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Die Tracing-App bietet keinerlei Schutz für unvorsichtige Partygänger und ist keine Lösung für Clubbetreiber. bild: unsplash

Analyse

Was Schweizer und Ausländer unbedingt über die SwissCovid-App wissen sollten

Das sind die neusten Fakten zur Schweizer Corona-Warn-App.



Die letzte Woche lancierte SwissCovid-App ist erfolgreich gestartet, nun geht es in die entscheidende Phase. Dieser Beitrag dreht sich um die wichtigsten (neuen) Fragen.

Bald geht's an die zweite Million

Die SwissCovid-App steuert auf 1 Million aktive User zu. Oder hat sie die Marke bereits überschritten? Wir wissen vorläufig nur, dass es am Sonntag 860'000 aktive User waren.

Die Anzahl aktiver Apps kann laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) rückblickend auf den vergangenen Tag ungefähr geschätzt werden. Dies, weil Smartphones mit installierter App täglich rund viermal die aktuelle technische Konfiguration abfragen (sofern eine Internetverbindung besteht).

Zu erklären ist das mit der Update-Funktion, die die Entwickler implementiert haben. Damit kann das BAG als Herausgeberin der App gewisse Parameter ändern, ohne dass jedes Mal ein Update über die App-Stores verbreitet werden muss. Dazu gehört die für das Bestimmen des Infektionsrisikos wichtige Vorgabe der Mindestdistanz zwischen Mobilgeräten. Aktuell sind das 1,5 Meter, wobei das BAG den Wert aufgrund von neuen epidemiologischen Erkenntnissen ändern kann.

860'000 aktive User, vier Tage nach der offiziellen Lancierung. Ist das viel oder eher enttäuschend?

Geglückter Start, aber ...

Wie beurteilt das BAG die Startphase? watson hat bei Kommunikationschef Gregor Lüthy nachgefragt. Er schreibt:

«Wir sind mit dem Start der App sehr zufrieden. Wir beobachten, dass sowohl die Downloads als auch die Anzahl aktiver Apps zunehmen – das ist erfreulich. Dies ist ein grosser Vertrauensbeweis der Bevölkerung in den dezentralen Ansatz des Systems. Zudem sind die Rückmeldungen und Beurteilungen in den App-Stores grösstenteils sehr positiv. [...] Damit die Wirksamkeit der App sich voll entfalten kann, ist es wichtig, dass möglichst viele Personen die SwissCovid-App aktiv nutzen.»

Zum Vergleich: Die deutsche Corona-Warn-App ist bereits 14 Millionen Mal heruntergeladen worden. Dies über einen Zeitraum von genau zwei Wochen (im Zeitraum vom 16. bis 29. Juni). Das Robert-Koch-Institut verrät allerdings nicht die Zahl der tatsächlich aktiven Nutzerinnen und Nutzer, sondern nur die App-Downloads (iOS und Android). Zudem wurde die App-Lancierung bei unseren nördlichen Nachbarn von einer deutlich stärkeren Informationskampagne begleitet.

Schliesslich gilt es die App-Zahlen ins Verhältnis zu setzen zur Bevölkerungszahl: Deutschland hat 83 Millionen Einwohner, die Schweiz 8,8 Millionen. Daraus ergibt sich für die deutsche Corona-Warn-App ein Anteil von über 15 Prozent, hingegen liegt die Schweiz derzeit noch knapp unter 10 Prozent. Dies kann sehr viel ausmachen, wie wir gleich sehen.

Wie viele «Ernstfälle» gab es schon?

Bekanntlich erhält man nach Vorliegen eines positiven Covid-19-Tests einen Bestätigungscode (Covidcode), den man anschliessend in der App eingeben kann, um Mitmenschen (die ebenfalls die App nutzen) anonym zu warnen.

Auf die Frage, wie viele Covidcodes bereits ausgestellt worden seien, antwortete das BAG am Montag:

«Seit dem Launch wurden zwei Covidcodes von infizierten Personen eingelöst, in welchen Kantonen dies geschehen ist, wissen wir nicht. Es wurden jedoch mehr als zwei Covidcodes ausgestellt. Es besteht die Vermutung, dass diese von Kantonsärzten zu Demozwecken erstellt wurden.»

Zum Vergleich: Die deutsche Corona-Warn-App hat nach über einer Woche erstmals Nutzer alarmiert, die sich in der Nähe von infizierten Personen aufgehalten haben. Bis dato teilten rund 100 Betroffene ihre Bluetooth-Kontaktdaten (Diagnoseschlüssel) über die App, um andere zu warnen.

