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Interview

Krypto-Experte Schär: «DeFi ist höchst interessant – aber für Spekulanten extrem riskant»



2017 herrschte in der Kryptoszene Goldgräberstimmung. Täglich entstanden neue, immer noch verheissungsvollere (aber auch fragwürdigere) Blockchain-Projekte. Ihre Coins landeten über sogenannte ICOs in den Händen gieriger Spekulanten und Glücksritter, die sich auf alles stürzten, was Blockchain-Technologie versprach.

Die ICO-Bubble platzte spätestens 2018, hinterliess einen Scherbenhaufen und viele hängende Köpfe.

So gross der Hype um ICOs 2017 war, so gross ist der Hype derzeit um «DeFi». «DeFi» oder «Decentralized Finance» ist so aufregend wie umstritten. Für die einen bietet DeFi enormes Potential und viele spannende Anwendungen, die anderen sehen in DeFi nur eine weitere Spekulations-Blase. Doch was ist DeFi überhaupt? Und was ist berechtigt – die Euphorie oder eher die Kritik?

Einer, der die Antworten kennt, ist Prof. Dr. Fabian Schär von der Universität Basel. Er hat dazu soeben ein vielbeachtetes Papier geschrieben.

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Prof. Dr. Fabian Schär hält die Credit Suisse Asset Management (Schweiz) Professur für «Distributed Ledger Technology (Blockchain) / FinTech» und ist Geschäftsleiter des Center for Innovative Finance an der Universität Basel.

Herr Schär, was ist DeFi?
Prof. Dr. Fabian Schär:
DeFi steht für «decentralized finance» – für «dezentrale Finanzdienstleistungen». Die Grundidee ist der Versuch, Finanzdienstleistungen, Märkte und Infrastrukturen zu demokratisieren und komplett offen zu gestalten. So dass jede Person teilnehmen kann, ohne auf Intermediäre, also einzelne Finanzinstitute, angewiesen zu sein.

Es geht also um komplexere Vorgänge/Produkte als blosse Transaktionen auf einer Blockchain.
Richtig. Das können Tauschbörsen sein, das kann ein Fonds sein. Das kann ein Kredit sein. So können gewisse Gegenparteirisiken eliminiert und die Vorgänge effizienter gestaltet werden.

Früher musste man dafür zur Bank. Wer spielt bei DeFi die Bank?
DeFi basiert auf sogenannten «Smart Contracts». Man kann sich einen Smart Contract wie eine kleine App vorstellen, ein Progrämmchen, das auf der Blockchain hinterlegt ist. Diese Smart Contracts können Guthaben verwahren und die Auszahlung an verschiedenste Bedingungen knüpfen.

Offenlegung der Interessensverbindung

Der Autor dieses Interviews besitzt Bitcoin und Ether.

Und dieser Smart Contract gibt mir dann zum Beispiel einen Kredit?
Zum Beispiel – aber nicht nur. Man kann DeFi-Produkte in zwei Gruppen unterteilen. Die erste Gruppe besteht aus Produkten, welche wir bereits vom traditionellen Finanzsystem kennen: Tauschbörsen, Fonds, Derivate – alle diese Produkte werden nun auch in DeFi abgebildet. Auf der anderen Seite entstehen aber auch neue Dinge, welche im traditionellen System nicht abbildbar sind.

Aha. Jetzt wird's interessant. Wieso kann DeFi andere Produkte anbieten als herkömmliche Finanzdienstleister?
Smart Contracts sind wie Legoklötze. Sie lassen sich fast beliebig kombinieren. In der Fachsprache nennt sich das Composability – oder Interoperationalität. Wie bei Lego kann man bei DeFi mit ein paar kleinen einfachen Teilen etwas Grosses, Komplexes erschaffen. Im Prinzip ist DeFi ein schöner Einblick in das, was «Open Banking» theoretisch sein könnte.

Können Sie uns ein Beispiel einer konkreten Anwendung nennen, die nur in diesem DeFi-System möglich ist?
Eine der spannendsten Anwendungen sind sogenannte «Atomic Swaps». Die Idee dabei ist, dass zwei Transaktionsteile so aneinander geknüpft werden, dass sie nur gemeinsam abgewickelt werden können. Schlägt einer der beiden Teile fehl, ist der andere Teil ebenfalls ungültig. Dies ist insbesondere bei Tauschgeschäften sehr spannend, da diese Technologie Clearing Häuser und andere Intermediäre obsolet machen könnte.

