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ZUR POLITISCHEN BILDUNG AN DER KANTONSSCHULE GLARUS STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES NEUES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- A teacher with pupils of the 4th grade during geography lessons on the topic of climate at the gymnasium of the Cantonal School Glarus, in Glarus, Switzerland, on 17 June, 2019. The Cantonal School Glarus was founded in 1956 and consists of a gymnasium and a specialized upper secondary school (Fachmittelschule FMS). (KEYSTONE/Gaetan Bally)..Ein Lehrer mit Schuelerinnen und Schueler der 4. Klasse der Kantonsschule Glarus waehrend des Geografie-Unterrichts zum Thema Klima, am 17. Juni 2019 in Glarus. Die Kantonsschule Glarus wurde 1956 gegruendet und bietet neben dem Gymnasium auch eine berufsbildende Fachmittelschule an. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Spiess umgedreht: Per Smartphone sollen die Pädagogen bewertet werden. Bild: KEYSTONE

Schüler können die Lehrer neu per App bewerten – eine explosive und fragwürdige Idee



In Deutschland und Österreich ist eine explosive Smartphone-App lanciert worden. Ungewöhnlich ist nicht nur der Name, «Lernsieg», sondern auch das Ziel: Schülerinnen und Schüler können über die App ihre Lehrer bewerten. Und auch für die Bildungseinrichtungen Schulen selbst gibts Noten.

Wie funktioniert die App?

Schüler, die Lehrer beurteilen wollen, müssen die App installieren und sich über ihre Handynummer anmelden.

Nach «erfolgter Verifizierung» können Schüler sowohl Schulen als auch Lehrer in verschiedenen Kategorien bewerten.

Die Noten-Skala, reicht von 1 bis 5. Und zwar in Sterne-Form: Maximal fünf Sterne stehen für «sehr gut», die tiefste Bewertung, ein Stern, bedeutet «nicht genügend».

Bei Schulen sind die Bewertungs-Kategorien zum Beispiel Klassenzimmer, Sportanlagen, Mensa und Kantine oder auch die Unterstützung der Klimaschutz-Bewegung «Fridays for Future».

Bei Lehrern sind die Bewertungs-Kategorien unter anderem Unterricht, Fairness, Respekt, Durchsetzungsvermögen und Pünktlichkeit. Jeder Schüler hat angeblich nur eine Stimme, kann die Bewertungen aber jederzeit ändern. Und die Bewertungen können mit Pseudonym abgegeben werden.

Wer einem Lehrer weniger als fünf Sterne gibt, soll in vorgegebenen Unterkategorien sagen, welche Mängel es gibt. Etwa dass der Unterricht nicht spannend aufgebaut sei. Für jede Schule gebe es zudem ein Ranking der «besten» Lehrer.

Insgesamt 90'000 Pädagogen sollen in der Datenbank, die zur App gehört, bereits eingetragen sein. Bei diesen Daten soll es sich um öffentlich zugängliche Informationen handeln, die der App-Erfinder über das Internet einholen konnte.

Für wen gibts die App?

Die «Lernsieg»-App soll für Android-Smartphones und iPhones (iOS) kostenlos angeboten werden.

Sie sei nur für Deutschland und Österreich verfügbar, heisst es in Medienberichten. Fakt ist: Weder im Schweizer App Store von Apple, noch im Google Play Store, ist sie zu finden.

Wer steckt dahinter?

Erfinder und Herausgeber der App ist der 17-jährige Schüler Benjamin Hadrigan. Ziel sei nicht, wie von der Lehrergewerkschaft befürchtet, Pädagogen an den Pranger zu stellen, behauptete Hadrigan bei einer Pressekonferenz in Wien. «Mir geht es darum, Schülern eine Stimme zu geben.»

Bild

Benjamin Hadrigan will mit seiner App mehr Transparenz im Schulsystem schaffen. screenshot: derstandard.at

Cui bono?

Bleibt anzumerken, dass Hadrigan im Frühjahr 2019 ein Buch mit Lerntipps veröffentlicht hat. Sein Werk trägt den gleichen Titel wie seine umstrittene App: «Lernsieg». Darin stelle er ein von ihm entwickeltes Lernsystem mit Social-Media-Anwendungen wie Snapchat vor, mit dem er sich vom schlechten Schüler zum Klassenbesten gewandelt habe.