«Fangfrage» ans BAG

Es haben bislang zwei Personen einen Covidcode in der SwissCovid-App eingegeben. Da fragt man sich natürlich, wie viele Warnhinweise anschliessend verbreitet wurden.

Das BAG antwortet kurz und bündig:

«Diese Frage können wir aufgrund des dezentralen Ansatzes des Systems nicht beantworten. Der Hinweis wird ja nicht verschickt, der Abgleich findet vielmehr auf dem Mobiltelefon jeder einzelnen Person statt.»

Warum du die Kollegen überzeugen solltest

Die deutsche Forscherin Lucie Abeler-Dörner hat an der renommierten Universität Oxford simuliert, wie Tracing-Apps gegen das Coronavirus helfen können. Die daraus hervorgegangene Studie dürfte die meistzitierte zum Thema sein. Allerdings wurde sie von vielen Medien verkürzt wiedergegeben. Daraus resultierte die Irrmeinung, dass die App erst etwas bringe, wenn sie von 60 Prozent genutzt werde.

Dass die deutsche App bereits wirkt, erklären Experten damit, dass sie mehr als 15 Prozent der Bevölkerung nutzen. Ein Schwellenwert, wie andere Forscher versichern.

Fakt ist aus Sicht der Smartphone-User, dass es vor allem auf die Leute im eigenen Umfeld ankommt.

«Wenn Leute ihre Familie, Freunde und Arbeitskollegen von der App überzeugen, kann bereits eine kleine Gruppe einen wirksamen Schutz für alle Mitglieder aufbauen, auch wenn nicht alle ein Smartphone haben. Wer ein Smartphone besitzt und die App nutzt, schützt alle in seiner Umgebung.»

Lucie Abeler-Dörner quelle: sueddeutsche.de

Die deutsche Wissenschaftlerin weist im Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» auf einen weiteren wesentlichen Vorteil hin.

«Wir müssen die App als Chance sehen, die Bekämpfung der Epidemie in die eigene Hand zu nehmen. Je mehr Leute mitmachen, desto wahrscheinlicher ist es, dass keine zweite Welle kommt.»

Funktioniert das überhaupt?

Ja, versichert das BAG, die SwissCovid-App laufe gut.

«In der vorgehenden Pilot- und Testphase wurde dies ausgiebig geprüft und für funktionstüchtig befunden.»

Gregor Lüthy, Kommunikationschef

Die Verantwortlichen betonen zudem, dass bislang nur wenige Fehlermeldungen zur Installation eingegangen seien über die entsprechenden Support-Funktionen.

Gibt's jetzt doch eine App-Pflicht?

Nein, ganz sicher nicht. Auch wenn sich dies einzelne Clubbetreiber durchaus wünschen würden. Die SwissCovid-App kann das von den Behörden verlangte Registrieren der Gäste nicht ersetzen. Das ist technisch und rechtlich unmöglich.

Fakt ist: Eine App-Pflicht, respektive ein App-Zwang für Schweizer Clubbesucher, kommt aus juristischen Gründen nicht infrage. Es gibt ein vom Parlament genehmigtes, gesetzlich festgeschriebenes Diskriminierungs-Verbot. Das heisst, die Nutzung von SwissCovid ist absolut freiwillig und wird es definitiv bleiben. Wer dagegen verstösst, muss laut Epidemiengesetz mit einer Geldstrafe rechnen. Abgesehen davon ist es über die SwissCovid-App technisch unmöglich, den Standort oder andere persönliche Informationen der Smartphone-User herauszufinden oder gar an Dritte weiterzugeben. Die App taugt nicht als Hilfsmittel für das klassische Contact Tracing wegen ihrer dezentralen Architektur (keine Erhebung sensitiver Daten) und wurde auch nie dafür konzipiert.

Und im Ausland?

Was sollen SwissCovid-Nutzer tun, wenn sie ins Ausland reisen? Der BAG-Kommunikationschef erklärt:

«Wenn Schweizer im Ausland unterwegs sind, ist das Tracing mit der SwissCovid-App eher nutzlos, da sie derzeit nur Daten mit anderen SwissCovid-Apps austauschen kann. Die Wahrscheinlichkeit, im Ausland viele aktive SwissCovid-App-User zu treffen, dürfte gering sein.»

