Digital
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa08418877 EU Commission Vice-President Margrethe Vestager gives a press conference on the strategic orientations of the  European Tourism and Transport Package at European Commission in Brussels, Belgium, 13 May 2020.  EPA/OLIVIER HOSLET / POOL

EU-Kommissarin Margrethe Vestager: Der Druck wächst, europaweit funktionierende Corona-Warn-Apps zu lancieren. Aber auch in der Schweiz gibt's noch «Baustellen». Bild: EPA

Kommentar

Die grösste Bewährungsprobe für die Corona-Warn-Apps kommt erst noch

Apple und Google können «dezentralen» Proximity-Tracing-Apps technisch zum Durchbruch verhelfen. Ob die Technologie tatsächlich etwas bringt, hängt von den staatlichen Verantwortungsträgern ab.



Man kann es nicht genug betonen: Digitales Contact-Tracing ist keine Wunderwaffe und soll auch nicht das herkömmliche Contact-Tracing ersetzen. Eine Smartphone-App wäre aber die perfekte Ergänzung zur telefonischen «Kontaktverfolgung» durch die Gesundheitsbehörden.

«Wäre»? Die Verwendung des Konjunktivs ist gleich aus mehreren Gründen angebracht:

Dieser Beitrag geht der Frage nach, was es noch braucht, damit sich die von DP-3T entwickelte und von Apple und Google unterstützte «Schweizer Lösung» durchsetzt.

Situation Schweiz:
Der Bund muss falsche «Anreize» beseitigen

Gehen wir davon aus, dass das Konsortium DP-3T unter Leitung der Eidgenössisch-Technischen Hochschulen Lausanne (EPFL) und Zürich (ETHZ) in den nächsten Wochen eine datenschutzkonforme Corona-Warn-App fertigstellt.

Das setzt voraus, dass sich die von Apple und Google entwickelte Bluetooth-Proximity-Software in Tests als ausreichend zuverlässig erweist. Denn nur so kann die App ihren Zweck erfüllen: das frühzeitige Warnen von Personen, die sich möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert haben.

Eine App-Pflicht kommt nicht infrage, da sind sich Befürworterinnen und Gegner der neuartigen Technologie einig. Die Nutzung der Corona-Warn-App muss absolut freiwillig sein. Das eidgenössische Parlament will es so und hat den Bundesrat beauftragt, bis zur Sommersession im Juni eine entsprechende Gesetzesvorlage zu unterbreiten.

Verhindern will man auch indirekte Zwänge. Dies soll durch ein Diskriminierungs-Verbot gewährleistet werden: Wer die App nicht nutzen will oder kann, soll deswegen im Alltag keinerlei Nachteile erfahren. So darf beispielsweise der Zutritt zu Bädern und Restaurants nicht davon abhängig gemacht werden, ein Handy (mit App) zu haben.

Anreize für die App-Nutzung zu schaffen, ist falsch. Aber wie sieht es mit negativen «Anreizen» aus?

Kaum jemand will freiwillig eine App nutzen, wenn es mit beträchtlichen Unannehmlichkeiten verbunden ist. Damit meine ich das Prozedere, wenn ein Warnhinweis eingeht.

Der Bund und die Kantone sind gefordert. Es braucht eine gut organisierte Infrastruktur, damit man sich rasch und kostenlos testen lassen kann. Gemäss den vorliegenden Informationen, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) veröffentlicht hat, harzt es hier noch gewaltig: App-User sollen sich freiwillig in Selbsquarantäne begeben, Tests sind laut BAG erst sinnvoll und möglich, wenn Symptome auftreten.

Das ist – Entschuldigung! – absolut unsinnig. Digitales Contact Tracing kann seine positive Wirkung nur entfalten, wenn «Verdachtsfälle» umgehend getestet werden. Dies muss in gewissem Abstand mehrmals kostenlos möglich sein.

Ohne Offline-Tests ist die Online-Kontaktverfolgung nicht effektiv, sondern sinnlos.

Wer einen Warnhinweis erhält, will möglichst rasch herausfinden, ob ein «Fehlalarm» oder eine Infektion vorliegt. (Denn sonst verbringt man vielleicht unnötigerweise viel Zeit in freiwilliger, gar unbezahlter Quarantäne.) Zudem lassen sich nur durch vermehrtes Testen von symptomlosen Personen unbemerkte Infektionen vorbeugend bekämpfen.