Mit dem österreichischen Schulsystem scheint der junge Mann auf Kriegsfuss zu stehen. In einem Interview sagte er im Frühjahr, die Schüler erhielten zu wenig Hilfe und müssten es aus seiner Sicht selbst in die Hand nehmen.

«Es wird einem in der Schule zumindest in Österreich nicht gezeigt, welcher Lerntyp man ist und welche Lerntechniken es gibt (...). Die Schule hat mich bei meinen Projekten nicht unterstützt und mich nicht freigestellt (...). Das Schulsystem fördert keine Individualisten, sondern kleine Soldaten, die alle gleich sind.»

Seine Kritik am Schulsystem hat der junge Österreicher auch schon in diesem Apple-Podcast geäussert.

Laut Medienberichten hat der 17-Jährige die App mithilfe eines «Investorenkonsortiums» entwickelt und einer auf Medienrecht spezialisierten Anwaltskanzlei.

Tatsächlich soll zu einem späteren Zeitpunkt mit der App Geld verdient werden. Wie das gehen soll, ob zum Beispiel Werbung geschaltet wird, wurde noch nicht verraten.

«Die App ist kostenlos und wird es auch bleiben. Irgendwann wird sich die Frage nach dem Umsatz stellen. Wir brauchen ja auch Geld, um das Projekt weiter auszubauen. Es gibt Pläne, wie wir es monetarisieren können. Jetzt warten wir einmal ab, wie die Schüler darauf reagieren. Dann setzen wir weitere Schritte.»

Benjamin Hadrigan. quelle: kleinezeitung.at

Ist die App sicher und rechtens?

Das werden wohl die Richter entscheiden.

«Missbrauch wird man nie ganz ausschliessen können», sagte der bei der App-Entwicklung beigezogene Medienanwalt laut österreichischen Medienberichten. Er gehe aber davon aus, dass die App in rechtlicher Hinsicht problemlos sei.

Schon vor der Lancierung hat die Lehrer-Bewertungs-App für Diskussionen und Ärger gesorgt. Die österreichische Lehrer-Gewerkschaft wollte die App noch vor der Lancierung verbieten lassen, was ihr offensichtlich nicht gelang.

Ein Gewerkschaftsvertreter hat angekündigt, dass alle Rechtsmittel ausgeschöpft werden sollen. Man habe Bedenken wegen des Datenschutzes, zudem könnten die Persönlichkeitsrechte der gelisteten Pädagogen verletzt werden.

Das scheint den App-Erfinder nicht zu kümmern:

«Wir haben ein Rechtsgutachten erstellen lassen, damit sich die Firma, die die App entwickelt, an bestimmte Kriterien hält und damit die App nicht abgedreht werden kann. Ich bin mir sicher, dass die Juristen der Lehrergewerkschaft wissen, dass sie vor Gericht chancenlos sind.»

Eine Kommentarfunktion hat die von der Wiener Firma «all about apps» entwickelte Anwendung nicht, Diffamierung sei ausgeschlossen, meint Hadrigan. Überhaupt gebe es für Lehrer «keinen Grund zum Fürchten»: Es werde nicht die Beliebtheit abgefragt, sondern objektive Kriterien. Zudem könnten die Bewertungen laufend aktualisiert werden.

Tatsächlich bietet die Lehrer-Bewertungs-App ein beträchtliches Missbrauchspotenzial, wie der Erfinder in einem Interview einräumen musste. Auf die Frage eines Journalisten, ob es möglich sei, als Schüler auch Lehrer von fremden Schulen zu bewerten, antwortete der 17-Jährige:

«Das wäre theoretisch möglich, ja. Ich glaube aber, dass Schüler, wenn sie die Möglichkeit haben, etwas mitzugestalten, nur die Lehrer benoten, von denen sie auch unterrichtet werden.»

Um Manipulation bei den Ergebnissen wie mehrfache Stimmabgabe zu verhindern, wird jede Anmeldung per SMS verifiziert. Ob tatsächlich nur Schüler ihre Stimme abgeben, könne man zwar nicht überprüfen.

