dieses visuell grossartige, kolonialismuskritische Bild hat Herr Seidl ganz hinterrücks arrangiert. Bild: outside the box

Ihre netten Jäger behaupten ja auch gern, dass sie in Afrika Entwicklungshilfe machen. Weil sie so viel Geld ins Land bringen.
Das ist auch eine Mär. Denn wer verdient das Geld? Der weisse Farmer! Die Schwarzen kriegen ihren Wochenlohn, der natürlich sehr niedrig ist, man sieht im Film ja auch, wie die Schwarzen wohnen. Gerade im Tourismus benutzen viele Leute dieses Argument gern. Dabei geht das meiste Geld wieder zurück zu den Investoren und Konzernen, das kommt nicht dem Land zugute, höchstens in Form von Korruptionsgeldern für gewisse Politiker.

«Man schafft Distanz zum Tier, indem man es als ‹Stück› bezeichnet und statt von ‹Blut› redet man von ‹Schweiss›.»

Ulrich Seidl

Was ich nicht verstanden habe, ist die Sache mit dem Gemüse: Wenn das Tier tot ist und fürs Foto hergerichtet wird, steckt man ihm was Grünes ins Maul. Wozu?
Das ist der «letzte Biss». Eins von vielen Ritualen. Man entschuldigt sich damit quasi beim Tier. In dieselbe Kerbe schlägt die Versachlichung der Tiere. Fürs Foto «wäscht» man das Blut mit Sand weg. Alles, was mit Blut zu tun hat, gilt als unangenehm, als Tabu und wird den Einheimischen überlassen. Die ganze Schlachterei, das Häuten und Ausweiden.

Wie müssen wir uns eigentlich die Dreharbeiten vorstellen?
Mein Kameramann Wolfgang Thaler und ich waren immer mit den Jägern. Unser Ziel war nicht zu zeigen, was mit den Tieren passiert, sondern, was mit den Menschen passiert. Mit ihren Gesichtern, ihren Emotionen. Wir mussten also ganz dicht dran sein. Das war nicht einfach. Wir durften die Tiere  ja weder durch Lärm noch durch unseren Geruch stören.

Vater und Sohn finden sich auf der Pirsch. Bild: outside the box

Fühlen sich die Menschen in Ihren Filmen nie ausgestellt?
Die Beurteilung oder Verurteilung der Darsteller liegt allein im Ermessen des Zuschauers. Meine Protagonisten haben kein Problem damit, sich in meinen Filmen zu sehen, viele begleiten mich seit Jahren und kommen in mehreren meiner Filme vor.

Und wie gehen sie mit den Zuschauermeinungen um?
Ich sage ihnen im voraus: Ihr müsst damit rechnen, dass eine Debatte in der Öffentlichkeit stattfindet, dass ihr angegriffen werdet ...  

... dass Tierschützer Farbbeutel gegen die Schlossmauern schmeissen ...
Ja, klar. Ich will sie ja nicht hinters Licht führen. Natürlich haben sie auch bei «Safari» ihre Befürchtungen gehabt, aber dann haben sie gesehen, dass ich nur das zeige, was sie tun und sagen.

Und? Sind Sie der Frage auf den Grund gekommen, was die Leute dazu bewegt, ihren Urlaub mit Töten zu verbringen?
Nein.

«Safari» läuft ab 8. Dezember im Kino.

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