Der «Knackpunkt»

Halten wir fest: Um negative Anreize zu vermeiden, sollte der Bund das rasche und kostenlose Testen für alle App-User ermöglichen, die einen Warnhinweis erhalten.

Zu diesem Schluss kommen auch Amnesty International, die Digitale Gesellschaft und die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) in einer gemeinsamen Erklärung an Bundesrat Berset und das Bundesamt für Gesundheit.

Entscheidend sei nicht nur die technische Umsetzung der App, sondern auch die Einbettung in die gesamte Präventionsstrategie. Die Begrenzung des Testens auf Personen mit Symptomen werfe die Frage auf, wozu genau die App nützlich sein soll. Zudem hätten auch Epidemiologen die Ausweitung der Testkriterien auf Personen gefordert, die durch die App gewarnt werden. Damit sie wirklich nützlich sein könne, müsse die App-Nutzung klare Folgen haben, wie:

Die drei Organisationen mahnen:

«Die Frage könnte sich als Knackpunkt der App erweisen: Denn wenn die Nützlichkeit der App begrenzt ist, steht auch ihre Verhältnismässigkeit infrage – und damit ihre Zulässigkeit angesichts der Risiken. Die Schwelle für einzelne Personen, sich mit oder ohne Test in Quarantäne zu begeben, muss möglichst niedrig bleiben, um die Wirksamkeit der App, deren Einsatz auf Freiwilligkeit beruht, nicht zu gefährden.»

quelle: digitale-gesellschaft.ch

Gehen wir weiter davon aus, dass die Tracing-App für einen Grossteil der von der Bevölkerung verwendeten Smartphones (Android und iPhone) zur Verfügung steht. DP-3T testet zusammen mit Apple eine Software, die mit dem neusten mobilen Betriebssystem (iOS 13.5) läuft. Damit wäre das älteste kompatible iPhone das iPhone 6S von 2015, wobei Apple angedeutet hat, dass die Proximity-Technologie auch auf älteren iPhones (mit iOS 12) laufen könnte. Bei Smartphones, die mit dem Google-Betriebssystem Android laufen, soll Android 6.0 von 2015 die Mindestvoraussetzung sein.

Damit kommen wir zu einem weiteren wichtigen Punkt, der die Akzeptanz der App massiv steigern kann: Gemeint ist das grenzüberschreitende Funktionieren der App.

Da das Parlament eine schnelle Lancierung der App verhindert hat und der Grunsatzentscheid zum Einsatz der neuen Technik frühstens im Juni erfolgen kann, ist fraglich, ob der Bund bereits am Verhandeln ist mit der EU. Das unkoordinierte Vorgehen bei den Grenzöffnungen – illustriert durch die einseitige Ankündigung der Italiener am Samstag – lässt wenig Gutes erhoffen. Dabei wäre eine möglichst frühzeitige gemeinsame Planung auch bei den Apps wichtig.

«Aktuell laufen Abklärungen und Bestrebungen, dass Tracing-Apps, die ebenfalls das dezentrale Konzept DP-3T verwenden, miteinander kompatibel sind.»

Bundesamt für Gesundheit
quelle: newsd.admin.ch

Situation Europa: «Roaming» statt Alleingänge

«Wir alle hoffen, dass dieser Sommer nicht verloren ist, dass wir Urlaub machen und reisen können.»

EU-Kommissarin Margrethe Vestager

Am vergangenen Mittwoch hat die EU-Kommission neue Richtlinien veröffentlicht fürs digitale Contact Tracing. Die nationalen Corona-Warn-Apps sollen auch im Ausland funktionieren.

«EU-Bürger sollten sich auf eine einzige App verlassen können, unabhängig davon, in welcher Region oder in welchem Mitgliedstaat sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt befinden.»

Zielsetzung der EU-Kommission quelle: ec.europa.eu

Das Roaming wird zum heissen Eisen. Wobei dies nicht nur für Touristen gilt, sondern auch für Grenzgänger:

Das elfseitige Dokument der EU-Kommission, das gemeinsam von den EU-Staaten ausgearbeitet wurde, bleibe allerdings technische Details schuldig, konstatiert netzpolitik.org. Es würden lediglich einige grundsätzliche Ansätze und Definitionen für die Apps vorgelegt.

Die EU-Kommission verzichtet bei ihren Kriterien allerdings darauf, den Elefanten im Raum anzusprechen: Das sind die zentralisierten Tracing-Systeme, die von Frankreich und weiteren Ländern realisiert werden.

