DE | FR
Christoph Mörgeli
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Ritzmann vor Bezirksgericht

«Die Universitäts-Leitung hat in der ‹Affäre Mörgeli› kollektiv versagt»

Iris Ritzmann, die mit der Herausgabe vertraulicher Berichte die «Affäre Mörgeli» ins Rollen gebracht haben soll, steht heute vor dem Bezirksgericht Zürich. MIttlerweile hat sich die Anklage in Luft aufgelöst: Die beschlagnahmten Mails dürfen nicht gegen sie verwendet werden.



SVP-Nationalrat Christoph Moergeli als Zuhoerer an einer Medienkonferenz der Universitaet Zuerich in Zuerich am Dienstag, 6. Mai 2014. Im Zuge der Affaere Moergeli ordnet die Universitaet Zuerich zwei Bereiche der medizinischen Fakultaet neu: Sie verbindet das Institut fuer Biomedizinische Ethik und den Lehrstuhl fuer Medizingeschichte zu einem Zentrum fuer Medical Humanities. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Christoph Mörgeli an einer Medienkonferenz der Universität Zürich – heute kneift er vor Gericht. Bild: KEYSTONE

Keine Akten, keine Beweise: Die Staatsanwaltschaft hatte es heute Nachmittag schwer vor Bezirksgericht: Nachdem Richterin Keller die Rasterfahndung der Universität Zürich und die Beschlagnahmung von Maildaten als unzulässig beurteilte, löste sich die Anklage gegen Iris Ritzmann wegen Amtsgeheimnisverletzung in der «Affäre Mörgeli» praktisch in Luft auf. «Der Staatsanwaltschaft bleibt nichts anderes übrig, als die Anträge zu verkünden», sagte Staatsanwalt Andrej Gnehm, und forderte 240 Tagessätze à 90 Franken Strafe, eine Busse von 3900 Franken und eine Probezeit von zwei Jahren. Gnehms Plädoyer dauerte nicht einmal fünf Minuten.  

Verteidiger Adrian Klemm hingegen holte schwungvoll zum Rundumschlag aus. Er bezeichnete das Vorgehen der Universität Zürich in der «Affäre Mörgeli» als «kollektives Führungsversagen»: «Hätte der Rechtsdienst der Universität seine Arbeit gemacht, hätte er gemerkt, dass die fraglichen Berichte gar kein Amtsgeheimnis waren», sagte Klemm. «1400 Personen hatten Zugang zum Intranet und damit theoretisch zum Bericht des medizinhistorischen Institutes». Damit habe der «Tages-Anzeiger»-Journalist auch niemanden zur Verletzung dieses Geheimnisses gedrängt. Die Anzeige gegen Iris Ritzmann sei übereifrig gewesen – «ein absoluter Fehler, der das Vertrauen in die Universität Zürich massiv erschüttert».  

Klemm nimmt auch die Staatsanwaltschaft in die Mangel. Die Verhaftung von Iris Ritzmann und ihrem Mann sei nicht zulässig und eine absolute Zumutung gewesen. Staatsanwalt Gnehm habe Iris Ritzmann bei der ersten Einvernahme angekündigt, die Inhalte der beschlagnahmten Mails würden zugänglich gemacht – wenn die Verhaftete nicht aussage, müsse sie die Nacht im Gefängnis verbringen. «Gnehm wollte ein Geständnis erzwingen», sagte Klemm. Dabei sei nicht mal abgeklärt worden, ob der Sachverhalt überhaupt strafrechtlich relevant gewesen sei. «Und sowieso», sagte Klemm, «bezeichnenderweise lief die Anklage der Staatsanwaltschaft unter ‹Causa Mörgli›, als ob meine Mandantin keinen eigenen Namen hätte»! 

«Es ist höchste Zeit, aus diesem Elefanten wieder eine Mücke zu machen»

Weder habe seine Mandantin die Berichte herausgegeben, noch habe es sich bei diesen um ein Amtsgeheimnis gehandelt, sagte Klemm, und forderte den vollumfänglichen Freispruch. «Es ist höchste Zeit, aus diesem Elefanten wieder eine Mücke zu machen», sagte der Verteidiger. Ritzmann wirkte nach dem Plädoyer sichtlich gelöst. Doch auch wenn das Urteil für die 52-Jährige heute positiv ausfallen würde – Aufatmen kann die Ärztin nicht. Die Staatsanwaltschaft hat bereits angekündigt, dass sie die Würdigung des Beweismaterials ans Obergericht weiterziehen wird.

Es war bereits nach 18 Uhr, als schliesslich Ritzmann selbst das Wort ergriff. Während ihre Töchter bereits auf dem Handy spielten, dem Gerichtsschreiber fast die Augen zufielen und die Anwesenden unruhig auf den Stühlen hin und her rutschten, zog Ritzmann nochmals gegen die Staatsanwaltschaft und die Uni vom Leder. Diese habe ihr noch vorgeschlagen, ihren Titel behalten zu können, wenn sie keine Lehrveranstaltungen mehr halte, ihr dann doch gekündigt und sie mit der Anzeige in den finanziellen und beruflichen Ruin gestürzt haben. «Vor zwei Jahren begann ein Albtraum, der noch lange nicht beendet ist», schloss Ritzmann. 

Das Bezirksgericht wird voraussichtlich am Dienstag das Urteil verkünden.

Iris Ritzmann auf dem Weg zum Zuercher Bezirksgericht am Freitag, 28. November 2014, in Zuerich. Iris Ritzmann, ehemalige Mitarbeiterin des medizinhistorischen Institutes der Universitaet Zuerich, muss sich heute vor dem Bezirksgericht Zuerich verantworten. Der Staatsanwalt ist ueberzeugt, dass die 52-Jaehrige mit der Herausgabe vertraulicher Berichte die Affaere Moergeli ins Rollen gebracht hat. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Iris Ritzmann heute Morgen auf dem Weg ins Bezirksgericht. Bild: KEYSTONE

Anklage gegen Iris Ritzmann

Ritzmann soll gemäss Anklage einem «Tages-Anzeiger»-Journalisten vertrauliche Berichte zugespielt haben, in denen Christoph Mörgeli, der damalige Museums-Kurator, kritisiert wurde. Zudem habe sie dem Journalisten die Zugangsdaten für Uni-Datenbanken verraten, auf denen vertrauliche Berichte gespeichert sind. Der Staatsanwalt fordert, dass Ritzmann wegen mehrfacher Verletzung des Amtsgeheimnisses verurteilt wird. Ritzmann bestreitet die Vorwürfe.(dwi/sda)

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Analyse

Keine Reisen und vielleicht sogar eine Kündigung? Was Impfverweigerern drohen könnte

In der Schweiz werden Stimmen lauter, welche Privilegien für Geimpfte fordern. Ist dies mit dem Grundrecht vereinbar? Eine Analyse.

In der Schweiz wird es keine Impfpflicht geben. Das hat der Bundesrat bereits einige Male klargemacht. Wer sich nicht gegen das Coronavirus impfen will, dem ist dies also freigestellt. Die Zeichen verdichten sich jedoch, wonach Impfverweigerern schon bald das Leben schwer gemacht werden könnte.

So berichtete der «Blick» zum Beispiel, dass der Bundesrat beschlossen hat, geimpften Personen gewisse Freiheiten wiederzugeben. Sie sollen wieder in Clubs, Beizen, zu Konzerten und ins Fitnessstudio …

Artikel lesen
Link zum Artikel