Belarus
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epa08681864 Belarus women protest against the presidential election results during women's peaceful solidarity action in Minsk, Belarus, 19 September 2020. Opposition activists continue their every day protest actions, demanding new elections under international observation.  EPA/STR

Mehr als 300 Festnahmen bei Frauen-Protest gegen Lukaschenko. Bild: keystone

Lukaschenko lässt Hunderte Frauen verhaften – auch eine 73-jährige Veteranin der Proteste

In Minsk demonstrieren am Samstag rund 2000 Frauen für einen Machtwechsel. Diktator Lukaschenko schickte ein Grossaufgebot der Polizei. Mehr als 300 Frauen wurden verhaftet – auch eine 73-jährige Veteranin der Protestbewegung.



Bei der neuen Protestaktion von Frauen in Belarus (Weissrussland) gegen Staatschef Alexander Lukaschenko hat es nach Angaben von Menschenrechtlern mehr als 300 Festnahmen gegeben. Das Bürgerrechtsportal spring96.org veröffentlichte am Samstag die Namen von mehr als 300 Frauen, die bei der Aktion in der Hauptstadt Minsk in Gewahrsam kamen. Die Zahl war etwa doppelt so hoch wie bei den Protesten am Samstag vor einer Woche, als maskierte Uniformierte das erste Mal überhaupt mit brutaler Gewalt gegen die friedlichen Demonstrantinnen vorgegangen waren. Dabei gab es vor einer Woche auch Verletzte.

Police officers detain a woman during an opposition rally to protest the official presidential election results in Minsk, Belarus, Saturday, Sept. 19, 2020. Daily protests calling for the authoritarian president's resignation are now in their second month and opposition determination appears strong despite the detention of protest leaders. (AP Photo/TUT.by)

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An elderly woman reacts as police officers detain women during an opposition rally to protest the official presidential election results in Minsk, Belarus, Saturday, Sept. 19, 2020. Daily protests calling for the authoritarian president's resignation are now in their second month and opposition determination appears strong despite the detention of protest leaders. (AP Photo/TUT.by)

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Trotz Gewaltandrohung durch die Polizei versammelten sich wieder zahlreiche Frauen in Minsk. «Wir vergessen nicht! Wir vergeben nicht!» und «Lukaschenko w Awtosak!» – zu Deutsch: «Lukaschenko, in den Gefangenentransporter», skandierten die Demonstrantinnen am zentralen Komarowski-Markt. An mehreren Stellen standen Gefangenentransporter bereit. Autofahrer hupten den Frauen solidarisch zu, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur dpa berichtete.

Als die Uniformierten zugriffen, schrien die Frauen laut und riefen «Posor!» («Schande!»). Auch die 73 Jahre alte Nina Baginskaja, eine Veteranin der Protestbewegung und eine seit ihrem Kampf gegen die Kommunisten zu Sowjetzeiten bekannte Dissidentin, wurde in einen Transporter gezwungen.

epa08681629 Belarusian policemen detain an opposition activist Nina Baginskaya, 73, during women's peaceful solidarity action in Minsk, Belarus, 19 September 2020. Opposition activists continue their every day protest actions, demanding new elections under international observation.  EPA/STR

Die 73 Jahre alte Dissidentin Nina Baginskaja wird von maskierten Uniformierten abgeführt. Bild: keystone

Women attend an opposition rally to protest the official presidential election results in Minsk, Belarus, Saturday, Sept. 19, 2020. Daily protests calling for the authoritarian president's resignation are now in their second month and opposition determination appears strong despite the detention of protest leaders. (AP Photo/TUT.by)

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Seit der Präsidentenwahl am 9. August kommt es in Belarus täglich zu Protesten. Lukaschenko hatte sich mit 80,1 Prozent der Stimmen nach 26 Jahren im Amt zum Wahlsieger erklären lassen. Der 66-Jährige strebt eine sechste Amtszeit an. Die Opposition hält dagegen Swetlana Tichanowskaja für die wahre Siegerin.

Der «Marsch der weiblichen Solidarität», wie er hiess, war am Samstag zunächst ohne Polizeieinsatz durch mehrere Strassen gezogen. «Lang lebe Belarus!», riefen Frauen, während sie die historischen weiss-rot-weissen Fahnen trugen. Teils spannten sie Regenschirme in den Farben der Revolution auf, weil Sicherheitskräfte die Fahnen immer wieder beschlagnahmen. Die Dissidentin Baginskaja verlor am Samstag ihre inzwischen siebte Fahne – sie näht die Teile selbst, wie sie der dpa sagte.

epa08681821 A young woman painted tears in colors of the historic Belarusian flag on her face as she attends a rally in solidarity with the Belarusian people, following recent protests to reject the presidential election results near Belarus consulate in St. Petersburg, Russia, 29 August 2020. Opposition protests in Belarus continue against allege poll-rigging and police violence at protests following election results claiming that president Lukashenko had won a landslide victory in the 09 August elections.  EPA/ANATOLY MALTSEV

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Die Demonstrantinnen fordern Neuwahlen ohne Lukaschenko, die Freilassung aller politischen Gefangenen und die strafrechtliche Verfolgung der Polizeigewalt. Auch in anderen Städten des Landes waren die Frauen wie an den vergangenen Samstagen aufgerufen, friedlich gegen «Europas letzte Diktatur» zu demonstrieren. Das teilten die Organisatorinnen von Girl Power Belarus in ihrem Nachrichtenkanal bei Telegram mit.

