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Die Spieler des EV Zug feiern mit dem Meisterpokal, im dritten Eishockey Playoff-Finalspiel der National League zwischen dem EV Zug und Geneve-Servette HC am Freitag, 7. Mai 2021, in der Bossard Arena in Zug. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Der EV Zug holte sich gestern den Meisterpokal. Bild: keystone

Eismeister Zaugg

Tränen beim Chef der harten Männer und ein Goldesel

Zug ist Meister. Die Fans fehlen und doch wird es ein emotionaler, ja berührender Abschluss einer kuriosen Saison.



Schlusssirene. Aus. Vorbei. Zug hat den dritten Final gegen Servette 5:1 gewonnen und ist Meister. Das lange Warten auf den zweiten Titel hat nach 23 Jahren ein Ende.

Die Spieler werfen Stöcke und Handschuhe weg und stürmen von der Bank zum Tor von Leonardo Genoni. So wie es immer ist nach vollbrachter Tat. Wenn sich die wochenlange Anspannung auflöst und in reine Freude verwandelt.

Und doch ist etwas so, wie es noch nie war. Nur 50 Fans sind da. Die Arena ist praktisch leer. Ungefähr so wäre es auch, wenn das Farmteam (EVZ Academy) die Meisterschaft gewonnen hätte.

Am anderen Ende der Eisfläche steht Henrik Tömmernes nahe der Bande. Er ist vor Erschöpfung vornüber gebeugt und stützt sich noch mit dem Stock in den Händen auf den Knien ab.

Nacheinander kommen seine Kameraden vorbei und umarmen ihn tröstend. Muntern ihren Leitwolf auf. Er hat alles gegeben. Alles ausgehalten. Alle Provokationen weggesteckt. Und doch reicht es am Ende nicht. Nur wenige Meter auseinander haben wir beides: untröstliche Enttäuschung und grenzenlosen Jubel.

Henrik Tömmernes personifiziert den tapferen, mutigen Aussenseiter, den schliesslich die Kräfte verlassen haben.

Kurz ein Blick zurück, um diese Nacht besser einordnen zu können: der Gegensatz könnte grösser nicht sein. Die letzte Meisterfeier haben wir vor zwei Jahren im grössten Stadion Europas erlebt. In Bern. Der SC Bern besiegt Zug 2:1. Etwas mehr als 17'000 dürfen offiziell dem meisterlichen Schauspiel beiwohnen. Aber an diesem 20. April 2019 sind wohl gut und gerne 20'000 Frauen, Männer und Kinder herbeigeeilt, um ihre Helden zu feiern.

Der SC Bern feiert mit dem Pokal den Schweizermeistertitel nach dem Sieg im fuenften Eishockey Playoff-Finalspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem EV Zug, am Samstag, 20. April 2019, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

SC Bern feiert den Sieg gegen Zug am 20. April 2019. Bild: KEYSTONE

Unten im «Bärengraben», dem freien Raum zwischen den beiden Garderoben steht nach dem Spiel, nach der Pokalübergabe etwas verloren Zugs Präsident Hans-Peter Strebel.

SCB-Manager Marc Lüthi ist auch da und ein wenig gönnerhaft tröstet er Zugs Obmann. Seine Botschaft, auf den Punkt gebracht: Du wirst es schon auch noch schaffen.

Niemand, wirklich niemand kann sich vorstellen, wie sich die Welt bis zur nächsten Meisterfeier verändern wird. Erst eine Saison ohne Meister und anschliessend eine Saison fast ohne Zuschauer. In Bern ein Meisterteam, das sich praktisch in Luft auflöst und zweimal hintereinander als Titelverteidiger auf den 9. Platz der Qualifikation stolpert.

Nun steht Hans-Peter Strebel unten auf dem Eis wieder Red und Antwort. Bescheiden, freundlich und doch mit einer stillen Autorität.

