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Betendes Mädchen

Beten kann helfen. Aber warum? Bild: shutterstock.com

Sektenblog

Spielt es eine Rolle, ob ich Gott oder die heilige Kuh anbete? Wohl kaum

Glauben und Beten haben oft einen Placeboeffekt. Dabei spielt die Frage nach Gott eine untergeordnete Rolle.



Uns erscheint die Anbetung von Gestirnen oder Tieren als Frühform einer Religion oder eines Glaubens. Bekanntlich entrümpelten die monotheistischen Heilslehren den religiösen Himmel von Sonne, Mond, Sternen, Dämonen, Tieren und vielen anderen Göttern.

Doch spielt es eine Rolle, wen Gläubige anbeten? Ist die Wirkung anders oder grösser, wenn an die Stelle von der Sonne oder dem heiligen Stier Nandi Bull ein monotheistischer Gott tritt? Oder anders herum: Gibt es eine Werteskala der Religionen? Ein Rating? Ein Ranking?

Wenn man die Frage konsequent zu Ende denkt, ist es nicht so wichtig, wen man anbetet. Oder zu wem man betet. Denn über das Wesen von Gott können wir nur spekulieren. Der Glaube an höhere Wesen ist immer eine Projektion.

Der österreichische Ordenspriester Prof. P. Karl Wallner zum Thema Gebet:

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Video: YouTube/MAKA

Beim Beten geht es primär darum, die Hoffnungen und Sehnsüchte auf eine göttliche Instanz zu lenken, ihnen ihre Ängste zu übergeben, Trost zu suchen, Hilfe zu erhoffen und die Furcht vor dem Tod zu teilen. Deshalb sind Gebete für Gläubige so wichtig.

Sie spenden das Gefühl von Geborgenheit, Halt und Unterstützung und machen das Leben im Jammertal erträglicher. Vorausgesetzt, wir glauben an göttliche Wesen. Beten führt deshalb zu einem religiösem Placeboeffekt. Denn niemand weiss, ob beten hilft.

Viele Fragen, kaum Antworten

Wir können auch nicht nachweisen, dass es tatsächlich göttliche Wesen gibt. Selbst wenn sie existieren sollten, so ist nicht gewiss, dass sie unsere Gebete interessieren. Und ob sie sie überhaupt hören können. Sollten sie die Gebete tatsächlich wahrnehmen – bei sieben Milliarden Menschen eine logistische Herkulesaufgabe –, ist noch nicht gewährleistet, dass sie uns helfen können oder helfen wollen.

Fragen über Fragen. Eindeutige Antworten kennt niemand. Eine höhere Form des Betens ist die direkte Kommunikation mit Gott. Also das Gespräch mit Fragen und Antworten. Strenggläubige Christen, vor allem Freikirchler, sind überzeugt, mit Gott in einen Dialog treten zu können. Also von ihm Antworten zu bekommen. Diese besondere Form des Gebets hat einen noch stärkeren Placeboeffekt. Doch ein Zwiegespräch mit einem göttlichen Wesen strapaziert die Plausibilitätsfrage noch mehr.

Wie auch immer: Beten hat also weniger mit Gott als mit den Gläubigen selbst zu tun. Wären wir angstfrei, hätten wir kaum ein Bedürfnis, uns den göttlichen Wesen anzuvertrauen. So hilft uns der Glaube, Leid und Elend auf der Welt besser zu ertragen.

Dabei spielt es für den einzelnen Gläubigen wahrscheinlich eine untergeordnete Rolle, ob er seine Sehnsüchte auf einen heiligen Elefanten oder einen monotheistischen Gott projiziert. Hauptsache es hilft. Wie plausibel der Glaube oder wie wirkungsvoll das Beten ist, ist nicht zentral.

Wenn man den Gedanken weiter spinnt, stellt sich eine weit bedeutendere Frage: Spielt es überhaupt eine Rolle, an wen oder was ich glaube? Denn der Effekt ist immer ähnlich. Trost und Hoffnung spenden weniger die göttlichen Wesen, es ist vielmehr der Glaube selbst. Es handelt sich also primär um ein suggestives Phänomen.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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