Flashloans sind ein anderes Beispiel. Das sind Darlehen für eine extrem kurze Zeit – so kurzzeitig, dass sich im Prinzip sämtliche Vorgänge gleichzeitig abspielen: die Kreditaufnahme, die Nutzung des Kredits und die Rückerstattung. Im Unterschied zu herkömmlichen Krediten müssen dazu keine Sicherheiten hinterlegt werden und kein Vertrauensverhältnis mit der Gegenpartei bestehen. Trotzdem hat man aufgrund der Eigenheiten der Blockchain die Garantie, dass die Darlehen komplett zurückbezahlt werden. Ein hochspannendes Konzept.

Für den Laien tönt das mehr nach Spielerei. Haben Flashloans auch einen konkreten Anwendungszweck?
Die zwei häufigsten Anwendungsfälle sind: Arbitrage – wenn jemand Marktineffizienzen nutzen möchte –, also beispielsweise unterschiedliche Preise auf zwei Tauschbörsen. Da musste jemand bisher sehr viel Geld mitbringen, um die Arbitragemöglichkeit nutzen zu können. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Besteht eine solche Marktineffizienz, kann diese von jeder Person geschlossen werden, unabhängig vom eigenen Vermögen. Dadurch wird der Markt zugänglicher, offener und potentiell effizienter. Die andere Anwendung ist für Portfolioumschichtungen, die ohne Flashloans sehr viele Transaktionsschritte umfassen würden. Durch einen kurzfristigen Kredit über solche Flashloans lässt sich die Transaktion oft deutlich effizienter gestalten.

Sie sprechen von Smart Contracts – sie sind eine Domäne des Ethereum-Universums.
Nicht nur. Aber Stand heute, von den Protokollen her und der Menge und der Qualität der Entwickler ist Ethereum in Sachen Smart Contracts generell und DeFi im Speziellen führend. Alles, was relevant ist in dem Bereich, passiert im Moment auf Ethereum. Das heisst nicht, dass das auf alle Zeit zwingend so bleiben muss. Es gibt viele Konkurrenzplattformen und man weiss nicht, was die Zukunft bringt.

Ethereum ist nicht unumstritten. Die Liste der Vorwürfe, vor allem von Bitcoin-Puristen, ist lang: Ethereum sei zu wenig dezentral, die Gesamtmenge der Coins der Währung Ether undurchsichtig, eine Full-Node sei ein Ding der Unmöglichkeit, die Transaktionskosten sind hoch ...
Ich kenne die Argumente. Ich muss Ihnen aber sagen, dass ich das Ausspielen von Ethereum und Bitcoin gegeneinander nie verstanden habe und nie verstehen werde. Beide Projekte sind hochspannend und beide erfüllen einen komplett anderen Zweck.

Aber Fakt ist: Die Transaktionskosten von Ethereum sind in die Höhe geschossen. Eine einzige Transaktion kann hundert Dollar oder mehr betragen.
Hohe Transaktionskosten sind eine Folge von intensiver Nutzung. Bitcoin hatte Phasen mit ähnlichen Preisen. Am Ende werden sie vom Markt bestimmt. Und weil im Moment sehr viel los ist bei Ethereum, steigen entsprechend die Transaktionskosten. Die Alternative wären stark zentralisierte Systeme, die zwar deutlich geringere Transaktionskosten haben können, dafür aber ganz andere Probleme mit sich bringen. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass die hohen Gebühren in öffentlichen und dezentralisierten Blockchain-Netzwerken ein Problem darstellen. Vor allem für kleinere Teilnehmer. Aber daran wird gearbeitet.

Inwiefern?
Zum Beispiel mit der Entwicklung von Ethereum 2.0, einer zweiten Version, welche die erste ablösen bzw. einschliessen wird. Und dann gibt es sogenannte Layer-2-Lösungen – sowohl bei Bitcoin als auch bei Ethereum. Sie spielen eine Ebene über der eigentlichen Blockchain. Gewisse Verarbeitungsschritte können ausgelagert werden und die Blockchain wird nur noch im «Disputfall» benötigt. Ich persönlich bin sehr zuversichtlich, dass diese Lösungen in Zukunft breite Anwendung finden werden. Ob die dominanten Systeme letztlich auf Bitcoin oder Ethereum basieren oder auf anderen Blockchain-Lösungen, wird sich zeigen.

