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Pulverdampf noch nicht verzogen – es herrscht Redebedarf im Nationalteam



In den chaotischen Wochen nach dem WM-Out drohte dem Nationalteam eine Zerrüttung. Deshalb müssen sich die Schweizer vor dem Start in die Nations League zunächst einmal mit Altlasten beschäftigen.

Der Pulverdampf hat sich noch nicht verzogen. Vor dem ersten Zusammenzug des Nationalteams seit dem Out im WM-Achtelfinal gegen Schweden (0:1) ist die allgemeine Skepsis spürbar, der Redebedarf ist beträchtlich. Der verbandsinterne House-Cleaning-Prozess ist im Kreis der Spieler ein massgebliches Thema, die Querelen und Turbulenzen erfordern eine umfassende Erklärung.

Dass der SFV-Boss Peter Gilliéron die Aussprache zur Chefsache erklärt hat, ist richtig und wichtig. Die Akteure wünschen sich nach einem mehrwöchigen Sommertheater absolute Transparenz. Die umstrittene Personalie Alex Miescher ist mit seinem Rückzug vom Tisch, die Identifikations-Debatte hingegen, welche der frühere Generalsekretär im direkten Anschluss an die Endrunde in Russland mit seinen Voten zum Doppelbürger-Status losgetreten hat, flammt permanent wieder auf.

Die Nati-Spieler rücken zur Nations-League-Premiere ein

Und ebenso erheblich dürfte sein, die Umstände von Valon Behramis Rücktritt offenzulegen. Der langjährige und einflussreiche Teamleader verabschiedete sich im August mit einer öffentlichen Wutrede im Tessiner Fernsehen. Der bei Udinese inzwischen zum Captain aufgestiegene Mittelfeldspieler unterstellte Petkovic, den personellen Umbau unter politischen Gesichtspunkten voranzutreiben.

Behramis Darstellung hat der Selektionär inzwischen schon mehrfach deutlich widerlegt und die Entwicklung im Nachgang zur WM bedauert: «Es ist eskaliert, das tut mir leid.» Petkovic tut gut daran, seine legitimen Pläne, das Kader zu verjüngen und die Führungsstrukturen anzupassen, in den kommenden Tagen so zu vermitteln, dass keine weiteren Irritationen mehr aufkeimen.

Vladimir Petkovic Trainer der Schweizer Nationalmannschaft spricht mit Xherdan Shaqiri beim Training in Freienbach, aufgenommen am Montag, 3. September 2018. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Vladimir Petkovic spricht mit Xherdan Shaqiri beim Training in Freienbach. Bild: KEYSTONE

Das Tagesgeschäft mit dem Nations-League-Start gegen Island am kommenden Samstag in St.Gallen und dem anspruchsvollen Test gegen den WM-Halbfinalisten England in Leicester bleibt für den Nationalcoach wichtig, aber entscheidend für seine unmittelbare Zukunft ist seine Linie gegen innen. Für die Beteiligten muss plausibel sein, was Petkovic vorhat und wie er sich die Umsetzung im Detail vorstellt.

Stephan Lichtsteiner (34) beispielsweise rückte als Captain ein, Johan Djourou (31) als Joker, Blerim Dzemaili (32) wurde nicht aufgeboten. Gerade im Zusammenhang mit dem ehrgeizigen Aussenverteidiger Lichtsteiner wird Petkovic eher früher als später ein klares Statement abgeben müssen; der Spieler selber hat sich bereits deutlich positioniert, ein freiwilliger Abschied sei für ihn keine Option. «Ich mache definitiv weiter», legte sich Lichtsteiner gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA fest. Er habe noch «grosse Ziele, Ambitionen und Träume».

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Die Wortmeldung der Altstars

Im September und Oktober ist nicht erheblich, wer die Mannschaft auf das Feld führt. Der nächste EM-Qualifikationszyklus beginnt erst im März 2019. Aber gewisse Kreise und Beobachter lancieren bereits erste Amtsanwärter – oder versuchen, andere Captain-Kandidaten gezielt zu destabilisieren. Das orchestrierte mediale Spiel auf den Mann hat begonnen, Experten wie Stéphane Henchoz oder Kubilay Türkyilmaz knöpften sich Granit Xhaka im Stil einer Kampagne vor – die Ex-Internationalen sprachen ihm sinngemäss ab, die Schweiz richtig zu repräsentieren.

Ihre dumpfe Argumentationskette passt nahtlos zur Endlosschleife «Identifikation». Speziell bei Xhaka, der immer wieder eine klare Kante zeigt und seine Standpunkte entsprechend deutlich vertritt, aber nicht mit allen teilt, wird jede Geste, jedes Foul und jede Wortmeldung in einen grösseren Zusammenhang gerückt. 66 Länderspiele, darunter ein hoch kompliziertes EM-Duell gegen den eigenen Bruder, genügen vereinzelten Kolumnisten und Schwarzmalern offenbar nicht als vollumfängliches Bekenntnis zur SFV-Auswahl.

Sie gewichten den Doppeladlergruss an der WM höher als Xhakas Performance auf dem Platz. Dabei drängt sich der Arsenal-Professional im sportlichen Sektor für eine Führungsrolle im Nationalteam geradezu auf. Seit er den FC Basel 2012 verlassen hat, gehört er im Ausland zum Stamm seiner Equipen; auch in dieser Saison kommt kein Nationalspieler ausserhalb der Super League auf mehr Einsatzminuten.

Sowohl bei Mönchengladbach als auch in London trug der 25-Jährige mit der Erfahrung von über 300 Profi-Partien die Binde am Oberarm. Für Max Eberl, Sportchef der Borussia, ist er «eine Identifikationsfigur», Dortmunds Coach Lucien Favre lobt ihn ebenfalls in höchsten Tönen. Und Petkovic sagte im März vor einem Jahr zur Keystone-SDA: «Er hat alle Eigenschaften, um irgendwann Captain der Schweiz zu werden.» (sda)

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