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Epidemiologe Marcel Salathé schlägt gemeinsam mit anderen Wissenschaftern vor, dass die Schweiz in der Corona-Krise die Methode

Marcel Salathé lehrt digitale Epidemiologie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL). Bild: Keystone/CYRIL ZINGARO

Interview

«Ohne neue dominante Variante besteht Hoffnung für die zweite Jahreshälfte»

Was sollen wir von den Öffnungen halten, wenn die Zahlen eigentlich auf eine unsichere Situation hindeuten? Epidemiologe Marcel Salathé erklärt es uns.

Cet article est également disponible en français. Lisez-le maintenant!
Jacqueline Pirszel
Jacqueline Pirszel



Es ist keine leichte Aufgabe, die seltsame Situation, in der sich die Schweiz befindet, zu entschlüsseln. Laut BAG sind vier von fünf Kriterien für Öffnungen nicht erfüllt, dennoch hat der Bundesrat beschlossen, zu lockern. Man erinnere sich: Der Bundesrat selbst hat diese Kriterien festgelegt, um die Pandemie mit verschiedenen Massnahmen effektiver zu bekämpfen.

«Zahlen, wie beispielsweise die täglichen Fallzahlen, sind nicht mehr die einzigen Faktoren, welche politische Entscheidungen beeinflussen.»

Marcel Salathé, digitaler Epidemiologe EPFL

Das ehemalige Mitglied der Taskforce (er ist vergangenen Februar ausgetreten) Marcel Salathé beantwortet unsere Fragen, um ein klareres Bild von der Situation zu schaffen. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen hat er die Organisation CH++ gegründet, deren Ziel es ist, dem Land einen neuen Schub zu geben. Denn die Bundesverwaltung sei manchmal Jahrzehnte im Rückstand, wenn es um die Nutzung moderner Technologien gehe, sagte er zum Zeitpunkt seines Rücktrittes.

Herr Salathé, die Diskrepanz zwischen den Aussagen des BAG vom Dienstag und den Entscheidungen des Bundesrates vom Mittwoch erwecken den Eindruck, dass die Expertinnen und Experten erneut überhört wurden. Teilen Sie diese Ansicht?
Marcel Salathé: Das kommt darauf an. Man muss immer alle Argumente sehen. Ich stimme Ihrer Beobachtung zu, dass vier der fünf Kriterien nicht mehr gültig zu sein scheinen. So gesehen ist es in Bezug auf die Kommunikation tatsächlich kein gutes Signal. Es erschwert auch das Verständnis der Situation. Zu Beginn der Pandemie war es noch einfacher, die Dinge klar zu kommunizieren, da das damals unbekannte Virus eine neue Herausforderung darstellte. Jetzt, da man mehr weiss, ist die Situation komplexer, und um so wichtiger wird die klare Kommunikation. Man sieht auch, dass die Meinungen in den sozialen Medien mittlerweile von einem Extrem ins andere gehen: Entweder findet man die politischen Entscheidungen gefährlich oder genial. Politisch muss das extrem schwierig sein.

Was halten sie von den neuen Öffnungsschritten? Eine gute oder schlechte Idee?
Das hängt von der Perspektive ab. Wenn es darum geht, die Covid-19-Zahlen zu senken, dann nein, ist es keine gute Idee. Wenn es darum geht, mehr Freiheiten zu erlassen, dann ja, scheint es eine gute Idee zu sein ... für den Moment.

Die Deutschen waren empört von der politischen Haltung der Schweiz, während die Schweizer Presse die Massnahmen als kühn oder mutig bezeichnete. Sie?
«Mutig» – das ist ein gutes Wort, da es sich um eine Risikostrategie handelt. Mit den Öffnungen der Skipisten im Winter hat die Schweiz bereits einen eigenen Weg eingeschlagen. Unsere europäischen Nachbarn haben uns damals auch kritisiert und schlussendlich muss man sagen, dass das Offenhalten der Skipisten gar nicht so schlecht war. Aber wenn die täglichen Fallzahlen explodieren sollten, wäre das Risiko für die Schweiz – nebst der Verschlechterung der Gesundheit natürlich – dass sie sich auf der roten Liste anderer Länder wiederfinden würden. Somit gäbe es eine Art internationale Quarantäne.

