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Jahrhundertealte Wein-Traditionen sind durch die Erderwärmung in Gefahr. Bild: EPA/EPA

Edvin Uncorked

Wie die globale Erwärmung die Weinwelt schon verändert hat

Madelyne Meyer
Madelyne Meyer

Liebe Weinfreunde und Weinfreundinnen

Kalifornien steckt in Flammen. Die globale Erderwärmung steht nicht mehr vor der Tür, sondern sie ist mit der Tür ins Haus gefallen. Logischerweise ist auch der Weinbau nicht von diesem Debakel verschont. Im Gegenteil:

Der Weinhandel ist 100% von der Natur abhängig.

In unserer Weinkellerei spürten wir die globale Erderwärmung schon vor einigen Jahren. Die Sommer wurden immer heisser und wir konnten den Wein nicht mehr draussen in Tanks klimatisieren. Erstens brachten wir die Temperatur von ca. 12° im Tank nicht mehr hin und zweitens benötigten wir Unmengen an Energie. Deswegen mussten wir immense Investitionen tätigen, um eine Tankhalle, welche ständig auf 13° runter gekühlt ist, zu bauen. Dies spart uns Energie und sorgt für eine konstante Qualität ohne krasse Temperaturschwankungen.

Wie wir wissen, geht einem eine Sache viel näher, sobald es einen selbst betrifft. Durch Gespräche mit unseren und anderen Winzer und Winzerinnen erfahre ich wöchentlich Neuigkeiten über dieses Thema:

Heissere Sommer, wärmere Winter, Dürren und die Art von unerwarteten, manchmal gewalttätigen Ereignissen, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind wie Hagelstürme, Frühjahrsfrost, Überschwemmungen und Waldbrände, um nur einige zu nennen.

Bevor ich hier eine Doktorarbeit schreibe, zu was ich natürlich überhaupt nicht fähig wäre, ;-) werde ich euch 4 grössere Veränderungen und Reaktionen in der aktuellen Weinkultivierung aufzeigen.

Südhang ist nicht mehr die It-Location

Wenn Weinlagen Wohnlocations wären, dann wären die Südhänge diejenigen mit Seeanstoss. Jahrzehntelang galten nur Süd-Ost-Hänge (nördliche Hemisphäre) als das Wahre, da die Reben von Morgens bis Abends in der Sonne schwelgen konnten. Jetzt ist es vielen zu heiss da, produzieren zu viel Zucker, werden fett und enden als schwere, alkoholintensive Weine mit mangelnder Finesse.

Es kommt natürlich immer auf die individuelle Situation an, aber viele Weingüter sind effektiv drauf und dran, nach Norden gerichtete Lagen zu finden, um ihren Reben ein wenig Kühle zu spenden, so dass sie ihre Säure behalten.

WinzerInnen werden Bergkletterer

Schon heute werden Weinberge in Höhenlagen kultiviert, welche schwindelerregend sind.

Es gibt keine festen Regeln, die die Höhe begrenzen, in welcher Reben gepflanzt werden dürfen. Dies hängt nämlich vom Klima einer Region, von der Qualität des Lichts, dem Zugang zu Wasser und der Traubensorte ab. Aber es liegt auf der Hand, dass die Weinberge mit der Erderwärmung in immer höhere Lagen wandern, denn da oben findet man das kühle Klima, welches für freshe Weine sorgt.

Ihr habt es erahnt: Man versucht, der Hitze zu weichen, um Kühle zu finden, so dass die Weine fresh bleiben und nicht allzu plump enden.

Wenn über extreme Höhenlagen geredet wird, dann meint man Lagen, welche sich auf 900 m.ü M und 1'500 m.ü M befinden. Auch wir in der Schweiz haben Schwein mit unseren Alpen. Unterhalb des Dorfes Visperterminen (VS), auf 1'150 Meter, liegt der höchste Weinberg Europas. Der Traubensorte Heida da oben geht es prächtig und sie muss sich keinen abschwitzen.

WinzerInnen suchen das Weite

Der Wein­bau ist nicht abenteuerlustig. Das Klima legt ihm schon genug Steine in den Weg. Deswegen konzentriert er sich auf die massvollen Zonen der Erdkugel. In Europa liegen sie zwischen dem 40. und 50. Breitengrad, in Amerika und auf der südlichen Halb­ku­gel zwischen dem 30. und 40. Brei­ten­grad. No risky business mit Wüste und Eis, danke.

Da sich das Klima erwärmt hat, beweisen neue Regionen, die früher als zu kalt galten, dass auch sie Weltklassewein produzieren können, solange die anderen Elemente (Terrain, Bodenbeschaffenheit) in Ordnung sind. Auf der Suche nach den besten Lagen ziehen heute schon Weinproduzenten in der nördlichen Hemisphäre nach Norden und in der südlichen nach Süden.