Aus Schweizer Sicht ist anzumerken, dass das DP-3T-Protokoll alle grundsätzlichen Anforderungen erfüllt. Und was die Interoperabilität betrifft, wurde Vorarbeit geleistet und im Verbund mit Forschern mehrer Länder das wissenschaftliche Gerüst erarbeitet für eine europäische Tracing-Plattform.

Neben den Franzosen wollen die Briten die Bluetooth-Kontaktdaten auf zentralen Servern speichern, um das Risiko einer Ansteckung dort berechnen zu können. Dies soll den Behörden Erkenntnisse über Infektionsketten liefern, die für medizinische Studien relevant sein könnten.

Davon raten Datenschützer und IT-Experten ab.

Netzpolitik.org fasst zusammen, dass bei zentralisierten Systemen «die Kontaktdaten zwar pseudonymisiert werden», sie könnten aber in vielen Fällen leicht zurückverfolgt werden». Zugleich mache der Ansatz das ganze Netzwerk an Kontakten einer Person zentral einsehbar (Social Graph) und erlaube damit womöglich eine grossflächige Überwachung.

Denn: Bis heute ist unklar, ob der Datenaustausch überhaupt möglich sein wird mit den dezentralen Tracing-Systemen, die auf den Apple-Google-Schnittstellen basieren. Dies muss zumindest stark bezweifelt werden, auch wenn eine offizielle Bestätigung seitens Apple und Google aussteht.

DP3T betonte zudem in einem Arbeitspapier, dass Interoperabilität zwischen zentralisierten und dezentralen Apps die Nachteile beider Ansätze vereinen würde. Die Verknüpfung beider App-Ansätze könne den hohen Datenschutz der dezentralen Anwendungen erheblich schwächen.

«Sollte man tatsächlich versuchen, beide Systeme irgendwie miteinander zu verknüpfen, würde das erhebliche Sicherheitsrisiken mit sich bringen.»

quelle: netzpolitik.org

Längst ist klar, dass nach den Ankündigungen der beiden Techkonzerne nur dezentrale Apps eine reelle Chance haben, sich im Alltag der Bürger durchzusetzen. In mehreren Ländern, in denen die Regierungen zunächst ein zentralisiertes System geplant hatten, gab es massive Proteste seitens der Zivilgesellschaft. So in Italien und Deutschland.

Aus Dänemark erreichte uns letzte Woche die Nachricht über die Kehrtwende der Regierung. Man hat eingesehen, dass nur der dezentrale Ansatz Aussicht auf Erfolg hat.

EU-Beamte üben nun Druck auf die Regierungen aus, sich in dieser Frage anzugleichen, und betonen, dass die Bürger in der Lage sein müssen, sich vor einer möglichen Ansteckung zu warnen, wo immer sie sich in Europa aufhalten.

Laut Berichten haben Wirtschaftsvertreter und insbesondere Fluggesellschaften den Druck auf die Politik erhöht, eine länderübergreifende Funktionsweise zu ermöglichen.

Ergebnis: unbefriedigend. Trotz der Zweifel dränge die EU-Kommission weiterhin darauf, die beiden Ansätze interoperabel zu machen, hält netzpolitik.org fest. Man wolle nun gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten ein technisches Protokoll für Interoperabilität ausarbeiten. Wie das konkret aussehen soll, könne in Brüssel allerdings niemand sagen.

«EU-Bürger müssen in der Lage sein, Warnungen vor einer möglichen Infektion auf sichere und geschützte Weise zu erhalten, egal wo sie sich in der EU befinden und welche Anwendung sie benutzen.»

Zielsetzung der EU-Kommission

Ausserdem sorgen hochrangige EU-Vertreter mit öffentlichen Äusserungen für Wirbel und Verunsicherung.

«Ohne Interoperabilität werden wir nicht reisen können.»

EU-Kommissarin Margrethe Vestager

Solche Äusserungen können missverstanden und gar als Drohungen interpretiert werden. Diesen Eindruck sollten die Verantwortungsträger unbedingt vermeiden.

Kommentar des Digital-Redaktors

Eine Corona-Warn-App ist ein freiwilliges Hilfsmittel, das auf einem Vertrauensvorschuss der Bevölkerung aufbaut. Wenn dieser Vorschuss verspielt wird, ist das ganze Vorhaben infrage gestellt und dürfte kaum Erfolg haben.

Den Forderungen von Amnesty International, der Digitalen Gesellschaft und der Stiftung für Konsumentenschutz schliesse ich mich vollumfänglich an. Die Schweizer Corona-Warn-App muss sinnvoll mit anderen Massnahmen verknüpft sein, damit sie nützt und somit auch verhältnismässig ist.

