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Swiss fencer Max Heinzer, right, fights against  Jean-Michel Lucenay of France during the final of the team event at the Grand Prix Bern epee fencing world cup tournament in Bern, Switzerland, Sunday, October 26, 2014. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Im Schweizer Fechtsport tobt ein verstörender Kampf um die Führung im Verband. Externe Beobachter sind besorgt. Bild: KEYSTONE

Mobbing, Vetternwirtschaft und psychische Gewalt – Machtkampf erschüttert den Fechtsport

Am Samstag wählen die 52 Schweizer Fechtclubs einen neuen Verbandspräsidenten und sechs Vorstandsmitglieder. Die Gräben sind tief, die Gangart rau. Vorwürfe von Vetternwirtschaft und Mobbing stehen im Raum. Sie kommen von den Athleten. Sie äussern sich hier anonym, aus Angst vor Repressalien.

rainer sommerhalder, simon häring / ch media



In feinen Adelshäusern ging es im Duell mit Degen und Säbel um Leben oder Tod. Der Begriff «die Klingen kreuzen» zielt mitten in die DNA der Traditionssportart mit akademischem Hintergrund. Wer sich die martialische Geschichte des Fechtens vor Augen führt, dürfte über die aktuelle Auseinandersetzung rund um die Vorstandswahlen im Schweizer Fechtverband nicht überrascht sein. Wer die üblichen Gepflogenheiten in der beschaulichen Schweizer Sportlandschaft als Massstab nimmt, hingegen schon.

Seit Monaten tobt ein Streit um die künftige Führung, um die Ausrichtung und um Kompetenzen und Verfehlungen der Funktionärsklasse. Die Präsidenten der 52 Schweizer Fechtklubs kommen angesichts der Mailflut vor der samstäglichen Generalversammlung mit Lesen kaum mit. Auf jede Wortmeldung folgt eine Replik. Halbwahrheiten machen die Runde.

Ein tiefer Graben hat sich geöffnet

Wie bei einem Teamduell wollen zwei scheinbar unversöhnliche Lager die sieben Positionen des künftigen Vorstands einnehmen. Es wird eindringlich vor der jeweils anderen Macht gewarnt. Die aktuelle Führung ruft auf beinahe schon penetrante Weise dazu auf, ausschliesslich die fünf Personen aus ihrem Lager zu wählen. Die Gegner nennen es eine Abwehrschlacht zur Verhinderung von neuen Köpfen und Ideen. Dies habe zu schmerzhaften und unnötigen Gräben in der Fechtfamilie geführt. Die Szenerie erinnert an einen politischen Wahlkampf. Donald Trump hätte seine Freude an den gewählten Stilmitteln.

Die Ausgangslage: Der Genfer Anwalt Olivier Carrard tritt nach 17 Jahren als Präsident ab. Zusammen mit seinem Schwager und Elitesportverantwortlichen Gabriel Nigon bildete er während Jahrzehnten ein kongeniales Duo an der Verbandsspitze, das den Fechtsport professionalisierte, sportlich grosse Erfolge feierte, aber offensichtlich auch ein gehöriges Polarisierungspotenzial bot.

Eigentlich hätten die Wahlen mit total vier Austritten aus dem Vorstand bereits im März 2020 stattfinden sollen. Die Führung verschob sie aber kurzfristig. Kritiker werfen ihr vor, man sei von der eingereichten Kandidatur eines alternativen Vorstands unter Federführung des Freiburger Kampfrichters Daniel Buchs überrascht gewesen und hätten auf diese Weise den drohenden Machtwechsel verhindern wollen.

Nur wer zur «Familie» gehört, wird gefördert

Weil die Verschiebung der Wahlen gemäss einem juristischen Gutachten der «Reformer» rechtswidrig gewesen sei, wandten sich 19 Klubs mit einer Beschwerde an die Ombudsstelle des Verbandes. 14 Vereine gingen später bei der Schlichtungsbehörde Bern-Mittelland juristisch gegen die Statutenverletzungen vor. Nach einer vermeintlichen Einigung bei der Ombudsstelle im Sommer warfen sich die zwei Lager in Folge gegenseitig Wortbruch vor.

Der juristische Kampf ist nur ein Detail aus einem ganzen Strauss an Vorwürfen an die alte Garde. Missstände bei der Führung des Verbandes werden angeprangert. Der Vorstand schalte und walte ohne Kontrolle, vergebe Jobs unter der Hand, vermische durch ständige Einflussnahme die strategische und operative Ebene und bevorzuge einen kleinen Kreis an Wohlgesinnten offensichtlich. Daniel Buchs, der inzwischen vom Bieler Christoph Gächter als möglicher Verbandspräsident der Reformer abgelöst wurde, sagt:

«Entweder gehört man zum Kreis der Familie oder nicht. Wer nicht dazugehört, wird früher oder später ausgebootet».

So sei es auch ihm ergangen.

