Gesellschaft & Politik
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5000 Kinder in Guinea betroffen

Ebola und die «Monster im Astronauten-Anzug» traumatisieren Kinder

Mindestens 5000 Kinder in Guinea sind direkt von der Ebola-Epidemie betroffen – medizinisch und psychisch. Das Virus macht Berührungen unmöglich und traumatisiert die jungen Opfer.



Ein Babyweinen hallt aus dem Ebola-Behandlungszentrum in Guéckédou, einer Kleinstadt im Südosten Guineas. Sekunden später tritt ein Arzt aus dem Raum. Er steckt von Kopf bis Fuss in Schutzkleidung und hält den Säugling im Arm. Wiegend und streichelnd versucht er, das zwei Wochen alte Kind zu beruhigen, so gut das eben geht durch die Schichten aus Kunststoff.

Health workers spray a vehicle, used for collecting bodies, with disinfectant at an Ebola Isolation centre run by Doctors Without Borders in Donka, Guinea, Thursday, Oct. 16, 2014. The deadly Ebola virus has infected two people in what was the last untouched district in Sierra Leone, the government said Thursday, a setback in efforts to stop the spread of the disease in one of the hardest-hit countries. (AP Photo/Youssouf Bah)

Ärzte ohne Grenzen beim Einsatz in Donka in Guinea. Bild: AP

Tausende von Menschen hat der Ebola-Erreger schon in Westafrika getötet. Sowohl Vater als auch Mutter des Babys sind infiziert. Auch das Kind weist Symptome auf, aber ein Testergebnis steht noch aus. Getrennt von seinen Eltern muss es allein ums Überleben kämpfen. Viele Menschen in Guinea nennen Ebola die «böse Krankheit» – nicht nur, weil die meisten Infizierten sterben, sondern auch, weil das Virus die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört.

Ist ein Spitalaufenthalt für ein Kind ohnehin eine beängstigende Erfahrung, kann die Einlieferung in ein Ebola-Behandlungszentrum zum Trauma werden: Der Kontakt zur Aussenwelt erfolgt ausschliesslich durch Mediziner in Schutzanzügen. Es gibt keine Berührungen von Haut zu Haut, Gesichter verschwinden hinter dicken Schutzbrillen, doppelschichtige Masken erschweren zusätzlich die Kommunikation.

«Leute in Astronauten-Anzügen» machen Angst

«Die Kinder weinen viel. Es ist angsteinflössend für sie, wenn Leute in Astronauten-Anzügen auf sie zukommen. Sie verstehen das nicht», sagt Ibrahim Bah vom Donka-Spital in der Hauptstadt Conakry. «Wir spielen mit ihnen und versuchen, sie zum Lachen zu bringen, damit sie verstehen, dass wir keine Monster sind.»

In this undated handout photo provided by Medecins Sans Frontieres, Cokie van der Velde, a British sanitation specialist for Doctors Without Borders is seen in head-to-toe protective gear in Guekedou, Guinea. Normally, she spends her days in Yorkshire, tending to her garden and looking after her grandchildren. Van der Velde has worked on two previous Ebola outbreaks _ she gets paid a salary and stipend _ and says she does this kind of work because she believes in justice and equality. She said the need is overwhelming in this outbreak because of the heavy toll Ebola has taken on health workers; many of those sickened and killed have been doctors and nurses. That has sparked fear among many local staffers and led to strikes and resignations. (AP Photo/MSF)

Eine britische Hygiene-Spezialistin von Medecins Sans Frontieres in Guekedou in Guinea.  Bild: AP Medecins Sans Frontieres

In this photo taken on Saturday, Aug.  30, 2014, boots worn by health workers as part of their personal protective equipment are placed on racks to dry after they were washed at a Doctors Without Borders Ebola care center in Conakry, Guinea. Doctors Without Borders shuttered one of its Ebola treatment centers in Guinea in May. They thought the deadly virus was being contained there. The resurgence of the disease in a place where doctors thought they had it beat shows how history's largest Ebola outbreak has spun out of control. (AP Photo/Youssouf Bah)