Kritische Reaktionen

Die österreichische Bildungsministerin Iris Rauskala, eine 41-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin, hat sich bereits zur Lehrer-Bewertungs-App geäussert. Die Politikerin, die der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) angehört, sprach sich nicht gegen die App aus, sondern plädierte für eine «konstruktive kritische Feedback-Kultur». Selbst wenn die Persönlichkeitsrechte von Lehrern durch die App verletzt würden, würde ihr Ministerium keine juristischen Schritte einleiten, denn dafür sei die Gewerkschaft zuständig.

In Medienberichten wird an die deutsche Webseite spickmich.de erinnert, die vor rund zehn Jahren zahlreiche Gerichte in Deutschland beschäftigte. Immer wieder hätten Lehrer versucht, sich auf juristischem Weg gegen die teils diffamierenden Kommentare auf der Website zur Wehr zu setzen. Ohne Erfolg. Im August 2010 lehnte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eine Beschwerde gegen spickmich.de ab. Inzwischen sei das Portal allerdings eingestellt worden.

Die österreichische Journalistin Claudia Zettel kommentiert:

«Schulbildung und Unterricht sind nicht vergleichbar mit einer Taxifahrt oder einer Pizzabestellung. Lehrerinnen und Lehrer befinden sich in einer weitaus komplexeren Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern. Und sie sind keine Dienstleister, die ein zuvor beauftragtes und bezahltes Produkt ausliefern. Schülerinnen und Schüler sind nicht in der Rolle eine Bestellung aufzugeben und diese dann nach ‹Zustellung› zu bewerten.»

quelle: futurezone.at

Ein österreichischer Internet-User stellt die kritische Frage, warum die App öffentlich zugänglich sei.

«Das ist die Grundfrage. Gäbe es die Bewertungen nur innerhalb jeder Schule – so etwas müsste dieser junge Herr Programmierer ja locker schaffen – und nicht nur die Bewerteten, sondern auch die Bewerter scheinen mit vollem Namen auf, dann wäre es ja noch nachvollziehbar. Natürlich sollten dann auch die Zeugnisse für jedermann einsichtbar sein). Aber im Schutze der Anonymität Bewertungen für Lehrer oder wen auch immer abzugeben, ist letztklassig, es dient nur der Vernaderung (Diffamierung) und eventuell auch Drohungen (Herr Lehrer, wollen Sie eine schlechte Bewertung?).»

Ein anderer User äussert wegen des Missbrauchspotenzials Bedenken:

«Es ist ja nicht einmal sichergestellt, dass nur Schüler ihre Lehrer bewerten - wenn ich vom bösen Nachbar weiss, an welcher Schule er unterrichtet, kann ich ihn schlecht bewerten ... und da es in der menschlichen Natur liegt, viel mehr zu schimpfen als zu loben, wird das eine reine Auskotzplattform (verstärkt noch durch die Anonymität!).»

Und jetzt du!

Lehrer per App bewerten – eine gute Idee?

(dsc)

Lernen mit Social Media?

Benjamin Hadrigan hat versucht, klassische Lerntechniken in die Social-Media-Kanäle zu übertragen. In seinem im März 2019 veröffentlichten Buch «#Lernsieg» ruft er zum erfolgreichen Büffeln mit Snapchat, Instagram und Whatsapp auf – und kritisiert das Schulsystem scharf.
«Ich habe selbst angefangen, mit Karteikarten zu lernen. Aber ich hab einzelne dann immer wieder verloren», erzählte Hadrigan im Interview. Daher machte er Fotos der Karten und lernte mit seinem Smartphone. Bei Instagram erstellte er später gesonderte Zugänge zum Lernen, die Fotos packte er in die sogenannten Storys.
«Die Schüler sind schon längst digitalisiert. Die Lehrer aber noch nicht», sagte Hadrigan, der wie ein hochgradig motivierter BWL-Student im vierten Semester wirkt. Er redete sehr schnell und ohne Pausen, seine Kritik trug er mit Verve vor. «Es wird einem in der Schule zumindest in Österreich nicht gezeigt, welcher Lerntyp man ist und welche Lerntechniken es gibt.» Nach einem schlechten Jahr am Gymnasium habe er sich das letztlich selbst beigebracht.
(sda)

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