Gesundheit
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Durchhaltewillen wäre jetzt gefragt. Doch wir fühlen uns jetzt schon müde von dieser Pandemie und den dauernd ändernden Spielregeln. Vielleicht hilft es, abzutauchen und die Kontrolle abzugeben. Bild: shutterstock

Abtauchen und aussitzen: So überwintern wir die Pandemie

Die zweite Welle ist da, der Herbst auch und alles sieht nach einem langen und spassfreien Winter aus. Wir sind krisenmüde im ungünstigsten Moment. Daran kann man verzweifeln oder trotzig werden wie ein Kind. Doch was hilft wirklich?

Katja Fischer De Santi / ch media



«Ja, es ist eine zweite Welle. Und ja, es wird länger gehen – mehrere Monate», hiess es an der Medienkonferenz in Bern am Dienstag diese Woche. Und der irische Ministerpräsident fährt sein Land runter mit den Worten: «Es wird ein harter, ein sehr harter Winter.»

Es sind gerade wieder düstere Zeiten. Jedes Treffen mit Freunden fühlt sich wie das letzte an. Wer weiss in diesem Winter schon, was morgen sein wird. Sperrstunden drohen, Homeoffice und Tanzverbote. Letzte Runde also, draussen in der Kälte noch ein Bier trinken, bevor wieder jemand in die Quarantäne muss oder neue Verordnungen auch das Bier verbieten. Der Panik der ersten Monate, der Lockerheit im Sommer weicht nun die grosse Müdigkeit. Forscher der WHO bezeichnen es als «Pandemic Faitgue» und befürchten, dass die Hälfte der europäischen Bevölkerung davon betroffen ist. Und das im ungünstigsten Zeitpunkt.

Die Kurve steigt steil nach oben, Ärztinnen und Pfleger sind in Alarmbereitschaft und statt panisch sind alle genervt. Es ist eine Szene wie aus dem Film «Titanic». Der Eisberg ist gerammt, das Wasser läuft in die Kesselräume, jemand schreit «Schliesst die Schotten!», während sie oben auf dem ersten Deck weiter tanzen. Dieses Schiff kann doch gar nicht untergehen, oder? Dieses Virus ist wie das kalte Wasser im Maschinenraum, es geht nicht weg, nur weil man nicht daran glaubt.

Das Adrenalin ist nun weg, jetzt wird es mühsam

Wir kennen das Coronaspiel jetzt, und wir wären auch bereit mitzuspielen, aber die Regeln ändern sich dauernd. Wir wissen noch nicht einmal, wo wir stehen: Mittelfeld, Endspurt oder zurück auf Feld eins? Zu gewinnen gibt es auch nichts, im besten Fall einen Impfstoff. Es wird anstrengender, diese zweite Welle fordert uns mehr ab, als die erste. Es geht ein Stimmungswandel durch die Bevölkerung. Die Massnahmen werden vermehrt kritisiert, der Ton wird gehässiger. Denn das Adrenalin und die Anspannung, welche uns im Frühling hellwach hielten, sind weg. Der Neuigkeitswert, die Aufregung bleiben aus, was bleibt, ist Frust. Diese Masken sind lästig, die Hände jetzt schon trocken vom Desinfizieren und an Weihnachtsfeiern per Videotelefonie wollen wir gerade gar nicht denken.

Diese Pandemie setzt uns mehr zu, als wir vielleicht zugeben mögen. Nicht in medizinischer und wirtschaftlicher Sicht, dort ist die Faktenlage klar desaströs – sondern emotional und psychisch. Wir sind uns Stabilität gewohnt. Wir leben in einem der krisensichersten Länder der Welt, darauf sind wir stolz, damit werben wir in der Welt. Deshalb hat die UNO den Sitz in Genf und grosse Firmen ihren Standort in der Schweiz. Hier kann man sich auf die Regierung verlassen. Hier brauchen Gesetze und Verordnungen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis sie erlassen werden und alle reden dabei ein Wörtchen mit.

Doch das war, bevor Corona kam. Jetzt gilt morgen schon nicht mehr, worauf wir uns gestern gefreut haben. Dieser Virus trifft in der Schweiz auf Menschen, die nicht wissen, wie Krise geht. Wir regen uns ja schon auf, wenn wir fünf Minuten auf den Zug warten müssen. Was wir mögen ist Sicherheit und Verlässlichkeit, ein Virus ist das Gegenteil davon, unberechenbar, unbekannt, unsichtbar. Mit Ungewissheiten und Kontrollverlust können wir schlecht umgehen. Leider hilft gegen Covid-19 weder eine Unterschriftensammlung noch eine Demonstration.

Alles, was Spass macht, fällt weg, nur arbeiten sollen wir noch brav

Die Coronapandemie macht uns zu trotzigen Kindern. Kinder, denen man die Rassel kurz zum Spielen hingehalten und sofort wieder weggenommen hat. Arbeiten dürfen wir noch, aber bitte allein zu Hause, oder in der Werkstatt mit Maske, das restliche Leben läuft auf Sparflamme. Wir stehen zwar immer noch auf der Sonnenseite des Lebens mit allen Annehmlichkeiten, übervollen Vorratsschränken und den Skiurlaub haben wir auch optimistisch schon gebucht, aber es fühlt sich nicht gut an.

«Alles, was Spass macht, verbietest du mir», sagte mein siebenjähriger Sohn kürzlich zu mir. Er kletterte dabei auf einem morschen Brückengeländer herum. Ich holte ihn dort runter, stellte ihn auf den Boden und sagte: «Ich verbiete dir nicht alles, was Spass macht, aber vieles, was gefährlich ist.» Er schaut mich an und sagte trotzig: «Das ist das Gleiche!» Corona nimmt uns vieles, was Spass macht, weil es plötzlich gefährlich sein könnte. Corona macht uns zu gegängelten Kindern, waschen wir nicht brav unsere Hände, dürfen wir auch nicht tanzen. Und selbst wenn wir uns brav die Hände waschen, kann es sein, dass wir nicht tanzen dürfen, weil sich andere die Hände nicht gut genug gewaschen haben. Darauf wie mündige Erwachsene zu reagieren, fällt uns zunehmend schwer.

Stoisches Aussitzen wäre doch auch eine Schweizer Tugend

Durchhaltewillen wäre jetzt gefragt. Nicht im Sinne von panischem sich Verkriechen, sondern ein stoisches Aussitzen. Darin sind wir Schweizerinnen und Schweizer doch eigentlich ganz gut. Macht die Schotten dicht, setzt die Masken auf, damit dieses Schiff hoffentlich nicht untergeht. Wenn ihr dabei tanzen wollt, kein Problem, aber mit Abstand.

Ausharren, sich den Dingen, die wir nicht verstehen und nicht kontrollieren können, fügen. Im Kollektiv zu denken und an das Gute zu glauben, sind altmodische Tugenden, aus einer langsameren, schicksalsergebeneren Zeit, die uns jetzt helfen könnten. Denn der Frühling wird kommen, so viel ist sicher. Den Rest werden wir sehen.

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