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Wir brauchen keinen Gott, um zu wissen, was Gut und Böse ist

Das moralische und ethische Empfinden ist genetisch bedingt und tief in uns verankert.



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Wir brauchen keine Himmelsleiter, um das Empfinden von Gut und Böse zu finden. bild pd

Religionsgemeinschaften können noch so unterschiedliche Heilslehren verkünden, eine universelle Gemeinsamkeit verbindet alle: Sie sind überzeugt, die Hüter von Moral und Ethik zu sein. Aus diesem Selbstverständnis heraus leiten sie ihre Relevanz und Daseinsberechtigung ab, die sie kräftig propagieren und als Rechtfertigung für ihre Missionsbestrebungen anführen.

Doch stimmt der Anspruch, dass die Welt ohne den Ethikkompass der Religionen ein barbarischer Ort wäre? Dass bei uns ohne den Glauben an eine höhere Macht und eine Erlösung nach dem Tod das Faustrecht regieren würde? Oder ist diese Selbsteinschätzung nur ein Mythos und ein geschickter PR-Schachzug?

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Sam Harris, der amerikanische Philosoph, Neurowissenschaftler und Schriftsteller über die christliche Moral. Video: YouTube/derhellseherblog

Angesichts der aktuellen Weltlage scheint diese Vermutung angebracht. Noch immer schwelen viele Religionskonflikte. Im Nahen Osten bekämpfen sich teilweise Sunniten und Schiiten bis aufs Blut. In Indien kommt es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen. Und in Myanmar veranstalten Buddhisten, die gemeinhin als besonders friedlich gelten, einen blutigen Genozid gegenüber den muslimischen Rohingyas – unterstützt von einer gläubigen Friedens-Nobelpreisträgerin. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, bei denen Religionsgemeinschaften Moral und Ethik mit Füssen treten.

Es gibt aber auch andere Beobachtungen, die zeigen, dass Glaubensgemeinschaften keinen Grund haben, die Deutungshoheit für sich in Anspruch zu nehmen. Ethnologen haben längst bewiesen, dass selbst isoliert lebende Naturvölker, die noch nie etwas von Moral, Ethik, Glauben oder monotheistischem Gott gehört haben, sehr genau wissen, was Gut und Böse ist.

Moral und Ethik sind tief in uns verankert

Inzwischen weisen auch Wissenschaftler nach, dass Moral und Ethik tief in uns verankert sind und nichts mit Religion oder Glauben zu tun haben.

Der Psychologe Marc Hauser von der Harvard Universität in Bosten zum Beispiel hat einen Test entwickelt, der das ethische Empfinden von 300‘000 Personen in vielen Ländern prüfte. Eine Frage lautete, was die Befragten tun, wenn ein führerloser Zug auf fünf Arbeiter zurast. Sie stünden an einer Weiche und könnten diese umstellen. Dann würde der Zug lediglich einen Arbeiter überfahren, der sich auf dem anderen Geleise befindet.

Die zweite Frage lautete: Der Zug rast auf die fünf Arbeiter. Die Befragten können einen Arbeiter aufs Geleise schubsen, um den Zug zum Stehen oder Entgleisen zu bringen. Welche Variante wählen Sie?

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Ethik aus christlicher Sicht. Video: YouTube/ChrismonMagazin

Das Resultat: Bei der ersten Frage sagten die allermeisten, sie würden die Weiche umstellen, damit nur ein Arbeiter sterben müsse. Bei der zweiten Frage sagte aber nur ein Sechstel, sie würden den Mann aufs Geleise stossen, um die fünf Arbeiter zu retten.

Was auf den ersten Blick als unlogisch erscheint, lässt sich mit dem moralischen Empfinden der Befragten erklären. Die Weiche umzustellen empfinden die meisten als eine Art passive Handlung. Deshalb können sie nüchtern überlegen und sind fähig, das kleinere Übel zu wählen.

Wenn sie aber jemanden aktiv in den Tod stossen müssen, ist die ethischen Sperre übermächtig, auch wenn dadurch mehr Menschen sterben müssen.

Gläubige wie Atheisten, Amerikaner wie Chinesen, Alte wie Junge, Reiche wie Arme: Alle haben ein moralisches Gewissen.

Das Verblüffende am Resultat: Ob Chinesen, Amerikaner oder Nomadenvölker; ob Kinder, Erwachsene oder Alte; ob Arbeiter oder Akademiker; ob Reiche oder Arme; ob Christen oder Atheisten: Die allermeisten Befragten zeigten die gleichen ethischen und moralischen Muster.

Psychologen und Neurologen sind sich weitgehend einig, dass ethische und moralische Werte nicht primär durch Erziehung vermittelt werden, sondern genetisch verankert sind. Jeder Mensch wird mit einem Sinn geboren, der zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Man kann auch von einem Moralinstinkt sprechen.

Glaubensgemeinschaften sind weder Erfinder noch Hüter von Moral und Ethik

Glaubensgemeinschaften würde es gut anstehen, wenn sie bei der Frage nach Moral und Ethik etwas bescheidender auftreten würden. Sie sind weder deren «Erfinder» noch Hüter. Denn wir Menschen wissen auch ohne die zehn Gebote Gottes und andere religiöse Verhaltensregeln, was Gut und Böse ist.

Viele Glaubensgemeinschaften machen sogar den kapitalen Fehler, Ethik mit Moral zu verknüpfen. Um dies zu veranschaulichen, benutzen sie die Begriffe Sünde und Erlösung. Wer Böses tut, wird sündig, und wer sündig ist, verliert das Seelenheil und landet in der Hölle.

Diese Moralkeule bewirkt das Gegenteil dessen, was die Religionsväter angestrebt haben: Die Angst ist psychologisch der grösste Feind des Guten. Um «gut» zu sein, muss ich möglichst angstfrei sein, mich geborgen fühlen und viel Selbstvertrauen haben.

Wenn ich mich vor Gott aber klein und sündig fühle, bricht das Lebensfundament weg.Doch exakt davon profitieren viele Glaubensgemeinschaften: Ängstliche und verunsicherte Gläubige müssen sich unterwerfen, um sich geschützt zu fühlen. Der Glaube macht dann nicht frei, sondern führt in die Abhängigkeit.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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