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Per Autostopp um die Welt

Kanada absurd: Warum muss sich Charles als Ureinwohner den weissen Zuwanderern anpassen?

Thomas Schlittler
Thomas Schlittler



Das Symbol Kanadas kennt jedes Kind: Ein rotes Ahornblatt auf weissem Grund. Eigentlich müsste es umgekehrt sein. Es waren schliesslich die (weissen) Europäer, die sich auf dem Boden der (roten) Ureinwohner ihr Kanada eingerichtet haben.

Bild

Die kanadische Flagge: Eigentlich sind die Farben genau falsch herum. bild: pngall

Noch passender wäre es gar, wenn die beiden Farben durch einen dicken schwarzen Strich voneinander getrennt wären. Denn es gibt nach wie vor einen grossen Graben zwischen den weissen Kanadiern und den 1,4 Millionen Aboriginals im Land.

Selbst für mich als Reisenden sind die Probleme unübersehbar:

Ureinwohner haben Privilegien

Wenn ich weisse Kanadier auf die Probleme mit den Ureinwohnern anspreche, versuchen diese oft zu relativieren: In Yukon sagen mir viele, dass das Zusammenleben hier im Norden besser funktioniere als im Süden des Landes.

Gerne wird auf die Privilegien hingewiesen, welche die Aboriginals geniessen, dass sie sich zum Beispiel nicht an die Jagdvorschriften halten müssen und von den Steuern befreit sind, wenn sie im Reservat leben.

Auch die Entschädigungs- und Unterstützungszahlungen, welche die kanadische Regierung den Aboriginals Jahr für Jahr zukommen lässt, bleiben nicht unerwähnt. Der Tenor ist klar: «Was sollen wir denn sonst noch tun?!»

Die gleichen Aussagen wie in der Schweiz

Ist vielleicht Rassismus die Ursache dafür, dass überproportional viele Ureinwohner arbeitslos, alkohol- und drogenabhängig sind? Meine weissen Fahrer verneinen. Und ich glaube ihnen, wenn sie sagen: «Ich habe kein Problem mit Aboriginals – wenn sie arbeiten und ein anständiges Leben führen.»

Es ist praktisch die gleiche Aussage, die in der Schweiz gerne in Bezug auf Zuwanderer gemacht wird: «Ich habe kein Problem mit Ausländern – wenn sie sich integrieren!» Gegen dieses Credo ist nichts einzuwenden.

Kanada hat auch sonst Ähnlichkeiten mit der Schweiz: Guck! Unten geht's weiter ...

Kanada schafft's auf Platz 6: Das sind die lebenswertesten Länder der Welt

Das Problem ist nur, dass unter Integration jeder etwas anderes versteht: Einigen genügt es, wenn die Zugewanderten arbeiten und sich ans Gesetz halten. Andere erwarten, dass sie sich gleich kleiden wie die Einheimischen, immer und überall die Landessprache sprechen sowie keinen BMW fahren.

Und dann gibt es jene, die Ausländer höchstens dann akzeptieren, wenn sie ihre bisherige Kultur komplett aufgeben und in den örtlichen Jodlerverein oder Schwingerclub eintreten.

Ureinwohner müssen sich anpassen

Anpassung und Integration ist also immer ein schwieriges Thema.

Wenn es um Aboriginals geht, wird es aber besonders kompliziert. Denn seit wann müssen sich jene, die zuerst an einem Ort waren, der Lebensweise der Neuankömmlinge anpassen?

Die Ureinwohner Kanadas können nicht mehr als Nomaden durchs Land ziehen und sich selbst versorgen. Sie gehen zwar nach wie vor auf die Jagd, allerdings nicht mehr auf Pferden mit Pfeil und Bogen, sondern in Jeeps und mit Präzisionsgewehren.

Damit sie sich diese Dinge leisten können, müssen sie logischerweise einen Überschuss erwirtschaften beziehungsweise Geld verdienen. Es stellt sich deshalb die Frage: Wie integriert man sich als Aboriginal ins weisse, industrialisierte Kanada – ohne seine Wurzeln zu verlieren?

Per Autostopp um die Welt – Woche 70: Von Dawson Creek (Kanada) nach Lake Louise (Kanada)

Das ist Charles. Er ist voll integriert in die (weisse) kanadische Gesellschaft. Bild: Thomas Schlittler

«Einige Leute von meinem Stamm bezeichnen mich als Apfel – aussen rot, innen weiss.»

Charles, Aboriginal aus Dawson Creek

Charles hat sich angepasst

Diese Frage beschäftigt Charles bis heute. Er ist geschätzte 40 Jahre alt und fährt mich von Dawson Creek ins 130 Kilometer entfernte Grande Prairie, um seine Tochter von der Schule abzuholen. Charles ist Aboriginal, arbeitet als Mechaniker und bezeichnet sich als voll integriert in die (weisse) kanadische Gesellschaft.

Das gefällt nicht allen: «Einige Leute von meinem Stamm bezeichnen mich als Apfel – aussen rot, innen weiss.»