Haben Sie nicht den Eindruck, dass die monatelange Bemühungen und Massnahmen umsonst waren?
Nein, nicht umsonst, aber es besteht die Gefahr, gewonnene Vorteile zu verlieren, denn die Zahlen haben in den letzten Monaten tatsächlich nach unten tendiert. Im Moment ist die britische Variante das Problem. Es ist wie eine Epidemie in der Epidemie. Die meisten Fälle stammen von dieser Variante. Mit den Wiedereröffnungen ist also eine Zunahme der Fälle zu erwarten. Die grosse Frage wird sein, ob der Anstieg der Fälle explosiv sein wird. Alles wird von der Effizienz der kombinierten Massnahmen wie zum Beispiel der Impfungen und der Massentests abhängen.

Was denken Sie über die Wirksamkeit der Selbsttests?
Es ist wichtig zu beachten, dass ein negatives Ergebnis Vorsicht erfordert. Wenn das Ergebnis positiv ausfällt, sind Sie höchstwahrscheinlich infiziert. Aber wenn Sie ein negatives Ergebnis erhalten, können Sie immer noch infiziert sein. Man muss deshalb vorsichtig bleiben. Aber die sofortige Möglichkeit, in Isolation gehen zu können, wenn der Selbsttest eine Infektion mit SARS-CoV-2 anzeigt, ist einer der Hauptgründe, wieso diese Tests einen epidemiologischen Effekt haben können.

Was ist mit den Impfungen? Bis heute haben 8 Prozent der Bevölkerung bereits zwei Impfdosen erhalten. Ist das zufriedenstellend?
Nein, gar nicht zufriedenstellend. 8 Prozent sind sehr schwach. Wir sind viel zu langsam, und wenn man sieht, wie schnell andere Länder impfen, ist das sehr demoralisierend für die Schweizer Bevölkerung. Wissenschaftlich gesehen sollten wir uns nicht zu stark mit anderen Ländern vergleichen, aber es verdeutlicht den Effekt, von dem ich spreche. Die Israelis, die Amerikaner und die Briten sind effizienter als wir und wahrscheinlich werden diese drei Nationen schneller zur Normalität zurückkehren können. Wir müssen die Impfungen beschleunigen. Das ist eine wichtige Lösung für das Problem.

Sie sprechen von der Moral der Bürgerinnen und Bürger. Sind wir nicht an einem Punkt angelangt, an dem die Behandlung der allgemeinen Niedergeschlagenheit den wissenschaftlichen Daten vorgezogen werden muss?
Die psychische Gesundheit ist sehr wichtig und wird von der wissenschaftlichen Forschung genau verfolgt. Die kürzlich getroffenen Entscheidungen scheinen durch den Parameter der psychischen Gesundheit beeinflusst worden zu sein. Aber auch hier ist die Strategie riskant. Kolleginnen und Kollegen auf dem Gebiet der psychologischen Gesundheit haben gezeigt, dass es zwischen der Anzahl Depressionen und der Anzahl Covid-Fälle eine Korrelation gibt. Aufgrund dieser Beobachtungen könnte man aus psychologischer Sicht auch Massnahmen ergreifen, welche die Zahl der Fälle reduzieren.

Wie lauten Ihre epidemiologischen Prognosen für den Sommer 2021?
Wir werden wieder mehr Alltag leben und hoffentlich wieder reisen können. Das internationale Reisen wird wohl auch von der Entwicklung des Impfpasses abhängen. Die technologischen Wissenschaften werden die notwendige technologische Hilfe leisten. Für die Entwicklung der Pandemie werden die nächsten Monate entscheidend sein. Ohne eine neue dominante Variante besteht Hoffnung, die Situation zwischen Sommer und Winter 2021 einigermassen unter Kontrolle bringen zu können.

Hinweis

In einer ersten Version des Interviews hatten sich einige Ungenauigkeiten in der Übersetzung eingeschlichen. Wir haben diese bereinigt.

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie
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