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Infomaniak Meet: Die Schweizer Videokonferenz-Software rückt Privatsphäre in den Fokus. Bild: infomaniak

Interview

Suchst du eine «100 Prozent schweizerische» Alternative zu Zoom und Skype? Hier kommt sie

Was Threema für Textnachrichten ist, könnte Infomaniak Meet für Video-Meetings werden: eine sichere Schweizer Alternative zu den grossen Tech-Konzernen.



In der Corona-Krise erleben Videotelefonie und Videokonferenzen einen beispiellosen Boom. Die meisten Unternehmen und Privatpersonen greifen auf bekannte Lösungen wie Zoom, Skype, FaceTime, WhatsApp oder Microsoft Teams zurück. Allesamt Produkte grosser US-Konzerne.

Insbesondere Marktführer Zoom macht jedoch seit Wochen mit immer neuen Datenschutz- und Sicherheitsproblemen von sich reden. IT-Experten, Behörden und Unternehmen warnen daher ihre Mitarbeiter vor Zoom.

Hier kommt die Schweizer IT-Firma Infomaniak ins Spiel: Ihr neuer auf Open-Source-Software basierender Videokonferenz-Dienst Infomaniak Meet ist laut Eigenaussage «eine sichere und unabhängige Alternative zu den US-Produkten».

Wie bei Zoom kann man schnell und unkompliziert, also ohne Benutzerkonto oder Programm-Installation, ein Video-Meeting starten, Teilnehmer per Link einladen und während des Meetings den eigenen Bildschirm freigeben.

Am Computer geht dies auf meet.infomaniak.com direkt im Webbrowser, alternativ gibt es seit dieser Woche eine Anwendung für Mac, Windows und Linux. Die entsprechende App für Android und iOS ist bereits seit Anfang April verfügbar.

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Der kostenlose Videokonferenz-Dienst wird vom Genfer Hosting-Anbieter Infomaniak bereitgestellt und basiert auf der populären Open-Source-Anwendung Jitsi Meet.

Die wichtigsten Funktionen im Überblick:

Das Interview

Im Interview mit watson spricht Marc Oehler, COO von Infomaniak, über die zu «100 Prozent schweizerische» Zoom-Alternative.

Herr Oehler, mit Zoom, Skype, Microsoft Teams, Google Meet etc. gibt es schon sehr viele Videokonferenz-Tools: Warum braucht es noch eine Schweizer Videokonferenz-Software?
Marc Oehler: Als der Lockdown kam und das Arbeiten aus der Ferne in vielen Unternehmen zur Norm wurde, stellten wir fest, dass viele Firmen sehr schnell auf die bekannten GAFAM-Lösungen setzten (Anm. d. Red.: GAFAM steht für Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft). Darum haben wir beschlossen, unsere eigene Videokonferenz-Software Infomaniak Meet zu entwickeln. Denn diese gewährleistet, dass Unternehmen kommunizieren können, ohne Gefahr zu laufen, dass ihre Betriebsgeheimnisse gespeichert werden und möglicherweise von Dritten eingesehen werden können.

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Marc Oehler, COO Infomaniak.

Zoom, die derzeit populärste Videokonferenz-Software, steht wegen Datenschutz- und Sicherheitsproblemen in der Kritik: Warum soll Infomaniak Meet sicherer sein?
Unsere Lösung basiert auf der Open-Source-Software Jitsi Meet. Open-Source-Software kann von Spezialisten vollständig analysiert werden, um sicherzustellen, dass keine Fehler oder Sicherheitslücken vorhanden sind. Ausserdem wird Infomaniak Meet auf unseren eigenen Servern in unseren eigenen Rechenzentren gehostet. So können wir die Sicherheit und vollständige Unabhängigkeit unserer Lösung garantieren.

Online-Meetings mit Zoom und Co. wurden erst wegen des Homeoffice-Booms so richtig populär. Wollen Sie nun einfach von der Corona-Krise profitieren?
Wir haben unsere Alternativlösung, die zu 100 Prozent schweizerisch und zu 100 Prozent sicher ist, schnell auf den Weg gebracht, weil wir die wirtschaftlichen Interessen der europäischen Unternehmen verteidigen wollen. Und es ist auch eine gute Möglichkeit, uns bei mittelständischen Unternehmen ins Gespräch zu bringen.