Die Polizei hatte wie täglich bei Protesten gegen Lukaschenko gewarnt, dass die Strassenaktionen nicht genehmigt seien. Erlaubt werden nur Kundgebungen von Unterstützern Lukaschenkos, die aber kaum Zulauf haben.

Tichanowskaja lobte aus ihrem Exil in der EU den Mut der Frauen. «Sie gehen, obwohl ihnen ständig Angst gemacht und Druck auf sie ausgeübt wird», teilte die 38-Jährige mit. Zugleich warf sie dem «Regime» Lukaschenkos einen neuen Tiefpunkt vor, in dem es nun auch Kinder instrumentalisiere. Die Behörden hatten den sechsjährigen Sohn der Minsker Aktivistin Jelena Lasartschik am Freitag in ein Heim gesteckt. Hunderte Menschen forderten am Samstag vor der Einrichtung, den Eltern ihren Sohn zurückzugeben. Lasartschik verliess mit dem Kind am Vormittag das Heim – unter «Hurra»-Rufen und Applaus der Menge. Der Fall war auch Thema bei dem Frauen-Protest am Samstag.

Women wearing old Belarusian national flags attend an opposition rally to protest the official presidential election results in Minsk, Belarus, Saturday, Sept. 19, 2020. Daily protests calling for the authoritarian president's resignation are now in their second month and opposition determination appears strong despite the detention of protest leaders. (AP Photo/TUT.by)

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Women with old Belarusian national flags march during an opposition rally to protest the official presidential election results in Minsk, Belarus, Saturday, Sept. 19, 2020. Daily protests calling for the authoritarian president's resignation are now in their second month and opposition determination appears strong despite the detention of protest leaders. (AP Photo/TUT.by)

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Schockiert reagierte der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki auf diesen Vorfall. Wieder nutze die Führung des Landes Kinder als «politische Geiseln». Die Praxis ist bekannt aus kommunistischen Zeiten der Sowjetunion, als versucht wurde, den politischen Willen von Frauen auf diese Weise zu brechen. «Diese Barbarei muss aufhören», schrieb der polnische Politiker bei Twitter.

Im Wahlkampf hatte auch Tichanowskaja berichtet, dass ihr gedroht worden sei, ihre Kinder zu verlieren. Sie hatte Sohn und Tochter daraufhin in das benachbarte EU-Nachbarland Litauen bringen lassen. Auch ihre Mitstreiterin Viktoria Zepkalo hatte ihre Kinder auf diese Weise vor dem Zugriff der Behörden geschützt.

Swetlana Tichanowskaja, Kandidatin bei der Präsidentenwahl in Belarus wird die Ergebnisse der Präsidentenwahl nicht anerkennen, bei der sie nur rund 10 Prozent der Stimmen erhalten hat, wohingegen Staatschef Lukaschenko mit rund 80 Prozent der Stimmen klar gewonnen haben soll. Foto: Sergei Grits/AP/dpa

Swetlana Tichanowskaja. Bild: sda

«Sie versuchen, uns vor die Wahl zu stellen: entweder den eigenen Kindern treu zu sein oder dem Land», schrieb Tichanowskaja in einer Mitteilung. Aber solche Absichten liefen ins Leere, weil die Entschlossenheit der Frauen unterschätzt werde. «Es gibt nichts Stärkeres als eine Mutter, die um die Zukunft ihres Kindes, ihrer Familie und ihres Landes kämpft.» Tichanowskaja hatte so ihre Kandidatur bei der Präsidentenwahl begründet: Sie wolle bis zum Schluss für ein Leben in Freiheit für ihre Kinder in Belarus kämpfen. (sda/dpa)

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Gewalt gegen Protester in Belarus

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48 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
dodo, dodo?
19.09.2020 20:56registriert May 2020
meine ich das nur, oder bleiben die angekündigten druckversuche und solidaritätsbekundungen für die demonstrierenden, seitens der eu aus? allgemein halten sich die reaktionen von eu-politik begrenzt od nicht vorhanden...
schauen wieder alle weg?🤭
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manhunt
19.09.2020 20:55registriert April 2014
quo vadis, belarus? weiter geht der terror gegen die eigene bevölkerung, unter den blicken einer welt, welche nicht viel mehr als lippenbekenntnisse zu stande bringt. und mit der billigung putins, welcher keinen augenblick zögern würde, das russische volk notfalls mit der selben härte zu knechten.
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AFK
19.09.2020 20:41registriert June 2020
Wissen die vielen Putin Fans ins der Schweiz das er Lukaschenko finanziell unterstützt?
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