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Saragossa, Spanien. Bild: Shutterstock

Blick auf Saragossa in Spanien. In der Stadt mit rund einer Million Einwohner verbreitet sich das Coronavirus derzeit stark. bild: shutterstock

Keine Stadt Europas verzeichnet aktuell mehr Corona-Fälle als dieser Ort in Spanien

In Spanien steigen die Corona-Zahlen weiter an. Zum Epizentrum der Pandemie wurde die Stadt Saragossa – und dort vor allem das Viertel Las Delicias. Was läuft dort schief?



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In Spanien stiegen in den letzten Wochen die neu gemeldeten Coronafälle stark an. Das spanische Festland steht seit dem letzten Wochenende auf der BAG-Risikoliste. Wer von dort in die Schweiz einreisen will, muss hier zehn Tage in Quarantäne. Diese Woche überschritten auch die Balearen die BAG-Grenze von 60 Fällen pro 100'000 Einwohnern.

Betroffen von der sich erneut ausbreitenden Pandemie war und ist vor allem eine autonome Gemeinschaft: Aragonien.

Aragon, Saragossa

Aragonien mit den drei Provinzen Huesca, Saragossa und Teruel. bild: Shutterstock/watson

Innerhalb Aragoniens (auch Aragon genannt) wiederum sticht insbesondere die Provinz Saragossa ins Auge. Von den 633 Fällen, die am Sonntag in der gesamten autonomen Gemeinschaft gemeldet wurden, entfallen 567 auf Saragossa – fast 90 Prozent. Die Fallzahlen steigen in Aragonien seit Mitte Juli – wie in ganz Spanien – rasant an und sind aktuell so hoch wie nie.

Tägliche Neuinfektionen in Aragonien seit dem 4. März

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Während in Spanien die Neuinfektionen pro 100'000 Einwohnern bei 90 lag, schwang Aragonien mit 541 deutlich obenaus. Danach folgen Navarra (159), Katalonien (158), das Baskenland (150) und Madrid (125).

Bevölkerung wird sorgloser

Was läuft schief in Aragonien? Das fragen sich derzeit auch die heimischen Experten. Und mögliche Antworten finden sich dabei im Stadtviertel Las Delicias in der Stadt Saragossa.

Dieser bevölkerungsreichste Stadtteil gehört zu den am schwersten von dem erneuten Corona-Anstieg betroffenen in ganz Spanien. 31'000 Menschen leben hier pro Quadratkilometermeter (ähnlich wie Manhattan), in anderen Vierteln sind es knapp 8000. Diese Bevölkerungsdichte ist schon einmal ein perfektes Umfeld für eine rasche Ausbreitung des Coronavirus. Ungefähr jeder vierte Corona-Fall in Saragossa stammt aus Las Delicias.

Saragossa Spanien, Bild: Shutterstock

Die Maskenpflicht wird in Saragossa angeblich nicht so umgesetzt wie von der Regierung gewünscht. bild: shutterstock

Doch das alleine reicht noch nicht als Erklärung. Womöglich hängt es auch mit einer gewissen «Corona-Müdigkeit» zusammen. Nicht überall werden die Regeln wie Maskentragen in der Öffentlichkeit befolgt. Auch die Quarantäne-Pflicht, wenn man sich infiziert hat oder mit Infizierten in Kontakt war, wird zunehmend gebrochen.

Deshalb haben die Behörden jetzt reagiert. Am Montag wurden die Kontrollen massiv hochgefahren und gestartet wird im Stadtteil Las Delicias.

Polizeipatrouillen sorgen dafür, dass die geltende Maskenpflicht durchgesetzt wird. Denn Anwohner beschwerten sich unter anderem in der lokalen Zeitung El Heraldo, dass vor allem junge Menschen einen sorglosen Umgang beim Maskentragen offenbaren. «Abends um 22 Uhr sind einige Plätze hier überfüllt», sagt eine Nachbarin stellvertretend. Komme die Polizei, tragen alle die Masken. Kaum ist sie weg, verschwinde auch der Mundschutz aus dem Gesicht.

Hilfe und Kontrolle bei der Quarantäne

Ebenfalls verstärkt wird die Überwachung der Quarantäne. Die Zahl der Hausbesuche von Sozialarbeitern, der Polizei oder dem Gesundheitspersonal wird erhöht. Es gehe darum, sicherzustellen, dass die Isolation eingehalten werde und weitere Kontakte vermieden werden, sagte Gesundheitsministerin Sira Repollés. Fehlen die Bedingungen für die Selbstquarantäne, sollen sich die Bewohner in dafür zugelassene Wohnhäuser oder in Spitäler begeben. Doch auch diese Möglichkeiten haben ihre Mängel, wie die Sozialarbeiterin Isabel Antón gegenüber RNE sagt: «Es braucht solche Einrichtungen, aber bitte auch würdevoll.»