Der Bund, respektive die Bundesverwaltung und speziell das Bundesamt für Gesundheit tun gut daran, ihre mangelnde digitale Kompetenz in Sachen Corona-Bekämpfung zu stärken. Zudem müssen die internationalen Verhandlungen unbedingt vorangetrieben werden und der Bundesrat sollte transparent darüber informieren, um weitere Enttäuschungen zu vermeiden, die der Akzeptanz der neuen Technik schaden.

Abschliessend gilt zu wiederholen, was ich schon in einem früheren Kommentar betont hatte:

Sollte die Corona-Pandemie noch lange weitergehen, kann eine vertrauenswürdige Proximity-Tracing-App den Unterschied ausmachen zwischen neuerlichen staatlichen Zwangsmassnahmen und individueller Bewegungsfreiheit.

Völlig losgelöst von SARS-CoV-2 und Covid-19 macht die Entwicklung der Tracing-Software und das Schaffen der entsprechenden Infrastruktur Sinn: Die nächste (tödliche) Seuche kommt bestimmt. Spätestens dann sollten wir vorbereitet sein und nicht wieder bei Null anfangen müssen.

Länder, die auf die «Schweizer Lösung» setzen*

* Bei den mit einem Stern markierten Staaten liegen lediglich Absichtserklärungen vor und/oder es sind keine Fortschritte bekannt zu den geplanten Corona-Warn-Apps.

Länder mit zentralisiertem Tracing-System

Die hier aufgeführten Staaten verfolgen den umstrittenen Ansatz mit einem Zentralserver (zur Datenspeicherung). Dieser zentralisierte Ansatz wird von Datenschützern und IT-Experten kritisiert und von Apple und Google technisch nicht unterstützt, was ein reibungslos funktionierendes Bluetooth-basiertes Proximity-Tracing zwischen Android-Smartphones und iPhones grundsätzlich ausschliesst:

Länder, die unentschlossen sind oder keine Tracing-App planen

Quellen

Mehr über Corona-Warn-Apps

Italien startet Tests für Corona-Warn-App in vier Regionen

Link zum Artikel

Italien lanciert Tracing-App «Immuni» – diese Fakten sollten auch Schweizer kennen

Link zum Artikel

Darum ist Frankreichs «StopCovid»-App aus Schweizer Sicht ein Schuss in den Ofen

Link zum Artikel

Die Schweizer Corona-Warn-App im (schonungslosen) Vergleich mit den Nachbarn

Link zum Artikel

Das müssen iPhone- und Android-User über die Corona-Technik (in ihrem Handy) wissen

Link zum Artikel

Die Schweizer Corona-Warn-App kommt – das sind die wichtigsten Fakten

Link zum Artikel

Schweizer fürchten Überwachung durch Contact-Tracing-App – und wollen sie trotzdem nutzen

Link zum Artikel

Grossbritannien setzt auf Big Brother – Geheimdienst «hilft» bei Corona-Warn-App

Link zum Artikel

Deutschland lenkt ein bei Streit um Corona-Warn-App – setzt auf «Schweizer Lösung»

Link zum Artikel

Google und Apple stärken Datenschutz bei Plattform für Contact Tracing (und loben DP-3T)

Link zum Artikel

Frankreich will, dass Apple zentralen iPhone-Schutz aufhebt – die Schweiz ist besser dran

Link zum Artikel

So kannst du die Schweizer Corona-Warn-App schon jetzt ausprobieren

Link zum Artikel

Befinden wir uns auf einem Blindflug, Herr Salathé? «So ist es»

Link zum Artikel

Umstrittene Firma aus Zürich ist in geplante Corona-App involviert

Link zum Artikel

Eklat bei europäischer Corona-App – Deutsche schmeissen «Schweizer Lösung» raus

Link zum Artikel

Die Schweizer Corona-Warn-App kommt – das erwarten die Macher von Apple und Google

Link zum Artikel

Google und Apple bekämpfen Coronavirus gemeinsam mit Contact Tracing in Android und iOS

Link zum Artikel

Europa bietet sich eine einmalige Chance – wir sollten sie nicht verpassen!