Mobbing-Vorwürfe von Athletenseite

Heftige Vorwürfe zielen dahin, dass die Führungsphilosophie auf Vetternwirtschaft, Unterdrückung und Angstmacherei beruhe, die beiden Juristen an der Verbandsspitze oft und gerne mit rechtlichen Abhandlungen und Drohungen auf kritische Fragen reagierten. Auch Intransparenz beim Einsatz der Fördermittel und durchs Band mangelhafte Kommunikation werden von verschiedener Seite kritisiert. Ein unabhängiger Beobachter stellt fest:

«Vor 15 Jahren wurden im Schweizer Sport viele Verbände so geführt. Doch heute sind die Ansprüche an Good Governance auch im Sport auf einem anderen Niveau.»

Die heftigsten Vorwürfe kommen aus dem Lager von aktuellen und ehemaligen Aktiven. Diese wollen aus Angst vor Repressalien anonym bleiben. Ihre in teilweise hoch emotionalen Gesprächen gemachten Aussagen erscheinen aber glaubwürdig und im Inhalt deckend.

So wird einem ehemaligen Nationaltrainer massives Mobbing und die Ausübung von psychologischem Druck und Erpressung vorgeworfen. Über Wochen habe er kein einziges Wort mit der betroffenen Person gesprochen, habe verschiedene Athleten und Athletinnen bewusst schikaniert und isoliert und damit ihren sportlichen Erfolg verhindert. Auch auf die Gesundheit seiner Schützlinge nahm er keine Rücksicht. Man habe auf diese Weise mit bewusster Rückendeckung des Vorstands eine ganze Generation von Fechterinnen geopfert.

Alles wird in die «richtigen» Bahnen geleitet

Die Verbandsspitze und insbesondere Präsident Carrard habe ständig die Kriterien für Selektionen angepasst und den Trainern dreingeredet. Wer sich dagegen aufgelehnt hat, sei fertiggemacht worden. Ein weiterer Fechter spricht von ethisch fragwürdigen Selektionsentscheiden, die sich bis hin zur laufenden Olympiaqualifikation ziehen. «Nicht die besten Fechter werden selektioniert, sondern jene mit den besten Beziehungen». Ein dritter Aktiver sagt, ihn störe, dass der Vorstand keine Chance auf Veränderung und Innovation anbiete.

«Man muss die besten Kandidaten wählen, unabhängig davon, wer sie vorgeschlagen hat. Aber die aktuelle Führung versucht das zu verhindern und setzt einmal mehr auf eine vorbestimmte Lösung.»

In der Tat verschickte Gabriel Nigon jüngst eine Mail mit der persönlichen Feststellung, dass er «nie mit solchen Personen in einem Vorstand zusammenarbeite werde. Zum einen, weil das Vertrauen zerstört ist und zum anderen, weil ich nicht will, dass der Verband an die Wand gefahren wird.»

Designierter Präsident wehrt sich gegen Vorwürfe

Der designierte neue Präsident und bisherige Vizepräsident Lars Frauchiger betrachtet die Vorwürfe in dieser Heftigkeit als haltlos. Man habe stets nach bestem Wissen und Gewissen für den Fechtsport gearbeitet, sicher nie etwas vertuscht. Der Berner Arzt zeigt sich aber auch selbstkritisch: «Der Breitensport war nicht zuvorderst auf unserer Prioritätenliste. Für ihn müssen wir künftig einen Effort leisten.» Auch die Kommunikation könne man verbessern. Zu den Kritikpunkten aus der Elite sagt Frauchiger:

«Selektionen sind immer ein heisses Eisen. Wir haben klare Kriterien aufgestellt und diese konsequent gelebt. Der Erfolg der vergangenen Jahre gibt uns recht.»

Er zeigt sich sowohl über die Fülle der Kritik wie auch über das plötzliche Interesse an Vorstandsämtern erstaunt, nachdem in den vergangenen Jahren kaum Wortmeldungen zu diesen Themen gemacht wurden und man oft wenig Interesse an einer Mitarbeit gezeigt habe.

Frauchigers Gegenkandidat Christoph Gächter tritt nicht nur als Präsident zur Wahl am Samstag an. Er nimmt jegliche Herausforderung im Vorstand an. Unabhängige Vereine, die keinem Block angehören, geben ihm die grössten Wahlchancen unter den Rebellen. Gächter widerspricht der fragwürdigen Behauptung des scheidenden Präsidenten Carrard in den offiziellen Unterlagen zur GV, wonach die beiden Gruppen nicht beabsichtigen, zusammenzuarbeiten. Der Bieler sagt, er sehe sich als Brückenbauer. Ethische Grundwerte und Anliegen von Good Governance seien Grundpfeiler seiner Arbeit. Er will sich insbesondere für jene Regionen und Klubs in der Schweiz einsetzen, die nicht im Epizentrum des Fechtsports liegen. «Der Fechtsport in der Schweiz ist zu klein, um auf Dauer einen Kleinkrieg zu führen.»

So oder so werden bald fünf neue Mitglieder die Geschicke des Vorstands leiten. Sie müssen den Beweis erbringen, für neuen Wind sorgen zu können und aufgerissene Gräben zuzuschütten. Angesichts der vergangenen Monate nichts weniger als eine Herkulesaufgabe.

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quelle: ap / lionel cironneau
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