Ein weiteres Problem im Quartier: «Viele sind nicht in der wirtschaftlichen Lage, zu Hause zu bleiben», gesteht Juana, eine Bewohnerin der Stadt, gegenüber Radio y Televisión Española (RTVE) offen. Zudem sind die Wohnungen im Viertel Las Delicias oft nicht mehr die modernsten. Bei den sommerlichen Temperaturen fällt es da schwer, viel Zeit zu Hause zu verbringen. Isabel Antón erklärt im Heraldo: «Die Häuser, die Einrichtung, das Platzangebot – es spielt schon eine Rolle, wie du wohnst, um dich an die Quarantäne zu halten.»

In Las Delicias leben viele Einwandererfamilien, von denen einige häufig in den Dörfern in der Landwirtschaft arbeiten und am Wochenende in die Stadt zurückkehren. Dies sorgt für die nächste Möglichkeit, damit sich das Virus schnell verbreiten kann.

Saragossa ist der «perfekte Sturm»

Javier Lambán, Regierungspräsident von Aragonien, glaubt denn auch, dass viele Faktoren zusammenkommen, wie er gegenüber dem Radiosender Cadena Ser sagte: «Es ist wie ein perfekter Sturm. Eine grosse Stadt, ein aktives Nachtleben, viele Freizeitangebote und Tausende Saisonarbeiter von den umliegenden Obstplantagen.»

epa07278824 Spanish Minister of Culture Jose Girao (2-R), Miami's Mayor Francis X. Suarez (R), Aragon's regional President Javier Lamban (2-L), Spanish producer and Atletico Madrid President Enrique Cerezo (C), and Egeda's CEO Miguel Angel Benzal (L) pose for the media during the gala of the 24th Forque Awards held at Palacio de Congresos in Zaragoza, northern Spain, 12 January 2019.  EPA/JAVIER CEBOLLADA

Aragoniens Regierungspräsident Javier Lambán. Bild: EPA/EFE

Die Situation in der Region ist gemäss Lambán «beunruhigend», vor allem, wenn er dran denke, dass in den nächsten Wochen die Schulen nach den Sommerferien wieder öffnen. Trotzdem ist er für die Öffnung der Schulen. Man müsse lernen, mit dem Virus zu leben. An einen Lockdown möchte Lambán in Saragossa nicht denken. Aktuell gelten Sitzbeschränkungen in Bars und Restaurants, eine Einschränkung des Nachtlebens und Maskenpflicht in ganz Aragonien.

Obwohl sich die Zahlen in den vergangenen Wochen schnell verschlechtert haben, ist die Situation derzeit nicht mit jener im März/April vergleichbar. Da sind sich fast alle Experten und Politiker in Spanien einig. Es wird mehr getestet, die Verläufe sind oft leichter, das Durchschnittsalter der Betroffenen sinkt und die Spitäler haben ihre Kapazitätsgrenze nicht erreicht. Die Auslastung in den Spitälern liegt bei rund 40 bis 50 Prozent. Allerdings nahmen die Hospitalisierungen zuletzt wieder deutlich zu.

In der Region Aragonien haben sich die Spitaleinweisungen im August gegenüber dem Juli verzehnfacht. Lagen in ganz Spanien Anfang Juli noch 300 Patienten mit Covid-19 im Spital, sind es jetzt Mitte August knapp 3000.

Tägliche Hospitalisierungen in Aragonien seit dem 4. März

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quelle: Gobierno de aragon

«Reduziere die Anzahl Menschen, die du triffst»

Die Menschen stecken sich dabei vor allem in der Familie, bei Festen oder in Lokalen an. Darum startete das Gesundheitsministerium eine Kampagne: «Reduziere die Zahl der Menschen, mit denen du dich triffst.» Zudem wurde vor rund einer Woche ein Video lanciert, welches das Maskentragen auch bei den herrschenden Temperaturen von weit über 30 Grad «schmackhaft» machen sollte. Das Video sorgte allerdings für viel Kritik.

«Beschütze dich, beschütze uns»: Das Video der umstrittenen Maskenkampagne

abspielen

Video: YouTube/Comunidad de Madrid

Darin heisst es: «Deine Wohnung im Sommer: 32 Grad. Biere mit Freunden: 30 Grad. Disko: 28 Grad. Krankenhaus: 25 Grad. Intensivstation: 22 Grad. Einäscherungsofen: 980 Grad.»

In Aragonien bereiten sich die Spitäler derweil auf noch mehr Patienten vor. So stellt der Gesundheitsdienst der Region verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Die Fälle sollen besser nachverfolgt werden und asymptomatische Patienten, welche die Quarantäne nicht bei sich zuhause machen können, sollen an anderen Orten betreut werden. Ein Spital in Saragossa baut auf dem Parkplatz ein Notspital in einem Zelt auf und auch auf dem Messegelände Saragossas steht ein Notspital mit 400 Betten bereit.

Auch wenn Aragonien die aktuell am schwersten betroffene Region Europas ist. Mit der Lombardei vom März/April lässt sich die Situation nicht vergleichen. Und man hofft, dass die Massnahmen bald wirken und die Fallzahlen wieder sinken.

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