Link zum Artikel

Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zur Corona-Warn-App «Pepp-PT»

Link zum Artikel

Eine Schweizer App gegen das Virus? «Wir müssen alle am selben Strick ziehen»

Link zum Artikel

Forscher kündigen länderübergreifende Contact-Tracing-App an – Bund will prüfen

Link zum Artikel

Die Schweiz rüstet sich für den digitalen Kampf gegen das Coronavirus

Link zum Artikel

Wie eine App die Schweiz vor Covid-19 retten kann

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
Was man über Corona-Warn-Apps wissen muss
Contact Tracing meint die persönliche Rückverfolgung von Infektionsketten. Ziel ist es, die (unbemerkte) Verbreitung von gefährlichen Infektionskrankheiten einzudämmen oder im besten Fall zu stoppen. Konkret sollen alle Leute gewarnt werden, die über eine gewisse Zeit in relativ engem körperlichen Kontakt standen mit einer infizierten Person und sich angesteckt haben könnten, ohne es zu wissen.

Zu Beginn der Corona-Krise in der Schweiz wurde Contact Tracing übers Telefon gemacht, das heisst, Infizierte (in Quarantäne) wurden zu ihrem Umfeld befragt, das sie vielleicht angesteckt hatten. Wegen der exponentiellen Zunahme der Covid-19-Infektionen war dieses System allerdings bald einmal überlastet, es wird aber in der Phase nach der Lockerung der staatlichen Zwangsmassnahmen («Lockdown»), wenn es wenige Covid-19-Fälle gibt, flächendeckend betrieben von den kantonsärztlichen Diensten.

Digitales Contact Tracing funktioniert per Smartphone-App. Die Mobilgeräte registrieren über ihre Bluetooth-Verbindung automatisch und anonym, wenn sie sich über eine gewisse Zeit in unmittelbarer Nähe zueinander befunden haben. Dieses Verfahren wird auch als Proximity Tracing bezeichnet. Erst später, bzw. nur wenn eine Infektion durch einen medizinischen Test bestätigt worden ist, kann die erkrankte Person andere App-User, die sie vielleicht angesteckt hat, schnell und diskret warnen.

Singapur hat im März 2020 als einer der ersten Staaten eine auf der Messung von Bluetooth-Low-Energy-Signalen basierende App namens TraceTogether lanciert, wobei die Funktionalität eingeschränkt ist, weil der Datenaustausch zwischen iPhones und Android-Geräten nicht gut funktionierte. In Europa und weltweit werden nun Proximity-Tracing-Apps lanciert, die dieses Problem nicht haben, weil Apple und Google bei iOS und Android auf Betriebssystem-Ebene eine Schnittstelle zur Verfügung stellen.

Beim dezentralen Ansatz gilt der Grundsatz Privacy by Design: Die Datenverarbeitung (zur Berechnung des Infektionsrisikos) erfolgt auf den Mobilgeräten. Nur bei einer offiziell bestätigten Infektion und der Einwilligung des Users werden dessen anonymisierte Proximity-Daten (Schlüssel) an einen Server überragen, die es ermöglichen, Dritte zu warnen, und den Datenschutz zu gewährleisten.

Beim zentralen Ansatz werden die Proximity-Daten an einen staatlich kontrollierten Server übermittelt, wo das Infektionsrisiko berechnet wird. Diese System-Architektur ist von über 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern rund um den Globus als problematisch bezeichnet worden, weil der System-Betreiber nachträglich und heimlich Funktionen ändern («Function Creep») oder zusätzliche Funktionen einführen könnte («Mission Creep»).

Apple und Google unterstützen dezentrale Proximity-Tracing-Apps durch eine technische Kooperation. Sie stellen autorisierten App-Entwicklern eine Programmierschnittstelle (API) zur Verfügung, die Corona-Warn-Apps zuverlässige Bluetooth-Distanzschätzungen und Datenaustausch zwischen Android- und iOS-Geräten ermöglicht. Zudem wollen die US-Techkonzerne das Proximity Tracing in einem weiteren Schritt direkt in die beiden weltweit dominierenden mobilen Betriebssysteme integrieren.

Freiwillige Nutzung ist laut Apple und Google Bedingung und wird auch von der Schweizer Corona-Warn-App «SwissCovid» umgesetzt. Das heisst, digitales Contact Tracing kann nicht vom Staat erzwungen werden, sondern erfolgt nur mit Zustimmung der User (Opt-in).
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Sicheres (digitales) Contact-Tracing, Made in Switzerland

Zu viel am Handy? Dr. Watson weiss, woran du leidest

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

46
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
46Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • landre 18.05.2020 13:55
    Highlight Highlight Mit all dem Schrott, den man im App-Store oder Play-Store finden kann, hält diese "App" (DP-3T?) tapfer und soweit erfolgreich rechtsstaatliche Prozesse wie kaum eine andere "App" im Markt...

