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03.09.2020, Brandenburg, Grünheide: Elon Musk, Tesla-Chef, steht auf der Baustelle der Tesla Gigafactory und gibt ein Autogramm. In Grünheide bei Berlin sollen ab Juli 2021 maximal 500 000 Fahrzeuge pro Jahr vom Band rollen - dabei soll nach den Plänen des Autobauers so schnell wie möglich das Maximum erreicht werden. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Patrick Pleul)

Tesla-Chef Elon Musk tourt durch Deutschland. Bild: DPA-Zentralbild

Der Tech-Messias auf Deutschland-Tour: Fans jubeln, Politiker posieren, Hater protestieren

Elon Musk ist in Berlin, aber wo genau und warum? Ein Tag auf den Fersen der Heilsgestalt.

Lenz Jacobsen / Zeit Online



Ein Artikel von

Zeit Online

Für diesen Mann gelten eigene Regeln. Es geht schon damit los, dass er einfach nicht Bescheid sagt, bevor er kommt. Oder erst so kurzfristig, wie man das in Deutschland nun wirklich nicht gewohnt ist. Am Sonntagabend erklärte Elon Musk beiläufig in einem Twitter-Dialog, dass er diese Woche übrigens nach Deutschland komme. Sofort waren alle aufgescheucht. Die Fans und die Gegner, die ihm auflauern wollten. Das brandenburgische Wirtschaftsministerium, das sich bereithielt, «falls Herr Musk den Herrn Minister sehen will». Und alle anderen, für die Musk mehr ist als nur irgendein Unternehmenschef.

Elon Musk ist nicht nur das personifizierte technologische Heilsversprechen, Gründer und Besitzer mehrerer potenziell weltverändernder Unternehmen. Musk ist mittlerweile auch die grosse Hoffnung der sogenannten Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg. In Grünheide östlich der Hauptstadt lässt er eine Fabrik für die Produktion seiner Tesla-E-Autos bauen, wovon sich das Land nicht nur mehr als 10'000 Arbeitsplätze verspricht, sondern nichts weniger als eine Umkehr der wirtschaftspolitischen Vorzeichen: vom strukturschwachen Abwanderungsland zum Investitionsmagneten. Elon soll die Wende bringen.

Also, los geht's. Erst anderswo in Deutschland, dann Touchdown in Berlin am Dienstagabend, 23:38 Uhr Ortszeit. «Landed just now in Schönefeld, Brandenburg, DE», twittert @elonjet, ein Account, der automatisch jeden Start und jede Landung von N618TS protokolliert, dem Privatjet von Musk. 140 Likes dafür.

«Ich habe gar nichts gegen den Herrn Musk»

Schnell zur Baustelle. Hier kommt er ja bestimmt vorbei. Grosser Auflauf schon am Mittwochvormittag, die Kamerateams und Schaulustigen drängen sich am Strassenrand, manche im Strassengraben.

Sicherheitsleute bewachen den Eingang zum Grundstück, am Horizont ragen die Kräne auf und das Dach und die Pfeiler der zukünftigen Autofabrik sind schon zu erkennen. Musk baut natürlich in Rekordzeit. Einer der Tesla-Fans, der auch am Strassenrand steht und einen der vielen Fan-Accounts für die Fabrik betreibt, twittert sein Motto des Tages: #WAITINGFORELON. Grossbuchstaben scheinen angemessen heute.

epa08643305 Tesla and SpaceX CEO Elon Musk (R) gives a statement at the construction site of the Tesla Giga Factory in Gruenheide near Berlin, Germany, 03 September 2020. Musk visited the German medical company Curevac in Tuebingen on 01 September 2020. Media report Musk will meet the German Economy Minister for talks. In June 2020, the German state invested 300 million euros in the vaccine developer Curevac and received 23 percent of the company's shares in return.  EPA/ALEXANDER BECER

Am Donnerstagnachmittag taucht Musk zur Freude der Tesla-Fans auf der Baustelle der Tesla-Fabrik in Grünheide bei Berlin auf. Bild: keystone

epa08640826 Demonstrators wait for the arrival of Tesla and SpaceX CEO Elon Musk (not in the picture) at the construction site of the Tesla Giga Factory in Gruenheide near Berlin, Germany, 02 September 2020. Musk visited the German medical company Curevac in Tuebingen on 01 September 2020. Media report Musk will meet the German Economy Minister for talks. In June 2020, the German state invested 300 million euros in the vaccine developer Curevac and received 23 percent of the company's shares in return. Banner reads 'Stop uncontrolled construction in nature reserves'.  EPA/CLEMENS BILAN