Charles kann mit solchen Anfeindungen leben. Er ist stolz darauf, dass er selbst für sich sorgen kann und nicht wie andere seines Stammes von den Almosen des Staates abhängig ist: «Für mich zählt nur, dass ich meiner Tochter ein guter Vater bin und dass ich ihr ein sorgenfreies Leben ermöglichen kann.»

Trotzdem bleibt seine Herkunft ein Thema für ihn: «Ich will nicht, dass die Kultur meines Stammes in Vergessenheit gerät.»

Den Balanceakt zu verstehen versuchen

Es gibt kein einfaches Rezept, um den Graben zwischen dem weissen und dem roten Kanada zuzuschütten. Vielleicht würde es den Aboriginals aber helfen, wenn mehr weisse Kanadier versuchen würden zu verstehen, mit welchen Schwierigkeiten es verbunden ist, den Balanceakt zu schaffen zwischen der Bewahrung der eigenen Kultur und einem Leben in der Moderne.

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24
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    Alle Leser-Kommentare
  • atomschlaf 06.10.2016 23:33
    Highlight Highlight Wir werden uns in Europa auch den Einwanderern aus Arabien und Afrika anpassen müssen, wenn wir so weitermachen...
    • Thomas Schlittler 07.10.2016 18:42
      Highlight Highlight Das ist wohl nicht mehr abzuwenden. Wenn es stimmt, was ich hier in den kanadischen Blättern lese, deutet ja alles darauf hin, dass der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) bei den nächsten Parlamentswahlen eine absolute Mehrheit erringen wird. Nicolas Blancho stehe bereits als neuer Bundespräsident in den Startlöchern - und zwar nicht als primus inter pares! Diese Informationen sind allerdings mit Vorsicht zu geniessen. Ich weiss nicht, wie zuverlässig die kanadischen Medien sind ...
  • Hirnwinde 03.10.2016 11:54
    Highlight Highlight "Kanada absurd: Warum muss sich Charles als Ureinwohner den weissen Zuwanderern anpassen?" - eine sehr rassistische Frage. Seit einigen Jahrhunderten sind die Weissen eingeboren in Kanada, aber der Autor betrachtet sie als Fremde, die eben erst hinzugezogen seien.
    Und: es gibt keine lebende Rothaut mehr, die schon vor den Weissshäuten da war.
    Jetzt noch zwischen zwei Klassen von Eingeborenen zu Unterscheiden ist also einfach nur chauvinistischer Weissenhass.
    • Thomas Schlittler 07.10.2016 05:53
      Highlight Highlight Du hast mich ertappt, ich bin ein verkappter Rassist!

      Nein, im Ernst: Auf den "chauvinistischen Weissenhass" gehe ich nicht weiter ein. Das ist mir zu doll.

      Den ersten Teil deiner Kritik finde ich aber durchaus konstruktiv und ich stimme dir zu, dass die heutigen "Weissen" in Kanada genauso zu Hause sind wie die Aboriginals. Aber die Aboriginals gehören eben auch zum Land. Sie haben deshalb mindestens das gleiche Recht, ihre Kultur ausleben zu können. Und ich denke, das wurde in Kanada in der Vergangenheit von vielen "Weissen" vernachlässigt. Darum geht es mir im Artikel.
  • Alnothur 02.10.2016 14:48
    Highlight Highlight "Denn seit wann müssen sich jene, die zuerst an einem Ort waren, der Lebensweise der Neuankömmlinge anpassen?"

    Komisch, hierzulande hat mit dieser Forderung scheinbar kein Linker ein Problem...
    • themachine 02.10.2016 18:57
      Highlight Highlight Inwiefern musst du dich, mal angenommen du bist ein Einheimischer, denn den "Neuankömmlingen" anpassen??
  • Schreiberling 02.10.2016 12:19
    Highlight Highlight Ich hoffe es bessert jetzt etwas. Trudeau probiert, möglichst viel begangenes Unrecht wieder recht zu machen, wenn es irgendwie geht. Aber es ist natürlich klar, dass da viele Fehler gemacht wurden, die sich nicht mehr korrigieren lassen.
    • Thomas Schlittler 07.10.2016 19:25
      Highlight Highlight Bin auch gespannt, was Trudeau hinkriegen wird. Zumindest hat er dem Thema eine höhere Priorität gegeben als viele seiner Vorgänger. Das ist schon mal was.
  • lilie 01.10.2016 21:33
    Highlight Highlight Ein sehr schwieriges und schmerzhaftes Kapitel.

    Das Beispiel von Charles scheint zu zeigen, dass der Weg aus dem Elend nur über die völlige Integration in die Kultur der Weissen führt.

    Dass viele Indigene diesen Weg ablehnen, ist auch verständlich. Aber was könnte eine gangbare Alternative sein? Einfache Lösungen gibt es kaum.

    Es wäre bestimmt schön, wenn sich Weiss und Rot annähern könnten, z.B. mit gemeinsamen Aktivitäten oder dergleichen.