    Und wenn schon denn schon, bleibt die "grösste Bewährungsprobe" in einem Rechtsstaat der Nutzen (technisch strikt und exklusiv Bluetooth bedingt @Schurt3r?) der bewusst aktiven Nutzer-innen...
  • Geff Joldblum 18.05.2020 13:55
    Highlight Highlight Also eines muss man dem Coronavirus ja lassen. Er hat es geschafft, dass Daniel Schurter endlich zeigen darf/kann, dass er gute und inhaltvolle Artikel schreiben kann...und nicht nur Apple-Fanboy-Infos raushauen darf/kann. 😁💪
    Grosses Lob! 👍
    • @schurt3r 18.05.2020 15:51
      Highlight Highlight Danke für die Blumen, Geff.

      «Fanboy» steht bei mir auf dem Index, habs dir ausnahmsweise durchgehen lassen 😉

      Ich berichte seit einigen Jahren über Apple, auch sehr kritisch, wenn es angebracht ist. Siehe zum Beispiel das Thema Steuervermeidung.
  • Malt-Whisky 18.05.2020 12:35
    Highlight Highlight Sehr guter und vollständiger Artikel. Ich finde nur eine Ungereimtheit: Grossbritannien ist nicht mehr interessiert, was in Europa passiert. Die Tories (leider voraussichtlich die kommenden 10 bis 15 Jahre die regierende Partei, da Labour total zerstritten ist, was nicht in einigen wenigen Jahren verändert werden kann) sind primär nach den USA gerichtet, in wenigen Wochen beginnen die seriösen Verhandlungen, nicht nur geschäftlich, aber auch z.B. US Masssysteme etc. Ich selber bin etwa 4 Monate in Schottland, im Moment komme ich nicht weg. Zum Glück gibts im Umfeld 2 Distillerien...
  • Basti Spiesser 18.05.2020 12:09
    Highlight Highlight Die grösste Bewährungsprobe für die App ist, ob wir überhaupt noch neue Infektionen haben, bis sie endlich fertig ist.
    • @schurt3r 18.05.2020 12:16
      Highlight Highlight Du meinst, die Pandemie wird im Juli zu Ende sein?
      Das halte ich für extrem unwahrscheinlich ...

      Und wie gesagt, die Schweiz tut gut daran, eine solche datenschutzkonforme Technik jetzt zu entwickeln. Die nächste Seuche kommt bestimmt.
    • Basti Spiesser 18.05.2020 12:23
      Highlight Highlight Wenn die Zahlen weiterhin sinken und die zweite Welle weiterhin ausbleibt. Ja.
    • lilie 18.05.2020 12:34
      Highlight Highlight @Basti: Die Zahlen sind bei uns jetzt tief, weil wir nun die vollen Auswirkungen des Shutdowns "geniessen" können.

      Das ist ermutigend.

      Aber nun wird alles wieder aufgemacht, die Dunkelziffer ist immer noch unbekannt (symptomlose Fälle könnten andere immer noch anstecken), und nächsten Monat sollen auch die Grenzen wieder geöffnet werden und da werden neue Fälle "importiert" werden.

      Und falls die Pandemie tatsächlich abebben sollte (wozu es allerdings internationale Anstrengungen braucht), kann uns das ja nur recht sein, oder?
    Weitere Antworten anzeigen
  • Snowy 18.05.2020 12:05
    Highlight Highlight Selbstverständlich müssen User, die einen Warnhinweis erhalten, umgehend einen Test machen können - sonst ist die ganze App nutzlos!

    Überhaupt sollte unser Schwerpunkt auf dem breiten Testen von Menschen ohne Symptomen liegen.

    So hat eine wissenschaftliche Studie mit allen Bürgern des Ortes Heinsberg in Deutschland gezeigt, dass die Sterblichkeit wahrscheinlich unter 0,5% liegt.

    Warum machen wir in der Schweiz nicht auch solche Studien?
    Angesichts der Milliardenausgaben müsste doch aktuell nichts wichtiger sein als gesicherte Zahlen...

    Ich versteh´s einfach immer noch nicht.

