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Wer war John McAfee? Er war vor allem zwei Dinge: charismatisch und undurchsichtig.
Wer war John McAfee? Er war vor allem zwei Dinge: charismatisch und undurchsichtig.
bild: screenshot «gringo: the dangerous live of John Mcafee»

John McAfee ist tot – und er bereut nichts

24.06.2021, 18:12

Am 6. März 1992 hält die Welt den Atem an. Ein Computervirus – bis dahin in der Öffentlichkeit ein beinahe unbekanntes Phänomen – droht, die Festplatten von Computern lahmzulegen. Der Schädling hat einen Namen: Michelangelo. Fünf Millionen Geräte sind bedroht, das behauptet ausgerechnet jener Spezialist, der auch das Gegenmittel in der Hand hält: Antivirus-Hersteller John McAfee.

Der Softwareunternehmer aus dem Silicon Valley hatte zuvor ein erstes Anti-Virus-Programm geschrieben. Ehemalige Mitarbeiter und Nachbarn beschreiben McAfee als einen Menschen «mit besonderem Gespür für Bedrohungslagen». Auch das Wort «paranoid» fällt.

Doch das Geschäft mit der Angst funktioniert: Die halbe Welt reisst sich um McAfee-Produkte. Ein Jahr später, 1993, beherrscht seine 20-Nasen-Firma 67 Prozent des weltweiten Virenprogrammmarkts. Die Firma setzt Millionen um, und das, obwohl der Sohn einer Britin und eines amerikanischen Soldaten das Gegenteil eines klassischen IT-Geeks ist. Dem Charismatiker gelingt es, seine Angestellten zu Höchstleistungen anzuspornen. Und das in vielerlei Hinsicht: Wer Sex in den Büroräumlichkeiten hat, erhält Extrapunkte.

Des einen Freud, des andern Leid. Den Investoren der Firma entgehen die Zustände nicht. Sie fürchten um das Wachstum des Unternehmens – und kaufen sich von McAfee los.

Sein neu gewonnenes Geld investiert dieser in ein enormes Grundstück in den Bergen von Colorado. Erneut ist er der Zeit voraus. Er errichtet ein Yoga-Zentrum und bietet seinen Gästen gratis Unterkunft. Und wieder heisst es schnell, das Treiben auf dem Anwesen sei nicht nur spirituell. Einstige Besucher sprechen hingegen in den höchsten Tönen von McAfee. Er sei wie ein Erleuchteter.

2009 der Schock. Amerikanische Medien berichten nicht frei von Häme, McAfee habe während der Weltfinanzkrise einen Grossteil seines Vermögens verloren. Statt 100 besitze er nur noch ein paar wenige Millionen. Die Versteigerung seines Anwesens wird im Fernsehen ausgestrahlt. Der Filmemacherin Nanette Burstein suggeriert McAfee später, er habe die Welt getäuscht und im Glauben gelassen, kein Geld mehr zu besitzen. Er habe damit verhindern wollen, dass man ihn verklage. Es habe funktioniert. In Tat und Wahrheit habe er sein Geld über dutzende Briefkastenfirmen in Sicherheit gebracht. Ob das stimmt? Einiges bleibt unklar, wie auch später vieles in McAfees Leben.

McAfee zieht – manche sagen, er flieht – nach Belize. Er lässt sich in der drittgrössten Stadt Orange Walk Town am Ufer des New Rivers nieder. Der reiche Amerikaner macht sich in der verarmten Gegend schnell beliebt. Arbeitern auf seinem Grundstück bietet er den doppelten Lohn und Geld, um Eigenheime zu renovieren. Auch der lokalen Polizeiwache spendiert er grosszügig Equipment. Sein Plan ist, in Belize mit natürlich hergestellten Antibiotika durchzustarten. Dafür fliegt er die junge Mikrobiologin Allison Adonizio ein und einen Tross von Journalisten.