Eine Entdeckung, die ich in diesem Zusammenhang gemacht habe, ist Schaumwein aus Grossbritannien. Blind sind Schaumweine aus dem Süden Englands nicht von einem Champagner zu unterscheiden. Holy Shit! Dies vor allem, weil sie auch von einem sehr kalkhaltigen Boden profitieren.

Aber Vorsicht: Diese Regionen, ausser Patagonien, sind noch sehr experimentierfreudig unterwegs. Der Weg, ähnliche Weinqualität wie diejenige der Südeuropäer zu erreichen, ist noch lange.

Auswechselspieler

Für viele Produzenten, insbesondere kleinere Familienbetriebe oder solche in historischen Appellationen, sind neue Reblagen in kühleren Umgebungen keine Option. Stattdessen müssen sie sich überlegen, ob sie das Wesen dessen, was sie – in einigen Fällen seit Jahrhunderten – getan haben, verändern wollen.

Das könnte bedeuten, dass sie die Rebsorten, die seit langem mit ihrer Region verbunden sind, hinter sich lassen und diejenigen auswählen müssen, die «für» die Klimaveränderung besser geeignet sind. OMG, scandalous.

Es mag unmöglich erscheinen, sich Bordeaux ohne Cabernet Sauvignon und Merlot oder Champagner ohne Pinot Noir und Chardonnay vorzustellen, aber die Aussicht auf eine viel wärmere Zukunft könnte es selbst in den berühmtesten Weinregionen erforderlich machen, ihre Methoden zu überdenken.

Die Weinwelt revolutionieren? Traditionen brechen? Das hält doch kein Patron aus?!

Wir können gespannt darauf sein, welche strenge Weinregionen sich für Rebsortenexperimente entscheiden und diese dann tatsächlich im regulären Weinbau erlauben! Das wäre der Füdlibluttiwahnsinn.

Wie viel mehr Flexibilität müssen WinzerInnen in Zukunft noch üben?

Während das Wetter immer wieder überrascht, wussten erfahrene WinzerInnen im Allgemeinen, was sie zu erwarten hatten. Mit dem Klimawandel trifft das nicht mehr zu. Nun sind sie praktisch gezwungen, viel willkürlicher Flexibilität an den Tag zu legen.

Ich denke oft an sie. Diese Helden, die bei Wind und Wetter da draussen stehen, um (für uns) einen einzigartigen Wein herzustellen. Es wird bestimmt nicht einfacher. Was ich aber in der Schweiz beobachte, ist, dass viele WinzerInnen sich rege über nachhaltigen Weinbau austauschen. Seien dies Themen über Biodynamik, pilzresistente Rebsorten, neue Erziehungssysteme, Biodiversität, CO2 etc.

Das macht mich stolz.

In diesem Sinne. Hebet eu fescht.

Madelyne

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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • HugiHans 11.09.2020 13:10
    Highlight Highlight Bis vor rund 30 Jahren galt in der Schweiz bei den meisten Winzern noch die Quantität als einziges Kriterium im Rebbau. Es ist erfreulich wie sich seither die Entwicklung in Richtung Qualität und Nischenprodukte entwickelt hat. Sowohl beim Anbau wie auch bei der Arbeit im Keller nach der Ernte. Ich bin sicher mit den Erfahrungen und der Vernetztheit aus diesen Jahren werden die Winzer auch diese neue Herausvorderung meistern 👍. Wir als Konsumenten dürfen uns freuen 😊
    • Madison Pierce 11.09.2020 15:55
      Highlight Highlight Absolut einverstanden. Mein Grossvater hat Schweizer Wein höchstens als Kochwein verwendet. Zuhause wurden deshalb vorwiegend italienische Weine getrunken, ausser mal ein "Eidechsenwein" zum Fondue.

      Seit einiger Zeit konsumiere ich hauptsächlich regionale Weine. Diese kann man häufig direkt auf den Weingütern oder bei den Weinbaugenossenschaften kaufen und erfährt im Gespräch vieles über die Herstellung und die Leute dahinter.

      Ich bin begeistert. Es wird experimentiert und optimiert, bei den Sorten, der Pflege (Bio) und der Verarbeitung. Die Leute sind voller Leidenschaft am Werk.

Emma Amour

«Er will aus religiösen Gründen keinen Sex vor der Ehe ...»

Hoi Ronja,

ich habe mir jetzt eine Weile überlegt, wo wir bei dir anfangen sollen. Ich habe mich für den Mann entschieden, mit dem du chattest und den du anziehend findest. Was ich enorm gut verstehen kann. Alles ist neu, prickelnd, aufregend.

Ihr seid beide in nicht befriedigenden Beziehungen und träumt wohl beide immer wieder davon, daraus auszubrechen. Hier schaukelt ihr euch möglicherweise gegenseitig hoch.

Ob da tatsächlich wahre romantische Gefühle dahinterstecken, wage ich zu bezweifeln. …

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