    • @schurt3r 18.05.2020 12:17
      Highlight Highlight Ja, das ist absolut unverständlich.
    • Stinkstiefel 18.05.2020 13:24
      Highlight Highlight Meines Wissens nach laufen auch in der Schweiz Antikörperstudien. Ich weiss von Genf, der ETH Zürich (beschränkt auf Studenten) und dem Kantonsspital St.Gallen (beschränkt auf Spitalpersonal).

      Dass diese Studien angesichts der massiven wirtschaftlichen Kosten und Grundrechtseinschränkungen so spät gestartet wurden und dass der Bund diese nicht sofort nach dem Beschluss des Lockdowns breit (!) vorantrieb, ist allerdings ein riesiges Versäumnis. Da hast du bzw. ihr beide Recht, das ist völlig unverständlich.

      Und Prof. Streeck von der Heinsberg-Studie wurde noch kritisiert. Ich fass es nicht.
    • Ueli der Knecht 18.05.2020 14:06
      Highlight Highlight Die Zielsetzung in der Schweiz ist a) eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern, und b) die Übersterblichkeit möglichst gering zu halten.

      Da stellt sich die Frage, welchen Nutzen es konkret brächte, wenn man 100% der Bevölkerung durchtestet, um genau zu wissen, wieviele asymptomatische Fälle es gibt? Antwort: praktisch keinen. Es wäre daher unverhältnismässig.

      Das BAG erhebt nur Zahlen, die zur Erreichung der Zielsetzungen konkret etwas beitragen. Es ist schon lange klar, dass zwischen 60% und 80% asymptomatisch sind, aber auch, dass diese Fälle nicht gross ins Gewicht fallen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • G3r1 18.05.2020 11:39
    Highlight Highlight Eine Warnung vor den Tests: Während die positiven Testes so gut wie nie falsch sind, kommt rund ein Drittel der Tests an Infizierten negativ zurück. Entsprechend genügen diese Tests nur, um den Verlauf einer Welle in einer Population zu beobachten, aber für eine einzelne Person bedeutet ein negativer Test eigentlich nichts und es ist durchaus nötig, dass man sich im Verdachtsfall in Quarantäne begibt, negativer Test hin oder her.
    • @schurt3r 18.05.2020 12:05
      Highlight Highlight Ja, das ist eine weitere «Baustelle». Es braucht viel mehr offizielle Angaben zur Zuverlässigkeit von Covid-19-Tests und zur Aussagekraft.
    • sowhat 18.05.2020 20:02
      Highlight Highlight va. muss ein Zertifikat dazu, dass zu Hause bleiben unabdingbar ist. Für Arbeitnehmende essentiell und für Arbeitgebende wg. der Versicherung ebenso wesentlich.
  • Pezzotta 18.05.2020 11:36
    Highlight Highlight « Das ist – Entschuldigung! – absolut unsinnig. Digitales Contact Tracing kann seine positive Wirkung nur entfalten, wenn «Verdachtsfälle» umgehend getestet werden« 

    Dem kann ich überhaupt nichts abgewinnen, alle testen, die mit 0.1% (dieser Wert ist geraten) Wahrscheinlichkeit infiziert sind, ist doch nicht sinnvoll, sondern absolut am Nutzen vorbei gedacht.
    • @schurt3r 18.05.2020 12:06
      Highlight Highlight Ich sage ja auch nicht, es müssen sich alle testen lassen. Aber wer die App nutzt und sich nach einem Warhinweis freiwillig testen lassen möchte, sollte dies unbedingt (einfach) tun können.
    • sowhat 18.05.2020 20:05
      Highlight Highlight Richtig, denn das ist eine Motivation für ganz viele, diese App runter zu laden. Ob sie dann zum Test gehen, ist in diesem Zusammenhang erst mal noch gar nicht wichtig.
  • Ludwig van 18.05.2020 11:34
    Highlight Highlight Ich hoffe, dass alle welche die App aus Datenschutzgründen ablehnen, ihr Facebook-Konto löschen und nicht mehr Google benutzen.

    Die App speichert keine persönlichen Daten. Niemand hat eine Möglichkeit, irgendwas über deine Person herauszufinden, nicht mal deinen Namen. Aber Google und Facebook wissen alles über dich und verkaufen die Daten sogar weiter. Das heisst du hast keine Ahnung, welche Personen am Ende hochsensible und persönliche Daten über dich kennen.
    • The Destiny // Team Telegram 18.05.2020 13:20
      Highlight Highlight Und du bist Experte in?
    • Ludwig van 18.05.2020 16:23
      Highlight Highlight Ich bin Experte in gar nichts. Ich habe 0 Ahnung wie ein Computer funktioniert. Ich weiss genauso wenig wie du. Okay, vielleicht nicht ganz so wenig wie du.