Doch in Belize trifft McAfee auch auf eine besorgniserregende Kriminalitätsrate. Der Mann mit einem «speziellen Gefühl für Bedrohungslagen» bekämpft Feuer mit Feuer. Er rekrutiert vorbestrafte Gangmitglieder, den Gefährlichsten macht er zu seinem Bodyguard. In die Stadt wagt er sich nur noch im Autokonvoi. Ein ganzes Dutzend Wachleute begleiten ihn dabei.

Trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – dringt ein Dieb in sein Anwesen ein. In den Armenvierteln der Stadt rekrutiert McAfee drei Gangmitglieder und setzt sie auf den Familienvater an. Sie erwischen ihn in einem Wäldchen. Augenzeugen berichten von grausamen Folterszenen. Der Kleinkriminelle wird mit Messern und Tasern in der Gesichts- und Genitalregion verletzt. Als er öffentlichkeitswirksam vor seinem Haus abgeladen wird, kommt jede Hilfe zu spät. Er stirbt später im Spital.

Aus Angst vor Rache lässt McAfee seine kleine Armee jeden Abend durch die Strassen von Orange Walk patrouillieren. Mit dem besten Freund des Opfers trifft er sich persönlich. Es handelt sich dabei um ein Gangmitglied mit üblem Ruf und dem Übernamen einer Maschinenpistole: Mac-10. McAfees Gespür für Menschen schlägt wieder zu. Es gelingt ihm, Mac-10 für sich zu gewinnen. Ab sofort arbeitet der beste Freund seines Opfers für ihn.

Die Produktion seiner natürlichen Antibiotika läuft weniger erfolgreich. Deshalb lässt er Allison Adonizio Farbmittel in Reagenzgläser abfüllen. Mit denen posiert er vor der Presse. Adonizio will diese Spielchen nicht mehr länger mitmachen und offenbart McAfee, Belize verlassen zu wollen. Im Film «Gringo: Das gefährliche Leben von John McAfee» schildert sie den Verlauf der Dinge, welche sich danach ereigneten. Sie sei von McAfee betäubt worden. Sie erinnere sich nicht mehr genau, aber sicher daran, dass sie ihn nackt gesehen habe. Nach einem weiteren Versuch eines klärenden Gesprächs muss die Mikrobiologin vor dem bewaffneten McAfee ins Labor fliehen, wo sie sich einschliesst. Nur mit der Hilfe von Freunden kann sie das Areal verlassen und den Flieger in die USA besteigen.

Wenig später stürmen 42 Angehörige einer Spezialeinheit das Anwesen am New River. Offiziell suchen sie nach einem Drogenlabor – gefunden wird aber nichts. McAfee nutzt die Chance, seine Version den Medien zu erzählen: Er habe sich geweigert, einem bestimmten Politiker der Regierung Geld zu spenden. Er präsentiert sich als Opfer und erklärt wiederholt, die Regierung wolle ihn liquidieren. In Orange Walk hält ihn nun nichts mehr. Er fühlt sich nicht mehr sicher. Mit seiner gesamten Entourage aus schwer bewaffneten Bodyguards, jungen Gespielinnen und abgerichteten Hunden zieht er ins Ferienparadies San Pedro.

Auf der auf Tourismus ausgerichteten Insel fällt die Bande schnell negativ auf. Vor allem der neue Nachbar McAfees, Gregory Faull, fühlt sich nicht mehr wohl. Er geht gerne am Abend zu Fuss dem Strand entlang in die Bar. Nun patrouillieren dort McAfees Wachleute mit Maschinenpistolen, nun wird er von Hunden angekläfft.

Als Faull McAfee darauf anspricht, antwortet dieser damit, dass er eine Schrotflinte hervorholt und durchlädt. Die reich beschenkte Polizei lässt McAfee ebenfalls gewähren. Faull greift deshalb zu rabiateren Mitteln und vergiftet McAfees Hunde. Er wird es mit seinem Leben bezahlen: Kurz danach findet ihn seine Haushälterin auf dem Rücken in einer Blutlache liegend. Todesursache: ein Kopfschuss aus nächster Nähe.