Der Apotheker und Wissenschaftler Hans-Peter Strebel (genannt HP Strebel) waehrend eines Rundganges durch das Spitzensport-Zentrum

Hans-Peter Strebel. Bild: keystone

Nach der Enttäuschung von 2019, nach der zweiten Finalniederlage in drei Jahren, hat er das Zuger Schiff unbeirrt auf Kurs gehalten. Kein Aktionismus. Er sagt, wenn man eine Vision habe und nicht vom eingeschlagenen Weg abweiche, dann komme man ans Ziel. Es sei schon immer seine Art gewesen, sich durch Rückschläge nicht beirren zu lassen und geradlinig seinen Weg zu gehen. Er hoffe nun, dass es bald einmal möglich werde, mit den Fans den Titel richtig zu feiern.

«Manchmal sind wir mit drei Cars zu den Spielen gefahren.»

Das sind nicht bloss höfliche Worte. Hier spricht ein Präsident, der einmal ein Fan war. Hans-Peter Strebel (72) ist von allem Anfang an dabei. Seit der Gründung des Klubs im Jahre 1967. «Am Anfang standen wir noch auf Abfallkübeln, um einen Blick aufs Eis zu erhaschen.»

Später habe er für Zugs Anhänger im Freiamt einen Fanclub gegründet und Busfahrten organisiert. «Manchmal sind wir mit drei Cars zu den Spielen gefahren.»

Auch beim ersten Titelgewinn 1998 nach einem 5:2 in Davos ist Hans-Peter Strebel dabei. Als Fan. Er habe damals in Muri eine Apotheke gehabt. «Von dort aus war der nächste Klub der EV Zug

Der Zuger Kaptain Andr Roetheli hebt am Samstag 11. April 1998 in Davos, den Meisterpokal in die Hoehe. (Keystone/Michele Limina)

Der Zuger Kaptain André Rötheli hebt am 11. April 1998 in Davos den Meisterpokal in die Höhe. Bild: KEYSTONE

Und nun darf er den zweiten Titel als Präsident feiern. Vom Fan zum Vorsitzenden. Der Unterschied zu damals sei die grössere Nähe zur Mannschaft. «Ich sehe die Spieler in unserem Leistungsportzentrum ja fast täglich.»

Dieses Zentrum (OYM) in Cham, gut 100 Millionen teuer, ist weltweit eines der modernsten dieser Art. Offen für alle Sportarten. Nicht für Eishockey. Und das Werk des Präsidenten.

Bei aller Freude und Genugtuung über den soeben errungenen Titel betont Hans-Peter Strebel, wie sehr ihm die Förderung des Nachwuchses am Herzen liege und wie gut sich das OYM («On Your Marks») entwickle. Der Titel ist für heute. Für das Hier und Jetzt. Das OYM ist sein Vermächtnis für Generationen.

Die Spieler leben den Augenblick. Lino Martschini spricht vom grössten Moment in seinem bisherigen Leben. Für Captain Raphael Diaz ist es der perfekte Abschluss seiner Zeit in Zug. Er verteidigt nächste Saison für Gottéron. Als er auf eben diesen Wechsel angesprochen wird, mag er darauf nicht eingehen. Noch sei er da und nicht an einem anderen Ort und wolle den Augenblick geniessen.

Zugs Rapahel Diaz reagiert waehrend dem Meisterschaftsspiel der National League zwischen den SCL Tigers und dem EV Zug, am Samstag, 3. April 2021, im Ilfisstadion in Langnau. (KEYSTONE/Marcel Bieri)

Für Raphael Diaz ist es der perfekte Abschluss in Zug – ab nächster Saison spielt er für Fribourg-Gottéron. Bild: keystone

Trainer Dan Tangnes ist sichtlich gerührt. Als er über seine Mannschaft spricht, über die Opfer, die jeder gebracht habe, um dieses grosse Ziel zu erreichen, schiessen ihm Freudentränen in die Augen.

Der Chef der harten Männer mit Tränen in den Augen: Auch das sagt etwas über den neuen Meister. Dan Tangnes steht im Augenblick des Triumphes für die Demut, die er und seine Spieler während dieser Rekord-Saison (nie hat eine Mannschaft während der Qualifikation mehr Punkte geholt) Tag für Tag, Spiel für Spiel gelebt haben. Nie sind sie hoffärtig geworden. Und stets hat der Chef einen feinen Sinn für Humor aufblitzen lassen.