    Hast du etwas mitbekommen, ob es Berührungspunkte gibt? Oder leben Weiss und Rot mehr oder weniger nebeneinander her? Sind z.B. die Schulen gemischt?
    • Thomas Schlittler 09.10.2016 08:37
      Highlight Highlight An einigen Orten scheint das Zusammenleben ziemlich problemlos zu funktionieren. An anderen Orten bietet sich ein ziemlich trauriges, gespaltenes Bild. Wenn sich ein junger Native ins "neue" System integrieren will, scheint das durchaus möglich zu sein. Aber dann ist es halt nicht so einfach, die eigene Kultur beizubehalten ...
  • flugsteig 01.10.2016 19:48
    Highlight Highlight Mensch, nerven mich solche Artikel...
    Es sind nicht immer bloss die Anderen schuld. Jeder ist sich seines Glückes Schmied. Wenn man das Pech hat in einem 3. Weltland oder einem Kriegsgebiet geboren zu werden, ja dann gehts einem dreckig und man kann nichts dafür. Wenn aber jemand in einem Land wie Kanada nichts auf die Reihe kriegt, ist er vielleicht einfach selber schuld.
    So, nun last die Blitze einschlagen...
    • TobaFett 01.10.2016 21:08
      Highlight Highlight Ja jeder ist seines Glückes Schmied. Nur werden einige mit einem funktionierenden und laufenden Hochofen geboren, während andere noch das Eisenerz abbauen und Feuerholz sammeln dürfen...
    • Yelp 01.10.2016 23:18
      Highlight Highlight auch wenn du viele blitze erhalten hast, bin ich deiner meinung. in einem kultivierten land wie kanada kann man es auch als aboriginal schaffen, ein sorgenfreies leben zu führen. ich verstehe die blitzer keineswegs.
    • Mia_san_mia 02.10.2016 08:55
      Highlight Highlight Du sagst es richtig, jeder ist selbst dafür verantwortlich, dass er etwas erreicht.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Eskimo 01.10.2016 18:40
    Highlight Highlight Vielleicht sind die kanadischen Ureinwohner eben gerade deswegen so faul weil sie so viele privilegien geniessen.
    • lilie 01.10.2016 21:46
      Highlight Highlight @Eskimo: So hätte ich es nicht ausgedrückt. Aber ich habe mich schon gefragt, ob die Regierung es sich vielleicht zu einfach macht, indem sie die Indigenen mit Geld abspeist, anstatt echte Perspektiven zu schaffen.
    • fenxi 02.10.2016 12:10
      Highlight Highlight Das sieht man auch in Afrika mit der Entwicklungshilfe. Die Leute werden lethargisch.
      Schon Saint Exupéry schrieb:
      gib den Menschen keinen Fisch! Lerne sie ein Boot bauen un Fischen.
  • Karl Müller 01.10.2016 18:20
    Highlight Highlight Wer die Lebensweise, Mythen und Kultur von nomadischen Jägern und Sammlern beibehalten will, kann nicht gleichzeitig vollwertig an der modernen Konsumgesellschaft teilhaben. Das führt zwangsläufig zu Elend.

    Auch die Weissen haben diese Wurzeln irgendwann verloren, bzw. sie leben höchstens als bedeutungslose Folklore weiter.

    Finde es in diesem Zusammenhang interessant, dass der Verlust der Jagd zu Pferde als Ureinwohner-Tradition angesprochen wird. Denn auch das Pferd kam erst mit den Europäern nach Amerika.
    • lilie 02.10.2016 08:43
      Highlight Highlight @Karl Müller: Ich kenne die Situation in Amerika zu wenig, aber in Namibia und Botswana leben Buschmänner noch nomadisch und praktisch abgekapselt von der Zivilisation. Es wurden Grenzübergänge für sie geschaffen, so dass sie ihre gewohnten Territorien durchstreifen können ohne Rücksicht auf Landesgrenzen. In den Städten sieht man nur selten Buschmänner.

      Die Verelendung geschieht vermutlich erst, wenn Infigene gezwungen werden, in Reservaten zu leben, wo sie ihrer ursprüngliche Lebensweise gar nicht mehr nachgehen können.
    • Thomas Schlittler 09.10.2016 08:43
      Highlight Highlight @Karl Müller: Das sehe ich genauso. Aber was ist die Schlussfolgerung daraus? ... Was die Pferde betrifft: touché! ;-)

  • Mia_san_mia 01.10.2016 17:31
    Highlight Highlight Ich habe gar nicht gewusst, das die Ureinwohner in Kanada auch Aboriginals genannt werden... Aber scheinen noch lustige Typen zu sen, wenn sie am Tag im Casino hocken und gerne saufen und rauchen 😊
    • exeswiss 01.10.2016 18:34
      Highlight Highlight das hat weniger mit lustig sein zu tun, mehr mit depression und frust.
    • Thomas Schlittler 09.10.2016 08:46
      Highlight Highlight Natives, Indians, First Nations, und, und, und - es gibt verschiedene Bezeichnungen. Ich habe mich für "Aboriginal" entschieden, weil mir einige Ureinwohner Kanadas gesagt haben, dass sie diesen Ausdruck bevorzugen.

      @Mia_san_mia: Du bist immer für eine Provokation gut. Ganz Bayern-Fan ... ;-)

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