McAfee, der zuvor bereits Todesdrohungen gegen Faull ausgesprochen hat, gilt als Hauptverdächtiger. Dass er plötzlich unauffindbar ist, wirkt nicht entlastend. Ihm gelingt es, über die Grenze nach Guatemala zu flüchten, wo er aber aufgespürt und festgenommen werden kann. Belize verlangt die Auslieferung. Die lokalen Gesetze erlauben dies aber nur innerhalb einer bestimmten Frist. McAfee weiss das und täuscht einen Herzinfarkt vor. Im Spital erholt er sich wundersam – und rettet sich damit über die Zeit. Jetzt kann er erst in 12 Jahren wieder ausgeliefert werden. Statt ihn so lange einzusperren, willigt Guatemala ein, ihn an die USA auszuliefern.

Zurück in den USA erfindet sich McAfee wieder einmal neu. Er bewirbt sich als Präsidentschaftskandidat der libertären Partei und ist Gast bei einer offiziellen Debatte auf FOX-News. Er ist siegessicher – klassiert sich aber im parteiinternen Auswahlverfahren nur auf dem zweiten Platz.

2016 erscheint der bereits erwähnte, wenig schmeichelhafte Dokumentarfilm «Gringo: Das gefährliche Leben von John McAfee». Der Film zeichnet ein Bild eines höchst charismatischen, grosszügigen aber auch äusserst manipulativen Mannes, der nicht davor zurückschreckt, Notsituationen auszunutzen. Vor allem die Äusserungen seiner zahlreichen Gespielinnen über McAfees bevorzugte Sexpraktiken und seine Neigung zur Koprophilie schlagen im Netz hohe Wellen. Was dabei untergeht: Filmemacherin Burstein gelingt es, einen direkten Zusammenhang von Faulls Mord und McAfee herzustellen. So soll eine von McAfees Freundinnen Faull in sein Haus gelockt haben, in das später dank unverriegelter Türen «Mac-10» eindringen konnte. McAfee habe einen Tag vor dem Mord eine Zahlung über 5000 Dollar an den mutmasslichen Mörder freigegeben. Darauf angesprochen lächelt Mac-10 nur verlegen in die Kamera.

«Gringo: The Dangerous Life of John McAfee | Official Trailer | A Film by Nanette Burstein.»

Die belastenden Aussagen können McAfee derweil nichts anhaben – im Gegenteil. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Mit den Kryptowährungen hat er ein neues Feld entdeckt, in dem er sein Talent für Manipulation einsetzen kann. Er beginnt damit, täglich eine Kryptowährung zu bewerben. Die Folgen davon sind zu Beginn sprunghafte Kursgewinne. Lauthals verkündete er 2017: Wenn Bitcoin Ende 2020 nicht 500'000 Dollar erreiche, verspeise er seinen Penis live im nationalen Fernsehen.

Auf fruchtbaren Boden für seine Theorien trifft McAfee auch in der Verschwörerszene. Selbstverständlich wisse er, wer Q sei, twitterte er einst. Er sei ja John McAfee. Seine Befürchtungen, dass er von der Regierung umgebracht werde, wiederholt er nun öfters. Ein lässt sich «whackd» tätowieren – «kalt gemacht». Sollte er jemals tot aufgefunden werden, müsse man wissen: Er selbst sei es sicher nicht gewesen.

2020 wird er in Barcelona festgenommen, weil er in den USA wegen Betrug und Steuerschulden angeklagt ist. Kurz nachdem das Auslieferungsverfahren gutgeheissen wurde, bringt er sich in seiner Zelle um. Selbstverständlich wird sein Suizid angezweifelt – hat er doch jahrelang genau vor dieser Situation gewarnt. Ein letztes Mal gelingt es ihm, Zweifel zu säen. Erneut erhält er die so oft gesuchte Aufmerksamkeit.

Alle seine Freunde hätten sich in Luft aufgelöst, schrieb er in seinem letzten Tweet – er besitze nichts mehr – bereue aber auch nichts. Ob wahr oder nicht – John McAfee war ein wirklich talentierter Mann.

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