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Die Highlights des entscheidenden Finalspiels. Video: YouTube/MySports

Der Titel beendet auch eine Ära. Alfons Spirig (72). Der Radio-Pionier («Sägemehl-Schawinski») der Zentralschweiz ist gerührt. Er war schon beim ersten Titel 1998 dabei. Und nun sagt er unten auf der Eisfläche zwischen zwei Interviews, das sei seine Abschiedsvorstellung. Er werde die Hockey-Berichterstattung aufgeben und nur noch über Schwingfeste berichten. Da sagt ihm jemand, wenn er auch im Schwingen so wie im Eishockey bis zum zweiten Titel dabeibleiben wolle, dann müsse er noch als 100-Jähriger mit dem Mikrofon ausrücken.

Was uns wiederum die historische Dimension der zweiten Zuger Meisterschaft zeigt. In den vier grossen Sportarten für Männer in der Inner- und Zentralschweiz – im Fussball, im Eishockey, im Handball und im Schwingen – gab es vor der Nacht auf den Samstag nur je eine Meisterschaft zu feiern: 1989 ist der FC Luzern zum einzigen Mal Meister geworden, 1992 der BSV Borba Luzern Handball-Meister und 1986 hat Harry Knüsel den bis heute einzigen Königstitel für die Innerschweizer erschwungen. Nur Zug ist jetzt doppelter Meister. Und damit im Herzen der Eidgenossenschaft das Mass aller sportlichen Dinge.

«Die Zuger haben eben einen Goldesel …»

Marco Maurer

Die Uhrzeiger rücken auf Mitternacht zu. Die Zuger feiern in der Kabine. Durch die halbdunklen Gänge trotten die besiegten Helden aus Genf zum Autobus.

Ganz am Schluss kommt Marco Maurer, der beinharte Verteidiger, der seit einem Sehnenabriss im Februar nicht mehr spielen kann und nach einer Operation genau an diesem Freitag mit der Therapie begonnen hat.

Die Genfer blicken enttaeuscht im dritten Eishockey Playoff-Finalspiel der National League zwischen dem EV Zug und Geneve-Servette HC am Freitag, 7. Mai 2021, in der Bossard Arena in Zug. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Die Genfer waren sichtlich enttäuscht. Bild: keystone

Seine Härte fehlte Servette bitterlich. Und bevor auch er in die Nacht hinausgeht, bringt er es auf den Punkt: «Die Zuger haben eben einen Goldesel …»

Mit dem «Goldesel» meint er Leonardo Genoni. Nicht etwa boshaft wegen des anständigen, guten Lohnes, den Zugs Meistergoalie verdient. Vielmehr ist es eine allerhöchste Respektsbezeugung: Überall dort, wo Leonardo Genoni das Tor hüte, gebe es am Ende der Saison meisterliches Gold. In Davos, in Bern und nun eben in Zug. Schon sechsmal. Mit guten Aussichten auf einen siebten Titel.

Keine Fans? Nun gut, im Stadion waren es nur die 50, die das Gesetz zur Stunde erlaubt. Doch rund um die Arena sind es mehrere Tausend. Anständig, freundlich, friedlich und fröhlich.

Zugs Torhueter Leonardo Genoni, trinkt, im sechste Eishockey Playoff Viertelfinalspiel der National League zwischen dem SC Bern und dem EV Zug, am Freitag, 23. April 2021, in der Postfinance Arena in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Für Goalie Leonardo Genoni ist es bereits der sechste Meistertitel.. Bild: keystone

Da und dort kracht ein Knallkörper. Und exakt um Mitternacht hebt gewaltiges Zischen und Krachen und Blitzen am Himmel an. Ein gewaltiges Feuerwerk ist gezündet worden.

Es ist der Schlusspunkt einer Saison, die in so vielerlei Hinsicht einmalig war. Und zugleich ein Feuerzeichen am nächtlichen Himmel, das die bösen Geister vertreibt und die Hoffnung weckt, dass vielleicht bald wieder normale Zeiten kommen.

Im Hockey. Und im richtigen Leben.

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