Auch die einzelnen DeFi-Projekte stehen in der Kritik. Immer wieder hört man von sogenannten «Exploits» – dem Ausnutzen von Programmierfehlern durch Hacker. Und das bei Projekten, in die Spekulanten bereits hunderte von Millionen investierten.
Die häufigsten Fehler sind Coding- oder Logik-Fehler in den Smart Contracts. Diesen Fehlern kann man – zumindest teilweise – vorbeugen, indem man die Codes vorher von externen Spezialisten prüfen lässt (auditen). Das weitaus grössere Problem sind ökonomische Angriffe, die sich über ein Audit nur schwer identifizieren lassen. Hier greift das System einer Versicherung, die einerseits einen gewissen Schutz bietet, andererseits aber auch als Indikator für die Komplexität dient. Sobald die relative Nachfrage für eine Versicherung steigt, kann dies ein Indikator für die wahrgenommene Unsicherheit eines Protokolls sein.

Für den Laien und Spekulanten ist nur sehr schwer erkennbar, ob ein DeFi-Projekt sauber programmiert wurde. Und der Boom hat auch Abzocker angezogen.
Das gilt nicht nur für DeFi, sondern für den gesamten Blockchain-Space. Ein dermassen grosser Hype zieht alle möglichen Teilnehmer an. Auf der einen Seite innovative Leute, welche neue Protokolle erschaffen, auf der anderen Seite Leute, welche mit allen möglichen Mitteln versuchen, die Teilnehmer auszunehmen.

Man kann nur zur Vorsicht raten.
Absolut. Sich aufgrund der Jagd nach Rendite für DeFi zu interessieren, ist eine wirklich, wirklich schlechte Idee. DeFi ist höchst interessant – und für Investoren höchst riskant. Auch wenn man nur mit einem kleinen Betrag «herumspielt»: Man muss sich bewusst sein, dass sich DeFi in der Experimentierphase befindet und alles Mögliche schief gehen kann.

Was kann denn neben den besagten Programmier- oder Logikfehlern noch alles schief gehen?
Ja, die erwähnte Baustein-Charakteristik von Smart Contracts kann beispielsweise auch zum Problem werden. Wenn die Protokolle unkontrolliert aneinander geknüpft werden und die Liste der Abhängigkeiten immer länger wird, kann dadurch ein immer komplexeres Konstrukt entstehen ...

... der Turm zu Babel ...
... und dann kommt es in diesem Turm irgendwo zum Knall. Das kann extreme Auswirkungen auf das gesamte System haben. Mir persönlich macht das ein bisschen Angst. Das kann eine ähnliche Dynamik haben wie damals bei der Hypotheken-Krise in den USA, als die vielen Verknüpfungen im Bankensystem am Ende zum grossen Sub-Prime-Knall führten. Man muss sich der Risiken dieser Verknüpfungen bewusst sein. Auch wenn DeFi in der Theorie komplett transparent ist, muss zwischen theoretischer und praktischer Transparenz unterschieden werden. Es bringt nichts, wenn die Daten zwar da sind, diese aber nur durch die wenigsten Personen und in sehr aufwendigen Verfahren ausgewertet werden können.

Ich möchte gerne noch einen weiteren Vorwurf aufnehmen: Vielen DeFi-Projekten wird Etikettenschwindel vorgeworfen. Bereits das «De», also das «Dezentrale», sei gelogen.
In der Theorie können DeFi-Projekte sehr stark dezentralisiert sein. In der Praxis ist es aber auf der Protokollebene so, dass – Stand heute – sehr, sehr viele zentralisierte Elemente vorgefunden werden. Sei es, dass die Entwickler die Smart Contracts unbeschränkt upgraden können, über Proxys, auf denen die Logik quasi beliebig ausgetauscht werden kann, sei das über Governance-Token, die Stimmrechte verkörpern, aber in den Händen von ein paar wenigen Personen sind, oder über stark zentralisierte externe Datenquellen – sogenannten «Oracles».