      Ich sehe den Sinn dieser Frage nicht. Bist du der Meinung, man solle einfach mal davon ausgehen dass alle Experten lügen? Dass man nur sich selbst glauben kann? Wenn du schwer krank bist und der Arzt empfiehlt dir ein bestimmtes Mittel, gehst du davon aus dass der Arzt dich anlügt?

      Auf Telegram treiben sich so ein paar komische Gestalten rum die das Gefühl haben, dass die ganze Wissenschaft lügt. Gehörst du auch dazu?
    • The Destiny // Team Telegram 18.05.2020 22:49
      Highlight Highlight @Ludwig, ich frage weil du dich wie ein Datenschutz-Experte gibst, aber ausser 360 Grad Argumenten nichts vorzuweisen hast.

      Telegram ist ein toller und sicherer Messaging Service. Zwielichtige Gestalten findest du auch auf WhatsApp und Facebook.
      Merkst du etwas?
      Solche Gestalten gibt es überall.

      "Wo es Licht gibt, hat es auch Schatten."
      -Zitat Unbekannt-

      PS: Ich nutze weder noch und auch diese App nicht.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Dave1974 18.05.2020 11:33
    Highlight Highlight Vielleicht hilft es ja, dass auch grosse, anerkannte Organisationen auf eine mögliche Testung auch ohne Symptome pochen, wenn man alarmiert wird.
    Ist für mich das Zünglein an der Waage um die Leute ins Boot zu bringen, die eine solche App "wahrscheinlich" installieren würden.

    Und gut gewählter Titel. :)
    • @schurt3r 18.05.2020 12:18
      Highlight Highlight Danke fürs Feedback!
      Du hast vermutlich den Herumeiern-Alternativtitel gemeint? :))
      Der fiel leider dem A-B-Testing zum Opfer.
  • DocShi 18.05.2020 11:23
    Highlight Highlight Soweit inhaltlich einverstanden, aber endlich kann ich mal die Genderkeule auspacken:
    Eine App-Pflicht kommt nicht infrage, da sind sich Befürworterinnen und Gegner der neuartigen Technologie einig.
    Also sind nur es Frauen die dafür sind und alle Männer dagegen? 😏
    Fühle mich etwas diskriminiert. 🙃
  • wasps 18.05.2020 11:05
    Highlight Highlight Die dezentrale Lösung scheint vernünftig zu sein. Ein Pferdefuss bleibt: Die Namen Google und Apple stehen nicht für Vertrauen und schon gar nicht für Datenschutz! Warum sollte das plötzlich ganz anders sein?
    • @schurt3r 18.05.2020 11:12
      Highlight Highlight Das ist ja genau das «Geniale» an den dezentralen Proximity-Tracing-Systemen: Dank Privacy by Design fallen wenig Daten an. Und die sensitiven Daten bleiben auf den Smartphones.

      Natürlich ist es dein gutes Recht, Apple/Google auch in dieser Angelegenheit nicht zu trauen. Die Nutzung ist freiwillig: Sowohl was die App betrifft, als auch Smartphones generell.
    • Pezzotta 18.05.2020 11:38
      Highlight Highlight Hoffe, dass Google mit der App und der damit zwingend verbundenen BT-Freigabe den Zwang, auch die GPS-Daten freizugeben, fallen lässt.
    • ninolino 18.05.2020 12:55
      Highlight Highlight Hättest du lieber Facebook?
      Im Ernst, dazu braucht es nunmal die OS-Hersteller, denen der durchschnittliche User durch den Kauf des Geräts ohnehin schon blind vertraut.
    Weitere Antworten anzeigen

Analyse

Warum Veganer so nerven

Wir lieben es, Veganer zu hassen. Wohl auch, weil wir spüren, dass sie recht haben.

Veganer. Die moralinsauren Spassbremsen, die nichts lieber tun, als in die Welt zu schreien, wie viel besser als alle anderen Menschen sie sind. Die sektenartigen Extremisten, die anderen Menschen vorschreiben wollen, was sie zu essen haben. Die wohlstandsverwahrlosten Wichtigtuer, die mit ihrem teuren Konsum-Lifestyle exhibitionistisch herumstolzieren.

Mit negativen Stereotypen über Veganerinnen und Veganer lassen sich Bücher füllen. Darum rollen die meisten von uns einfach mit den Augen …

Artikel lesen
Link zum Artikel