Zoom wurde auch kritisiert, weil die US-Firma falsche Angaben zur Verschlüsselung machte. Welche Verschlüsselungs-Technologie nutzen Sie?
Zunächst einmal, wir speichern absolut nichts auf unseren Servern. Für alle, die an Einzelheiten zu den von uns verwendeten Technologien interessiert sind: Wir nutzen TLS 1.2 HTTPS sowie webRTC SRTP-DTLS.

Infomaniak Meet basiert auf der freien Videokonferenz-Software Jitsi. Jitsi Meet hat aber wie Zoom keine sichere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Videoanrufe mit mehreren Teilnehmern.
Jitsi Meet arbeitet derzeit an der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Wir werden diese implementieren, sobald sie verfügbar ist. (Anm. d. Red.: Eine solche Verschlüsselung garantiert, dass auch der Software-Anbieter zu keiner Zeit Zugriff auf die Nutzerdaten hat.)

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Blick in ein Rechenzentrum von Infomaniak. Bild: infomaniak

Infomaniak Meet ist werbefrei. Wird das so bleiben? Wie verdienen Sie Geld?
Normalerweise sind unsere Dienstleistungen (primär Webhosting) kostenpflichtig. Auch in diesem Fall hatten wir zunächst vor, unsere Videokonferenzlösung nur während der Gesundheitskrise kostenlos anzubieten. Um jedoch zu zeigen, dass wir es mit unseren Absichten ernst meinen, haben wir nun beschlossen, sie auch nach der Corona-Krise kostenlos anzubieten.

Künftig werden wir sehr wahrscheinlich Add-ons anbieten, die käuflich erworben werden können. Aber die aktuelle Lösung in ihrer jetzigen Form wird auch gratis bleiben, wenn diese beispiellose Phase vorüber ist.

Wie viele Personen können an einem Video-Meeting teilnehmen?
Theoretisch ist die Teilnehmerzahl unbegrenzt. Allerdings muss ich sagen: Obwohl Konferenzen mit bis zu 40 Teilnehmern gut funktionieren, zeigen unsere Tests, dass bei grösseren Konferenzen die Übersicht leidet. Nicht wegen der technischen Qualität, sondern wegen der schieren Zahl der Teilnehmer, die mitreden wollen. Wenn man also eine Konferenz mit vielen Teilnehmern arrangieren will, lautet die Devise, sie gut zu organisieren.

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Infomaniak beschäftigt mehr als 130 Mitarbeitende in Genf und Winterthur. Bild: infomaniak

Auch wenn Infomaniak Meet auf dem Code der Open-Source-Anwendung Jitsi Meet basiert. Wie war es möglich, so schnell eine Zoom-Alternative inklusive Apps zu entwickeln?
Wir haben das Projekt zu einer Top-Priorität gemacht und die erste Version innert einer Woche entwickelt, einschliesslich der mobilen Anwendungen. Diese Rekordzeit wurde dank der Beteiligung von 40 Entwicklern und Systemingenieuren erreicht, die sich bereits aus früheren Projekten wie unserer Cloud-Storage-Lösung kDrive kannten.

Die aktuelle Version unterstützt die meisten Funktionen, die man von einer Video-Meeting-Software erwartet. Welche weiteren Funktionen sind geplant?
Wir planen beispielsweise ein Werkzeug, mit dem die Nutzer auf dem freigegebenen Bildschirm «zeichnen» können. Teilnehmer können so auf Elemente auf dem geteilten Bildschirm zeigen, was die Zusammenarbeit erleichtert. Diese Funktion wird ebenfalls Open Source sein, so dass auch alle Benutzer von Jitsi Meet davon profitieren können.

Eine letzte Frage: Wie viele Meetings werden aktuell pro Tag abgehalten?
Wir verzeichnen durchschnittlich 10'000 Konferenzen pro Tag mit jeweils vier Teilnehmern im Schnitt.

Welche Videokonferenz-Software nutzt du am meisten?

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Der Infomaniak-Hauptsitz in Genf. Bild: infomaniak

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Ein schicker Aufenthaltsraum inklusive Etagere. Bild: infomaniak

Über Infomaniak

Das Schweizer Webhosting-Unternehmen Infomaniak beschäftigt derzeit mehr als 130 Mitarbeitende in Genf und Winterthur und erzielt einen Jahresumsatz von über 21 Millionen Franken. Das Unternehmen verwaltet laut Eigenangabe mehr als 1 Million E-Mail-Adressen und 400'000 Domains. Es wurde 1994 von Boris Siegenthaler und Fabian Lucchi gegründet. (oli)

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