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From left,  of Austria celebrate after winning the men's 4x10-kilometres cross country relay at the Nordic Ski World Championship in Ramsau, Austria, Friday February 26, 1999. (AP Photo/Frank Augstein)

Die Siegerstaffel: Stadlober, Botwinow, Hoffmann und Gandler (von links). Bild: AP

Unvergessen

Herrlich, wie die ORF-Reporter ihre Staffel zum Sensations-WM-Gold schreien

26. Februar 1999: Von 1991 bis heute haben Norwegens Langläufer jede WM-Staffel für sich entschieden – mit einer Ausnahme. 1999 bei der WM in Österreich verblüfft das einheimische Quartett und holt phänomenal den Titel.



«G'wonnen ham s', de Trottel'n!»

Walter Mayer

ÖSV-Cheftrainer Walter Mayer ist fassungslos, während im Ziel der TV-Reporter Robert Seeger als Platzspeaker derart laut ins Mikrofon brüllt, dass die Lautsprecheranlage den Geist aufgibt. Was war da bloss geschehen?

Eine Stunde, fünfunddreissig Minuten und siebeneinhalb Sekunden vorher startet die WM-Staffel über 4 x 10 Kilometer. Der grosse Favorit ist selbstverständlich Norwegen, wie immer. Im Vergleich zum Titelgewinn 1997 ist nur der Startläufer ein anderer, Espen Bjervig ersetzt Sture Sivertsen. Danach folgen Erling Jevne, Björn Dählie und Schlussläufer Thomas Alsgaard.

Die Klassischläufer geben Gas – Botwinow stürzt

Doch bei Rennhälfte liegt Norwegen überraschend zurück. Markus Gandler und Alois Stadlober haben auf den klassisch gelaufenen Abschnitten Österreich in Führung gebracht.

Als dritter Läufer ist nun Michail Botwinow an der Reihe, ein Russe, einige Jahre vorher gezielt eingebürgert, weil ein vierter Athlet für die Staffel fehlte. Botwinow lässt Dählie nicht aufkommen – noch nicht. Doch in einer schnellen Abfahrt kommt er zu Fall.

«Scheisse, jetzt bin i schuld, wann's do no schiefgeht!»

Michail Botwinow

Botwinows Stock ist gebrochen und noch viel schlimmer: Er verliert allen Schwung. So kann Dählie aufholen und die Schlussrunde verkommt dann zum Duell zwischen dem grossen Alsgaard und Christian Hoffmann.

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Ein ORF-Rückblick auf den historischen Triumph. Video: streamable

«Ich habe den Rennverlauf von 1999 tausend Mal erzählt, den kann ich jederzeit abrufen», erinnert sich Hoffmann zehn Jahre später. Kein Wunder: Es läuft alles für ihn.

Alsgaard versucht auf der Zielgeraden vergeblich, aus dem Windschatten aufzukommen; auch weil ihn Hoffmann etwas abdrängt. «Wenn man sich das Video anschaut, sieht man, dass Alsgaard ein, zwei Schritte kurz etwas zurücknehmen musste. Ja, ich habe ihn doch ein bisschen geschnitten», gibt der Österreicher heute verschmitzt grinsend zu. Dann ist es geschafft – 45'000 Zuschauer sind im Delirium.

«Ich hab' fünf Jahre geredet und gepredigt, jetzt bleibt mir die Spucke weg.»

Toni Innauer, Nordischer Direktor im ÖSV

Fast nicht zu glauben: Cheftrainer Mayer handelte mit dem Verband noch während des Rennens übers Funkgerät eine Weltmeisterprämie für seine Athleten aus. Nun fängt ihn die Kamera ein, wie er ungläubig stammelt: «G'wonnen ham s', de Trottel'n!» Und im Ziel, wo die Lautsprecher wieder funktionieren, hören die Zuschauer Rainhards Fendrichs «I am from Austria».

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«I am from Austria» gilt als heimliche Nationalhymne. Video: YouTube/Rainhard Fendrich

Der Triumph Österreichs ist zwar sensationell. Alois Stadlober hält jedoch fest: «Unser Sieg ist wunderbar, aber kein Wunder.» Denn jeder der vier Läufer hatte an Titelkämpfen auch schon eine Einzel-Medaille gewonnen.

«Dieses Staffelrennen vergisst man nie wieder, diese Erinnerung nimmt man mit ins Grab. Das war das Highlight der Karriere, eine tiefe Befriedigung und Genugtuung, dass man es geschafft hat.»

Alois Stadlober orf

Zahlreiche österreichische Langläufer und Biathleten sind in den Jahren danach in Doping-Geschichten verwickelt. Cheftrainer Mayer gilt als zentrale Figur, er wird lebenslang gesperrt. Auch Botwinow war in die «Blutbeutelaffäre» verwickelt, Hoffmann kassierte eine Sperre von sechs Jahren. Gerade um die Jahrtausendwende waren viele Ausdauersportarten dopingverseucht.

Österreichs Langläufer haben seit dem Triumph an der Heim-WM 1999 nie mehr eine Staffelmedaille errungen. Seit dem einmaligen Ausrutscher hiess der Weltmeister wieder jedes Mal Norwegen. Das «Norge»-Quartett wird auch an der WM in Oberstdorf das Team sein, das es zu schlagen gilt.

Unvergessen

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