Nicht alle sind begeistert: Gegner der Tesla-Fabrik demonstrieren vor dem Gelände. Bild: keystone

Aber es stehen auch noch andere hier. Frank Hundertmark zum Beispiel, ein Elektromeister aus Erkner, 53 Jahre alt. Hundertmark hat noch seine Arbeitshose an, er hat sich spontan freigenommen, um hier zu sein. Mit Mitstreitern hält er ein graues Transparent hoch, «Raubbau an Natur und Grundwasser sofort stoppen!» steht darauf. Sie sind Mitglieder der Bürgerinitiative gegen die Fabrik und finden, dass man für die Arbeitsplätze und das diffuse Klimaschutz-Versprechen der E-Autos nicht den Wald abholzen und den Wasserverbrauch in der Region hochtreiben sollte. «Ich habe gar nichts gegen den Herrn Musk», sagt Hundertmark, «das ist halt ein Grosskapitalist und kein Umweltschützer.» Er ärgert sich viel mehr über die Politiker, «die haben ja ihre politische Karriere an das Projekt hier geknüpft, die können jetzt gar nicht mehr anders als allem zuzustimmen».

dpatopbilder - 11.08.2020, Brandenburg, Grünheide: Blick über die Baustelle mit den entstehenden Rohbauten für die künftige Tesla Giga-Factory (Luftaufnahme mit einer Drohne). In Grünheide bei Berlin sollen ab Juli 2021 maximal 500.000 Fahrzeuge pro Jahr vom Band rollen - dabei soll nach den Plänen des Autobauers so schnell wie möglich das Maximum erreicht werden. Der US-Elektroautobauer rechnet für seine geplante erste Fabrik in Europa vorerst mit bis zu 10.500 Mitarbeitern im Schichtbetrieb. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Patrick Pleul)

Ausserhalb von Berlin entsteht Teslas erste E-Auto-Fabrik in Europa. Bild: DPA-Zentralbild

Am Eingang der Baustelle spähen Journalisten immer wieder durch die Scheiben der einfahrenden Autos. Sitzt er da drin? Würde man ihn im Vorbeifahren überhaupt erkennen? Kommt er überhaupt mit dem Auto oder vielleicht doch mit dem Hubschrauber? Der rbb beginnt eine Liveschalte vom Feld neben der Strasse, solang Elon noch nicht kommt, wird das Warten selbst zum Ereignis.

Kommt er jetzt?

Dann die Nachricht: Musk soll gleich am anderen Ende von Berlin auftauchen, in einem Konferenzzentrum im Westhafen. Also hin da.

An der Backsteinmauer des Gebäudes hängt ein Plakat. «Jetzt. Zukunft.» steht darauf. Könnte Tesla sein, ist aber CDU/CSU. Deren Fraktionsvorstand trifft sich hier heute zur Klausur. Die Bundeskanzlerin fährt gerade vor (im Verbrenner), und wenn man die Pressesprecherin fragt, ob Musk denn hier wirklich gleich auftauche, dann sagt sie, sie könne dazu leider gar nix sagen.

Dann biegen zwei Teslas um die Ecke, ein weisser und ein schwarzer, beide mit verdunkelten Scheiben.

dpatopbilder - 02.09.2020, Berlin: Technologieunternehmer Elon Musk verl

Elon Musk, der drittreichste Mensch der Welt, beim Besuch in Berlin. Bild: DPA

Die Wagentüren schwenken nach oben auf, eine kleine aber wirksame «Hier komme ich»-Geste, und heraus steigt ein ziemlich grosser und breiter Mann im schwarzen Anzug, mit dunkler Krawatte und schwarzer Maske im Gesicht. «Great to be here», sagt Elon Musk. Ein ARD-Reporter ruft ihm eine Frage zu, ob es nicht ein Problem sei, dass die Videos aus den Teslas in den USA gespeichert werden. Musk stutzt kurz, es ist ja sein Erstkontakt mit dem deutschen Engagement für Datenschutz. Dann sagt er «that is not true» und verschwindet mit der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Nadine Schön ins Gebäude. Zurückbleiben die Autos, umringt von Fotografen und einigen Neugierigen aus der Fraktion.