Wie watson schon früher vom Entwicklerteam (DP-3T) erfahren hat, kann das Installieren von anderen nationalen Warn-Apps Sinn machen. Dazu erklärt Gregor Lüthy:

«Eine ausländische App, z. B. Immuni aus Italien, zu installieren und zu aktivieren kann durchaus Sinn machen, aber man muss dabei wissen, dass die Apple/Google API zu einem Zeitpunkt immer nur eine solche App zulässt, also müsste man dann in Italien die Immuni-App aktivieren und somit die SwissCovid-App deaktivieren (macht man in den Einstellungen des Betriebssystems).»

Man könne allerdings nur gewarnt werden, wenn man die jeweilige App auch aktiviert hat. D. h. man müsste die Immuni-App nach der Rückkehr für einige Zeit mindestens einmal pro Tag aktiviert und am Internet haben. Für Grenzgänger möge das weniger ein Problem sein. «Sie müssten immer an der Grenze die Aktivierung umschalten.» Ein anderes Problem sei das Geo-Blocking. Tatsächlich ist die deutsche Corona-Warn-App bislang nur in den App-Stores weniger Länder verfügbar – aus juristischen Gründen.

Die SwissCovid-App hat kein solches GeoBlocking mehr. Das heisst, man findet sie nicht nur im Schweizer App Store.

SwissCovid und Ausländer

SwissCovid ist nun auch für ausländische Besucher verfügbar, respektive in ausländischen App Stores. Gregor Lüthy vom BAG erklärt die entsprechenden Überlegungen:

«Es gibt viele Personen in der Schweiz, die aus einem anderen Herkunftsland kommen oder einen anderen Telecom-Anbieter haben. Diesen Personen möchte man die App ebenfalls zugänglich machen. Die Installation ist für Berufspendler, Touristen, welche längere Zeit in der Schweiz verweilen, und Wochenaufenthalter sinnvoll, da sie im Krankheitsfall eventuell vom Schweizerischen Gesundheitssystem versorgt werden.»

Die SwissCovid-App ist auf 11 Sprachen verfügbar, allen voran die vier offiziellen Sprachen der Schweiz: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Darüber hinaus wurden vor allem die grössten Migrationssprachen berücksichtigt: Serbisch/Kroatisch/Bosnisch, Albanisch, Portugiesisch und Spanisch. Und natürlich die Weltsprache Englisch.

Interoperabilität: Wann sind die Apps kompatibel?

Nationale Tracing-Apps sind nicht wirklich sinnvoll, wenn die Landesgrenzen wieder offen stehen und Leute wieder vermehrt reisen. Wie weit sind die Vorbereitungen für das grenzüberschreitende Funktionieren fortgeschritten?

Dazu teilt uns der BAG-Mann mit:

«Die EU hat sich letzte Woche auf eine regulatorische Basis geeinigt, sie werden im Rahmen der ‹Cross Border Initiative› eine Erweiterung machen. Dies wird ihre rechtliche Basis für den Datenaustausch zwischen den EU-Ländern sein, die auf das dezentrale Modell setzen und die Apple/Google API nutzen. Die Schweiz möchte sich daran beteiligen. Die entsprechenden Gespräche sind lanciert.»

Soll heissen: Die SwissCovid-App wird in Zukunft auch in den Nachbarländern funktionieren, so dass man bei Auslandaufenthalten nicht die jeweilige App installieren muss. Allerdings dürfte dies noch einige Zeit, wohl Wochen, oder gar Monate, dauern. Abschliessend gilt es darum in Erinnerung zu rufen, dass wir weiterhin vorsichtig sein sollten. Wir alle, ob mit oder ohne SwissCovid-App auf dem Handy.

BAG äussert sich zu Interoperabilität

Rein technisch könnte die Swiss-Covid-App bereits im August auch in Deutschland, Österreich und Italien eingesetzt werden – wenn rechtzeitig eine Einigung mit der EU zustande kommt. Das sagte der Leiter Abteilung Digitale Transformation im BAG, Sang-Il Kim.
Geplant sei das grössere Update der App für August, sagte Kim vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Dann könnten die Userinnen und User im Ausland wählen, in welchem der drei Länder sie bei Kontakten mit Covid-19-Infizierten gewarnt werden wollten. Mit Frankreich werde der Austausch nicht funktionieren, weil das Land eine andere Schnittstelle benutze.
Ein «Stolperstein» im Zeitplan könnte sein, dass die Schweiz noch kein ein institutionelles Rahmenabkommen mit der EU hat und damit bei rechtlichen Übereinkommen der EU aussen vor gelassen werde. Doch der Bundesrat – unter anderem Innenminister Alain Berset – setze sich auf den diplomatischen Kanälen für eine schnelle Lösung ein.
(sda)

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Quellen

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