Es gibt sehr viele Möglichkeiten von Sonderrechten in den Protokollen. Nur bei wenigen Ausnahmen kann auf der Protokollebene wirklich von Dezentralisierung gesprochen werden. Etwas ketzerisch könnte man aber auch argumentieren, dass ein gewisser Grad von Zentralisierung durchaus positive Aspekte haben kann. Letztlich ist es einfach wichtig, dass die Natur der Projekte korrekt ausgewiesen wird und der Nutzer exakt Bescheid weiss, welche Risiken existieren.

Apropos ketzerisch. Ihr DeFi-Übersichts-Papier wurde ausgerechnet vom Hausjournal der amerikanischen Zentralbank veröffentlicht. Die amerikanische Zentralbank ist in den Augen hartgesottener Bitcoiner das Grundübel schlechthin.
Vielleicht ist das paradox. Vielleicht zeigt es aber auch, dass die Schwarz-Weiss-Bilder, auf die gerne zurückgegriffen wird, so nicht korrekt sind. Auch in diesen Institutionen existieren sehr unterschiedliche Meinungen und auch dort gibt es Leute, die sich mit innovativen Dingen beschäftigen. Insbesondere bin ich aber kein Fan von Feindbildern. Auch wenn ich persönlich ein grosser Verfechter von dezentralen und offenen Systemen bin, heisst das nicht, dass alle zentralisierten Aspekte zwingend schlecht sein müssen. Letztlich sollte man sich auch bewusst sein, dass das St. Louis Fed zwar Herausgeber des Journals ist, der Artikel aber von mir stammt und somit nicht zwingend die Meinung der Zentralbank widerspiegelt. In jedem Fall ist es aber ein schönes Zeichen, dass eine solche Publikation angenommen wird. Das ist etwas, das für einen funktionierenden Diskurs innerhalb einer Institution und für einen offenen Umgang mit Innovation spricht.

Was raten Sie jemandem, der sich nun für DeFi interessiert?
Die beste Investition ist immer jene in die eigene Weiterbildung. Das Verständnis für diesen Bereich wird in Zukunft enorm wertvoll sein. Man lernt viel über Informatik. Man lernt viel über das Finanzsystem, man lernt sehr viel über Blockchain – Dinge, die hochrelevant sind und zunehmend sein werden. Wenn ich darf, möchte ich gerne darauf hinweisen, dass das Center for Innovative Finance der Universität Basel ab März sämtliche Blockchain-Vorlesungen komplett öffnet und kostenlos zur Verfügung stellt. Ab Mitte Jahr wird man so Zugang haben zu einer kompletten Einführungsvorlesung in die Blockchain-Technologie. Wir gehen dabei ziemlich in die Tiefe der ökonomischen Zusammenhänge, Anreizsysteme und der Kryptographie. In den nächsten Semestern wird dann jeweils eine neue Vorlesung dazukommen. Wir beginnen mit dem Bitcoin-Protokoll, in einer zweiten Vorlesung werden dann Smart Contracts und weitere Blockchain-Protokolle angeschaut.

Anm. der Red.: Als kleinen Vorgeschmack finden Sie hier ein Kurzreferat zum Thema Bitcoin und Krypto-Assets.

Zum Abschluss möchte ich Sie noch zur aktuellen Lage befragen. Einige institutionelle Anleger sind mit sehr grossen Beträgen in Bitcoin eingestiegen. Ist das der Anfang oder das Ende?
Ich glaube, wir stehen nun an einem Punkt, an dem es in alle Richtungen gehen kann. Es gab in den letzten Jahren, auch während der Baisse, immer wieder Hinweise, dass institutionelle Anleger immer mehr Interesse zeigten.

Eine erfreuliche Entwicklung ist sicher, dass auch die grossen Player langsam zu begreifen scheinen, dass sich die wirklichen Innovationen nur auf öffentlichen Blockchains ereignen können. Es gab eine Phase, da wollte jeder seine eigene Blockchain haben, was natürlich absurd ist. Eine private Blockchain ist nichts anderes als eine normale Datenbank. Dieses Verständnis setzt sich langsam durch.

Aber wohin es wirklich gehen wird … das hängt von sehr vielen Faktoren ab, so dass es meiner Meinung nach unseriös wäre, eine Prognose abzugeben.

Die nächsten Jahre, das nächste Jahrzehnt, wird sicherlich sehr, sehr spannend.

DANKE FÜR DIE ♥
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