Was macht Musk hier? Es gibt sicher natürlichere Umgebungen für ihn als Arbeitssitzungen deutscher Politiker und in seinem fast unpassend förmlichen Anzug bewegt er sich wie einer, der sonst lockerere Kleidung gewohnt ist.

Die Antwort steht im Foyer. Ein mannshoher weisser Kasten, eine Maschine der Firma Tesla Grohmann Automation zur voll automatisierten Impfstoffproduktion, die gegen Corona helfen soll. Musk hat die Firma gekauft und am Dienstag in Freiburg besucht. Jetzt steht er, nach eineinhalb Stunden Gesprächen mit verschiedenen Unionsministern und dem Fraktionschef, vor dem Kasten. «Soll ich jetzt etwas sagen?», fragt Musk etwas unsicher.

Und dann redet er.

«Alle Unterstützung, die Sie brauchen»

Er redet nicht über Politik, nicht über Geld oder die Zukunft, sondern ausschliesslich über Technik. Er fuchtelt mit seinen Händen vor dem weissen Kasten herum, erklärt die Funktionsweise, manchmal schaut er dabei fragend in die Runde, ob die Leute ihm noch folgen. Ein Nerd, der es gewohnt ist, so tief in Details abzutauchen, dass er die anderen verliert.

Aber alle nicken freundlich, der Bundeswirtschaftsminister und die Bundesbildungsministerin, und als er fertig ist, schaut er kurz rüber zu den Chefs von Curevac und fragt: «Stimmt das so?» und sie sagen: «Very good!», kurzer Applaus, «Thank you very much» und «Wie lange bleiben Sie noch in Deutschland?». «Ein paar Tage noch», sagt Musk. Da beugt sich Wirtschaftsminister Peter Altmeier noch schnell vor und sagt: «Sie bekommen von uns alle Unterstützung, die Sie brauchen.»

Am Auto hält ein junger Fan Musk auf und fragt ihn nach einem Praktikum.

Musk sagt ja und «See you in California», die Assistentin drückt dem Jungen eine Visitenkarte in die Hand. Die BILD filmt die ganze Szene. Dann Abfahrt Musk. Zurück bleibt ein glücklicher Teenager.

In Grünheide haben sie längst die Regenklamotten rausgeholt. Die Leute von der Bürgerinitiative hatten Schichtwechsel, zwei andere halten jetzt das Plakat. Ein Gerücht geht um: noch 30 Minuten bis zur Ankunft. Aber Musk kommt heute nicht mehr.

HANDOUT - 02.09.2020, Berlin: Elon Musk (M), Technologieunternehmer und Tesla-Chef, steht mit Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (r,SPD) und Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) bei einem Treffen zusammen. Die Eröffnung der Tesla-Fabrik in Grünheide bei Berlin ist nach Angaben der Brandenburger Landesregierung trotz der Corona-Krise weiter für den Sommer 2021 geplant. (zu

Landeswirtschaftsminister Jörg Steinbach (links) und Ministerpräsident Dietmar Woidke posieren mit Elon Musk. Bild: DPA privat

Später wird bekannt, dass er sich im Laufe des Tages auch mit dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke und Landeswirtschaftsminister Jörg Steinbach getroffen hat, es gibt ein Bild aus dem Ministerium dazu, Musk in seinem Konfirmandenanzug vor brauner Ministeriumswand, links und rechts zwei stolze Politiker. Ein Tesla-Mitarbeiter bestätigt dem rbb, dass am Freitag Richtfest gefeiert werden soll in Grünheide. Vielleicht bleibt Elon ja noch bis dahin. Vielleicht taucht er dann wieder einfach so auf. @Elonjet hat jedenfalls noch nichts von einem Abflug aus Berlin getwittert.

Update:

In der Nacht auf Freitag twittert Musk dieses Foto und hebt wieder mit seinem Privatjet ab.

Mitarbeit: Simone Gaul

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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