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Konflikt in Berg-Karabach: Schwere Gefechte fordern erneut mehrere Tote



Eine Woche nach der vereinbarten Waffenruhe dauern die Kämpfe in der Konfliktregion Berg-Karabach im Südkaukasus an. Aserbaidschan meldete schwere Angriffe der armenischen Seite in der Nacht zum Samstag auf Ganja, die zweitgrösste Stadt des Landes. Bei dem Raketenbeschuss seien 13 Menschen getötet worden, teilte das Zivilschutzministerium in der Hauptstadt Baku mit. Armenien machte das Nachbarland ebenfalls für Angriffe verantwortlich. Russland mahnte, die Feuerpause müsse strikt eingehalten werden.

Azerbaijani soldiers and firefighters look for survivors from destroyed houses in a residential area in Ganja, Azerbaijan's second largest city, near the border with Armenia, after rocket fire overnight by Armenian forces for second time in a week, early Saturday, Oct. 17, 2020. Azerbaijan has accused Armenia of striking its second-largest city with a ballistic missile that killed at least 13 civilians and wounded 50 others in a new escalation of their conflict over Nagorno-Karabakh. (Can Erok/DHA via AP)

Aserbaidschanische Soldaten und Feuerwehrleute suchen in Zerstörten Häusern in Ganja nach Überlebenden. Bild: keystone

Von 50 Verletzten sprach Aserbaidschan in Ganja. Die Leichen seien etwa unter Trümmern zerstörter Häuser gefunden worden. Darunter sollen auch Kinder gewesen sein. Auf von Aserbaidschan verbreiteten Bildern war zu sehen, wie Rettungskräfte in zerstörten Häusern nach Überlebenden suchen. Dabei waren auch Suchhunde im Einsatz. Die Behörden sprachen von erheblichen Schäden.

Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan: Darum geht's

Video: watson/jah

Konfliktparteien beschuldigen sich gegenseitig

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev nannte den Angriff im Fernsehen ein Kriegsverbrechen und drohte, dass die armenische Führung dafür zur Rechenschaft gezogen werde. Armenien wies jedoch eine Verantwortung zurück und warf dem verfeindeten Nachbarn im Gegenzug vor, selbst hinter dem Angriff zu stecken und dies als «Propaganda» gegen die Armenier zu verwenden.

Eine Frau sitzt nach einem Beschuss der armenischen Artillerie inmitten der Tr

Eine Frau sitzt nach einem Beschuss der armenischen Artillerie inmitten der Trümmer. Bild: sda

Armenien wiederum berichtete von Raketenangriffen der aserbaidschanischen Seite, darunter auf die Hauptstadt von Berg-Karabach. Dabei seien in Stepanakert mindestens drei Zivilisten verletzt worden. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, erneut gegen die Feuerpause verstossen zu haben. Sie war am vergangenen Samstag unter der Vermittlung Russlands zustande gekommen.

Der russische Aussenminister Sergej Lawrow appellierte am Abend eindringlich an beide Seiten, sich an die erst eine Woche alte Vereinbarung zu halten. Er telefonierte dazu nach Angaben seines Ministeriums in Moskau erneut mit seinen Kollegen aus Aserbaidschan und Armenien, Jeyhun Bayramov und Sohrab Mnazakanjan.

Dabei habe Lawrow daran erinnerte, dass die Feuerpause auch humanitären Gründen diene. Ausserdem hätten beide Seiten ihre Bereitschaft für «substanzielle Verhandlungen» mit dem Ziel einer schnellstmöglichen Friedensregelung erklärt, hiess es.

A neighbour comforts home owner, Lida Sarksyan, left, near her house destroyed by shelling from Azerbaijan's artillery during a military conflict in Stepanakert, the separatist region of Nagorno-Karabakh, Saturday, Oct. 17, 2020. The latest outburst of fighting between Azerbaijani and Armenian forces began Sept. 27 and marked the biggest escalation of the decades-old conflict over Nagorno-Karabakh. The region lies in Azerbaijan but has been under control of ethnic Armenian forces backed by Armenia since the end of a separatist war in 1994. (AP Photo)

Anwohner trösten sich gegenseitig, nachdem Beschuss durch die aserbaidschanische Artillerie ein Quartier in Stepanakert zerstört hat. Bild: keystone

Auch die EU forderte beide Seiten erneut zur Einhaltung der Waffenruhe auf. «Alle Angriffe auf Zivilisten und zivile Einrichtungen müssen ein Ende haben», sagte ein Sprecher des EU-Aussenbeauftragten Josep Borrell am Samstag. Die Europäische Union bedauere den Beschuss der aserbaidschanischen Stadt Ganja.

Angaben lassen sich nicht überprüfen

Die Angaben aus der Konfliktregion lassen sich unabhängig nicht überprüfen. So teilte das Militär von Aserbaidschan mit, es habe einen armenischen Kampfjet abgeschossen. Das aber dementierte das armenische Verteidigungsministerium umgehend und erklärte, zwei Drohnen der gegnerischen Seite abgeschossen zu haben.

Aserbaidschan berichtete von weiteren Geländegewinnen an der Front. Aliyev erklärte zudem, sein Militär habe die Stadt Fizuli und sieben umliegende Dörfer unter Kontrolle gebracht. Diese Region grenzt an Berg-Karabach und war von Armenien besetzt.

Die beiden Ex-Sowjetrepubliken kämpfen seit Jahrzehnten um die bergige Region mit etwa 145 000 Bewohnern. Berg-Karabach wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Seit 1994 galt eine brüchige Waffenruhe.

Aus der mehrheitlich von christlichen Karabach-Armeniern bewohnten Bergregion sind inzwischen Tausende Menschen geflohen. Das armenische Verteidigungsministerium sprach von mehr als 600 getöteten Soldaten seit Beginn der neuen Kämpfe am 27. September. Aserbaidschan machte bislang keine Angaben zu Verlusten bei seinen Streitkräften. Bei armenischen Angriffen seien mehr als 50 Zivilisten getötet worden.

Neue Waffenruhe soll ab Sonntag greifen

Nun nehmen Armenien und Aserbaidschan eine neuen Anlauf für eine Feuerpause. In der Nacht zum Sonntag um Mitternacht Ortszeit (22.00 Uhr MESZ) solle eine «humanitäre Waffenruhe» in Kraft treten. Das teilten die Aussenministerien beider Länder im gleichen Wortlaut am Samstagabend mit. (sda(dpa/pls)

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