Gummistiefel trocknen nach der Desinfektion in Conakry in Guinea. Bild: AP

Guineas Ebola-Zentren sind in provisorischen Zelten untergebracht, Klimaanlagen gibt es dort nicht. In der Region herrschen im Jahr durchschnittlich Temperaturen von 29 Grad. Wegen der Hitze und Feuchtigkeit können die Ärzte nur bis zu 90 Minuten in voller Schutzmontur bleiben, das Personal muss sich ständig abwechseln. Das erschwert den Beziehungsaufbau zu den Kindern zusätzlich.

«Wir versuchen ständig, uns etwas Kreatives einfallen zu lassen, um das zu bewältigen», sagt Julia Garcia, die für Ärzte ohne Grenzen in Guéckédou arbeitet. Jedes Mal, bevor ihre Schicht beginnt, stellt sie Sichtkontakt mit den Kindern her, die stark genug sind, um in der Besuchszone des Behandlungszentrum umherzugehen.

Sie vereinbart ein Handsignal, mit dem sie sie auch im Schutzanzug wiedererkennen. «Manchmal singe ich ihnen Lieder vor, aber das ist kompliziert, weil es schwer ist, unter den Masken zu atmen», erzählt Garcia.

epa04445415 A photograph made available 13 October 2014 shows a Liberian nurse disinfecting a motorcycle taxi after transporting a..suspected Ebola patient at the MSF treatment Unit in Monrovia, Liberia 20 September 2014. Motorcycle taxi are being blamed as one of the major transmission chains of the deadly Ebola virus, according health experts. Statistics from the World Health Organization show the number of deaths attributed to the Ebola outbreak has risen above 4,000 in the worst-affected West African countries of Guinea, Liberia and Sierra Leone.  EPA/AHMED JALLANZO

Experten beim Einsatz in Malis Hauptstadt Monrovia. Bild: EPA

Geringe Überlebenschancen

Die Weltgesundheitsorganisation registrierte bis zum 23. Oktober über 1550 Ebola-Fälle in Guinea. Das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF schätzt, dass mindestens 5000 Kinder in Guinea direkt von Ebola betroffen seien, in medizinischer oder psychosozialer Hinsicht. Kinder und vor allem Babys haben nur geringe Chancen, Ebola zu überleben. Ihr Immunsystem ist wesentlich schwächer als das von Erwachsenen.

In this photo taken Saturday, Oct. 25, 2014, health workers stand in an area used for Ebola quarantine after they worked with diseased Fanta Kone at an Ebola virus center in  Kayes, Mali. After 2-year-old Fanta Kone’s father died in southern Guinea, the toddler’s grandmother took her from the forested hills where the Ebola outbreak first began months ago to bring her home to Mali. It wasn’t long, though, before the little girl started getting nosebleeds.  (AP Photo/Baba Ahmed)

Ein Bild aus Kayes in Mali. Bild: AP

Die zwölfjährige Rosaline Koundiano aus Guéckédou ist eine Ausnahme. Sie überlebte als eines der ersten Kinder den jetzigen Ebola-Ausbruch. Sie hatte sich angesteckt, als sie im Februar half, ihre kranke Grossmutter zu pflegen. Kurz nach deren Beerdigung fühlten sich Rosaline und ihre Mutter krank.

Einen Monat später waren beide geheilt. Aber in der Zwischenzeit waren zehn Mitglieder ihrer Familie an Ebola gestorben. Als Rosaline nach Hause kam, war sie am Boden zerstört – und wurde von Freunden und Nachbarn gemieden. Das Zertifikat, das belegt, dass sie virusfrei ist, half wenig. Erst Wochen später spielten Freunde wieder mit ihr. Anderen ergeht es schlechter. Sie werden im Stich gelassen, auch negativ Getestete. 

(sda/dpa)

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